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Ein CEO nach seinem Abgang ohne Dienstwagen und Vorzimmer? Der Fußball-Star nach dem Abstieg ohne Verein? Minister nach der Demission in der Economy-Schlange? Der Rockstar im Alter ohne Groupies? War’s das? Aus, Ende, vorbei? Wie geht es den vor Kurzem noch Gefeierten jetzt? Nichts scheint schwieriger als der Moment, wenn man Prestige- und Machtverlust realisieren muss.
Gespräche mit Entmachteten haben etwas Unangenehmes, für beide Seiten. Je nachdem, wie sie mit ihrer Macht umgegangen sind, fürchten Entmachtete nun die Häme ihrer Gegenüber. Diese wiederum schauen kritisch auf ihre eigene Ehrerbietung zurück und freuen sich, nun dem Ex-Machtmenschen gegenüberzustehen, der seiner Rolle entledigt wurde. Und sei es nur, um zu schauen, wie er/sie wirklich ist.

Ausgeklüngelt

Menschen haben Macht in Organisationen, weil sie ihnen über ihre Rollen zugewiesen wird. So jedenfalls hat es viele Jahrhunderte lang funktioniert. Mit höherer Position in der Hierarchie steigt die Machtbefugnis: Oben wird gesagt, unten wird getan. Doch die „heilige Herrschaft“ – so die wörtliche Übersetzung von Hierarchie – ist in den Organisationen ins Wanken geraten. Die einfache Zuweisung von Macht funktioniert nicht mehr. So verändert sich auch die Symbolik der Macht: Konspirative Verhandlungen zu Mergers, Gehaltserhöhungen mit allen ihren Ritualen, Vermerke wie „strengstens vertraulich“, der vorauseilende Gehorsam von Hofstaatlingen oder die Launen der Pop-Diva beim Foto-Shooting mögen einigen immer noch als Zeichen von Einfluss und Insignien der Macht gelten; für viele haben sie aber auch zunehmend etwas Absurdes. Mit dem Siegeszug der Wissensarbeit und dem Aufkommen flacher, dezentraler Wertschöpfungsnetzwerke wird auch die Macht in den Organisationen flüchtiger. Steigende Transparenz von Leistungsbewertung und die zunehmende „Unterwachung“ von Führungshandeln führen zur Auflösung der althergebrachten Legitimationsmechanismen von Macht durch Zuweisung und Amt. Und: Macht in Organisationen war noch nie so leicht zu zerstören wie heute. Die steigende Anzahl der öffentlichkeitswirksam gewordenen Fälle von Corporate Governance -Verstößen zeigt: Transparenz macht Mächtige verletzlich.
Früher ging Hierarchie oft mit Erbfolge einher. In den Hinterzimmern wurde ausgeklüngelt, welcher Nachfolger die eigene Machtbasis am besten zu sichern weiß. Man kannte sich, der Stallgeruch entschied. Wer heute klüngeln will, braucht mindestens ein weiteres Hinterzimmer hinter dem Hinterzimmer

Macht macht sich nützlich

Weil Macht nicht mehr einfach qua Amt verliehen werden kann, muss sie sich heute mehr denn je immer wieder im Handeln der Mächtigen beweisen. Damit ändert sich die Bedeutung von Macht, sie wird zurechenbarer, verbindlicher, nützlicher.Gleichzeitig ist diese neue Welt der nützlichen Macht unübersichtlicher als die alte Welt der zugewiesenen Macht. Damals wusste man, zu wem man gehen musste, wenn man wirklich eine Entscheidung brauchte. Heute wechseln die Koalitionen, die das Sagen haben. Sind es die Investoren, oder ist es doch der Vorstand? Haben nicht am Ende die Kaufleute das Heft in der Hand? Wenn der Glaube an die formale Macht schwindet, beginnt die Suche nach den eigentlich Mächtigen.

Die Organisation als Machtverleih

Es wird immer wichtiger zu wissen, wie die wichtigen Entscheidungsprozesse in der Organisation wirklich laufen und wer an ihnen beteiligt ist. Mit den wechselnden Koalitionen und einer erstarkenden Führung von unten wird die Organisation zum Machtverleih, der Weisungs- und Entscheidungsbefugnis immer dorthin zu bringen versucht, wo sie gerade zum Wohle des Mehrwerts gebraucht wird. Diese neue Unübersichtlichkeit fordert den karrierebewussten Mitarbeiter. Weil Macht nun nicht mehr automatisch „oben“ ist, wird ein gut ausgeprägter Spürsinn für nützliche Macht zur Kernkompetenz.Schlechte Karten haben bei diesem Spiel all diejenigen, die meinen, dass sie beim Machtverleih selbst als Personen gemeint sind, dass sie als Menschen mächtig sind, nicht als temporär mit einer verantwortungsvollen Rolle Betraute. 

Zum Greifen nah

Wie viel von der alten Welt der Macht übrig ist und bleibt, hängt sicher von Branche, Größe und Aufgaben der jeweiligen Organisation ab. Sicher ist, dass es noch nie so viele Möglichkeiten gab, mächtig zu werden. Weil Macht flüchtiger geworden ist, sucht sie Anknüpfungspunkte, um kein Vakuum von Entscheidung und Steuerung aufkommen zu lassen. Deshalb wird es immer wichtiger, dass sich dieser nützlichen Macht bemächtigt wird. Und zwar von denjenigen, die sie zum Wohle der Organisation einsetzen wollen.So findet die Macht in Organisationen vielleicht wieder dorthin zurück, wo sie einst herkam: Etymologisch beschreibt „Macht“ ein Können, das Vermögen etwas zu tun. Dann wird es möglicherweise auch wieder leichter, über Macht in Organisationen zu sprechen, ohne nur an düstere Machenschaften zu denken.

Martin Spilker ist Leiter des Kompetenzzentrums Führung und Unternehmens- kultur der Bertelsmann Stiftung.

Prof. Dr. Heiko Roehl ist Geschäftsführer der Kessel und Kessel GmbH