Projekttyp:

Wettbewerbe

Themen:

Kulturelle Vielfallt und Integration

Migrationen und die damit einhergehenden Folgen für die einzelnen Staaten und Gesellschaften sind zu einem zentralen Problem der internationalen Politik geworden. Insbesondere die westeuropäischen Staaten wurden durch den Fall des Eisernen Vorhanges, die Vollendung des Binnenmarktes sowie ihren Wohlstand zum Ziel von Wanderungsbewegungen. Handlungsfähige Konzepte zur Steuerung der Einwanderung und zur Integration von Ausländern liegen in den seltensten Fällen vor.

Die Jury des Carl Bertelsmann-Preises beschloss daher einstimmig in ihrer Sitzung im Januar 1992, auf wegweisende Beiträge zur Förderung des Zusammenlebens in einem multikulturellen Staat hinzuweisen. Für ihre beispielgebenden Gesetze und politischen Rahmenbedingungen bei der Integration von ausländischen Mitbürgern wurde die Auszeichnung 1992 dem Königreich Schweden zuerkannt.

Aus den Händen von Reinhard Mohn nahm die schwedische Ministerin für Einwandererfragen und Kultur, Birgit Friggebo, die mit 300.000 D M dotierte Auszeichnung entgegen. Über 700 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und den Medien nahmen am Festakt zur Preisverleihung in der Gütersloher Stadthalle teil.

Zur Vorbereitung der Jury-Entscheidung hatte die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft und Praxis ein Grundsatzpapier für eine fortschrittliche Einwanderungs- und Integrationspolitik entwickelt. Auf dieser Grundlage wurden zwei internationale Studien von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben, die vom Arnold-Bergstraesser- lnstitut, Freiburg, unter Federführung von Professor Dr. Dieter Oberndörfer, und der Forschungsgruppe Europa, Mainz, unter Leitung von Professor Dr. Werner Weidenfeld, durchgeführt wurden.

In seiner Laudatio hob Professor Dr. Weidenfeld als Begründung für die Preisentscheidung unter anderem hervor, dass das schwedische Modell einer fortschrittlichen Einwanderungs- und Integrationspolitik im Hinblick auf eine zukünftige europäische Lösung Vorbildfunktion übernehmen könne. Das Beispiel Schweden habe gezeigt, dass mit richtigen politischen Rahmenbedingungen eine realistische Chance bestehe, den Prozess der Integration ausländischer Mitbürger friedlich und gesellschaftsverträglich zu gestalten.

Obwohl Schweden noch im 19. Jahrhundert ein typisches Auswanderungsland war, sind heute 1 Million der etwa 8,5 Millionen Einwohner ausländischer Abstammung. Dagegen weisen die offiziellen Statistiken, bedingt durch die liberale Einbürgerungspraxis, nur einen Ausländeranteil von 4,6 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus. Dabei stellen neben den skandinavischen Nachbarn, die ohne Beschränkungen einwandern können, Jugoslawen, Türken und Asiaten die größten Zuwanderungsgruppen - eine Ausgangssituation, die durchaus mit der anderer europäischer Staaten vergleichbar ist.

Auf die Konfrontation mit den anderen Kulturen reagierte die schwedische Regierung bereits Mitte der 70er Jahre mit einer realitätsbezogenen, von allen Parteien getragenen Gesetzgebung, die eine konsequente Integration ausländischer Mitbürger ermöglichte. Früher als in anderen europäischen Staaten wurde erkannt, dass der größte Teil der ausländischen Mitbürger das Land nicht wieder verlassen würde und man de facto ein Einwanderungsland sei.

Im Zentrum der Integrationspolitik stehen der gleichberechtigte Zugang der Ausländer zum schwedischen Sozialsystem und die volle Mitgliedschaft am Gemeinwesen. Ziel der Politik blieb es stets, Ghettos und Minderheiten im Staat zu vermeiden, das Selbstbestimmungsrecht zur Wahrung kultureller Eigenprofile zu garantieren und Unterstützung für Ausländervereine zu gewähren. Zur Pflege ihrer ethnischen Identität haben Schulkinder nach dem sogenannten Elternhaussprachengesetz von 1977 Anspruch auf muttersprachlichen Ergänzungsunterricht, der in mehr als 50 Sprachen erteilt wird. Erwachsene Zuwanderer haben Anspruch auf kostenfreien Schwedischunterricht.

Als erstes europäisches Land führte Schweden 1975 das kommunale Wahlrecht für ausländische Mitbürger ein. Bereits nach dreijährigem Aufenthalt kann das aktive und passive Wahlrecht ausgeübt werden. Die Einbürgerung kann bei „unbescholtenem Lebenswandel" nach fünf Jahren beantragt werden. Aufgrund der liberalen Gewährung der Staatsangehörigkeit weist Schweden die höchste Einbürgerungsrate Europas auf.

Die schwedische Integrationspolitik wird durch eine entsprechende Einwanderungspolitik flankiert. Grundsätzlich werden Kinder ausländischer Mitbürger bis zur zweiten Generation und anerkannte Flüchtlinge aufgenommen. Darüber hinaus richtet sich die Hereinnahme von Ausländern danach, welche Kontingente die Gesellschaft in Zeiten wirtschaftlicher Rückschläge verkraften kann. Die Steuerung der Einwanderungsströme erfolgt durch ein eigens eingerichtetes Ministerium für Einwandererfragen und Kultur.

Damit verfügt Schweden im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern über eine zentrale Anlaufstelle für alle Fragen der Einwanderung und Integration. In den wichtigen internationalen Organisationen und Gremien tritt Schweden stets mit Initiativen zur Beseitigung der Fluchtursachen in Krisenregionen hervor.

Dem Festakt zur Preisverleihung war ein zweitägiges Symposium zum Thema „Zusammenleben in einem multikulturellen Staat - die Integration ausländischer Mitbürger in einer Zeit des Wandels" vorausgegangen. Inund ausländische Fachleute diskutierten das Problem der Einwanderung und Integration nach dem Vertrag von Maastricht und die Rahmenbedingungen für eine soziale und kulturelle Integration sowie für einen dauerhaften Religionsfrieden. Darüber hinaus standen Fragen der Ost-West-Migration und Maßnahmen zur Beilegung der Nationalitätenkonflikte in Osteuropa im Mittelpunkt.

Die Jury:

Professor Gerhard Banner, Erich Böhme, Dr. Gerd Bucerius, Dr. Klaus von Dohnanyi, Dr. h. c. Georg Leber, Liz Mohn, Reinhard Mohn (Vorsitzender), Professor Dr. Otto Schlecht, Dr. Theo Sommer, Horst Teltschik, Professor Dr. Werner Weidenfeld, Dr. Mark Wössner.