Projekttyp:

Wettbewerbe

Themen:

Hochschule, Qualitätsentwicklung

Mit der Vergabe des Carl Bertelsmann-Preises 1990 sollten Anstöße für längst überfällige Weiterentwicklungen im Hochschulbereich gegeben und durch die Auszeichnung von beispielhaften Initiativen Entwicklungsmöglichkeiten einer wirkungsvollen und fortschrittlichen Hochschulpolitik und Hochschularbeit aufgezeigt werden.

Gerade die in jeder Hinsicht gewachsenen quantitativen Dimensionen westlicher Hochschulen, verbunden mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung, Komplexität und Interdisziplinarität der zu vermittelnden und geforderten Wissensbereiche, stellen besondere und neuartige Herausforderungen an das Hochschulsystem. Diese beziehen sich gleichermaßen auf das Verhältnis von Staat/Gesellschaft und Hochschule, auf die Institution Hochschule und auf die Verfassung und Führung von Universitäten.Eine der vordringlichsten Aufgaben der Hochschulpolitik ist daher in der Befähigung der Hochschulen zu sehen, auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen einzugehen. Eine Evolution im Hochschulbereich im Sinne struktureller Anpassungen ist dringend geboten.

Evolution ist allerdings ohne Wettbewerb auf allen Ebenen - sei es innerhalb der Hochschulen, zwischen Hochschulen oder aber im Verhältnis der Hochschulen zu ihrem jeweiligen Umfeld - nicht möglich und erfordert neben staatlichen Zielvorgaben in erster Linie ein hohes Maß an Autonomie und Selbstverantwortung auf seiten der Hochschulen. Deren Autonomie setzt wiederum geeignete hochschulpolitische Rahmenbedingungen und sachgerechte Organisations- und Führungsstrukturen voraus. Je eindeutiger sich der Staat auf das Setzen allgemeiner Ziele und Regeln begrenzt und den Hochschulen die Erfüllung dieser Ziele in eigener Verantwortung überträgt, und je klarer in den Hochschulen selbst die Führungs- und Entscheidungsstrukturen geregelt werden, desto produktiver können diese ihren Auftrag in Forschung, Lehre und Studienorganisation erfüllen.

Der Carl Bertelsmann-Preis 1990 wurde auf der Grundlage umfangreicher Recherchen im In- und Ausland der Universität Warwick in Coventry, Großbritannien, in Anerkennung ihrer beispielhaften Umsetzung   sachgerechter Grundsätze der Universitätsarbeit sowie Professor Dr. Arnfinn Graue  und Magne Lerheim, beide von der Universität Bergen in Norwegen, für ihre besonderen Verdienste um die Gestaltung einer leistungsfähigen Universitätsarbeit und Hochschulpolitik zuerkannt.

Vor etwa 700 Gästen aus dem nationalen und  internationalen Hochschulsektor, der Wirtschaft, der Politik und den Medien überreichte der Vorstand der Bertelsmann Stiftung im Rahmen eines Festaktes in der Gütersloher Stadthalle die Urkunden dem Vice-Chancellor der Universität Warwick, Dr. Clark Brundin, und den beiden norwegischen Preisträgern.

Im Anschluss an einen Festvortrag des damaligen Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, Jürgen W. Möllemann, begründete Reinhard Mohn in seiner Laudatio die Entscheidungen der Jury. Die Universität Warwick in Coventry zählt zu den sogenannten „Neuen Universitäten" Großbritanniens. Gegründet 1969, hat sie sich innerhalb kürzester Zeit zu einer voll ausgebauten und anerkannten Hochschule von internationalem Rang entwickelt. Sie zeichnet sich durch eine besonders wirkungsvolle und effiziente Universitätsarbeit und zudem durch ein hohes Maß an Leistungs- und  Entwicklungsfähigkeit aus. In ihrer wissenschaftlichen Reputation ist sie in  Großbritannien vergleichbar mit den etablierten und klassischen Universitäten  Cambridge, Oxford und London und zählt im europäischen Vergleich zu den führenden Universitäten.

Nach Auffassung der Jury konnte die Universität Warwick schlüssig und exemplarisch belegen, dass die besten Prämissen für Leistung und Evolutionsfähigkeitim Bereich der Hochschulen weitgehende  Autonomie, Selbstverantwortung und leistungsorientierter Wettbewerb sind. Professor Dr. Arnfinn Graue und Magne Lerheim ist es gelungen, die Universität Bergen unter schwierigsten Bedingungen zu einer Modell-Hochschule umzugestalten und aktiven Einfluß auf die Kooperation zwischen Staat und Universität zu nehmen. So haben sie in ihrer  langjährigen und bis 1990 dauernden gemeinsamen Arbeit als Rektor beziehungsweise Direktor der Universität Bergen die Prinzipien einer wirkungsvollen und  fortschrittlichen Universitätsarbeit realisiert und deren Umsetzung in die Wege geleitet. Das von ihnen eingerichtete System der Leistungsmessung und leistungsbezogenen Ressourcen-Zuordnung, ihre Leistungen in Koordination, Planung, Kontrolle und nicht zuletzt ihr Führungsstil haben dazu geführt, dass die Universität Bergen mittlerweile in Norwegen Vorbildfunktion besitzt. Darüber hinaus haben die beiden Preisträger in führenden Funktionen innerhalb der norwegischen  Rektorenkonferenz gemeinsam die Hochschulpolitik ihres Landes maßgeblich und nachhaltig beeinflusst. Unter ihrer Mitwirkung konnten die Autonomie der  Hochschulen gestärkt und eine schlagkräftige Universitätsvertretung geschaffen werden.

Der Preisverleihung ging ein Symposium zum Thema „Evolution im Hochschulbereich" voraus. Eineinhalb Tage unterzogen nationale und internationale Fachleute, Universitätsführer und Politiker die Forderungen der Bertelsmann Stiftung zur Hochschulpolitik und -arbeit einer konstruktiven Kritik und behandelten die vom Anliegen des Carl Bertelsmann-Preises berührten Problemstellungen. Dabei wurden insbesondere das Verhältnis von Staat und Universität, Fragen der Verfassung,  Führung und Organisation von Universitäten, Probleme der Leistungs und Qualitätsmessung in Universitäten und nicht zuletzt die seit langem erhobene  Forderung nach mehr Wettbewerb im Hochschulbereich diskutiert.

Ein Konsens unter den Teilnehmern des Symposiums bestand dahingehend, dass ohne eine größere  Autonomie und ohne einen verstärkten inter- und inneruniversitären Wettbewerb kein entscheidender Fortschritt im Hochschulbereich erwartet werden kann.