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Text von Caspar Dohmen für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung.
Gekürzte Fassung des Beitrags in change 2/2013

Von „systemisch organisierter Verantwortungslosigkeit“ spricht Thomas Jorberg, fragt man ihn nach dem Zustand des heutigen Finanzsystems, weil bei gleichem Risiko und gleicher Laufzeit einer Anlage immer die Höhe des Zinssatzes darüber entscheide, was mit dem Geld passiert. „Völlig außer Acht bleibt, was finanziert wird“, kritisiert der Chef der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken, kurz GLS Bank.

Genauso ungewöhnlich wie der Name der Bank ist ihre Geschichte und Arbeitsweise. Der 56-jährige Bankdirektor ist ein gefragter Gesprächspartner, seitdem die Finanzkrise den Ruf seines Berufsstandes ramponiert hat. Journalisten, Politiker und Verbraucher interessieren sich zunehmend für sein Institut. Regelmäßig fährt Jorberg auch zu Preisverleihungen, wie im Dezember nach Düsseldorf, wo die Bank zum „nachhaltigsten deutschen Unternehmen 2012“ gekürt wurde, als erste Bank überhaupt.

Jorberg weiß um den Etikettenschwindel, den viele Unternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit betreiben. Manche setzten nachhaltig nur mit langfristig gleich, erzählt er, andere hätten ihre ökonomischen Ziele einfach um eine ökologische und soziale Komponente ergänzt.

Das alles entspricht nicht unserem Nachhaltigkeitsverständnis“, sagt Jorberg: „Ziel unserer Tätigkeit ist eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und unserer Lebensgrundlagen.“

Geld verstehen wir als ein soziales Gestaltungsmittel.

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank

Jorberg kann darauf verweisen, dass bei seiner Bank dieses Verständnis schon lange Programm war, als der Begriff „nachhaltig“ in Mode kam. Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen zu helfen, das war der Impuls des Kreises um den Notar Wilhelm-Ernst Barkhoff, der 1974 die erste ethische Bank Europas gründete.

Ihnen ging es um sozialen, nicht um monetären Gewinn. Anfangs verzichteten sie sogar ganz auf Kreditzinsen. Stattdessen legten sie ihre Kosten am Ende eines Jahres über eine geringfügige Umlage auf die Kreditnehmer um.

Wie das Nachhaltigkeitsmodell in der Praxis funktioniert:

Wer sein Geld bei einer konventionellen Bank anlegt, erfährt gewöhnlich nicht, was mit seinen Ersparnissen passiert. In dieser Anonymität des Geldstroms sahen die Alternativbanker von Anfang an ein Haupthindernis für verantwortliches Handeln von Menschen, welches unverzichtbar sei für gesellschaftlichen Fortschritt. Ethisches Handeln sei Sache des Einzelnen, sagt Rolf Kerler, erster Chef der Bank. Ethisch könne ein einzelner Mensch sein, „der sich zu etwas durchringt, von dem er überzeugt ist, dass es in dieser besonderen Situation Gutes bewirkt“, sagt er. Möglich sei dies bei Geld nur, wenn die Menschen den Durchblick hätten.

Zu Beginn stellten sie in einem Bankbrief Projekte vor und warben um Direktkredite, ob für den Bau einer Waldorfschule, eines Kindergartens oder eines ökologischen Bauernhofs. Heute kann jeder Kunde angeben, für welche Bereiche die Bank seine Einlagen nutzen soll, beispielsweise für erneuerbare Energie oder soziale Projekte. Dreimal jährlich listet die Bank in ihrer Kundenzeitschrift auf, wer in welcher Höhe zuletzt einen Geschäftskredit erhalten hat. Hier liest man, dass der Förderverein der Waldorfschule Essen einen Kredit in Höhe von 1,6 Millionen Euro für den Werkstattneubau erhalten hat, eine Summe von 8.000 Euro für die Regionalwährung DreyEcker geflossen ist oder 140.000 Euro in die Fotovoltaikanlage Herz und Salffner in Wiesbaden. Rund 12.000 Projekte finanziert die Bank derzeit. Nur wer auch sein Einverständnis für die Veröffentlichung dieser Daten gibt, erhält Geld. Datenschutzrechtlich ist dies möglich, solange es um Kredite für Firmen oder Organisationen geht. Privatkredite werden nur akkumuliert ausgewiesen.

Die Banker haben einen langen Katalog von Ausschlusskriterien aufgestellt, die sowohl für Kreditsuchende als auch für die Eigenanlagen der Bank gelten. Dazu zählen unter anderem Verstöße gegen Menschenrechte, Kinderarbeit, Biozide oder Agro-Gentechnik. Gute Karten haben Kreditsuchende, die die Positivkriterien der Bank erfüllen, mit denen diese eine nachhaltige Wirtschaft fördern will, wie Unternehmungen aus dem Bereich ökologischer Landwirtschaft und erneuerbarer Energie oder solche, deren Initiatoren soziale und entwicklungspolitische Ziele verfolgen.

Das Institut beschränkt sich zudem ganz auf das klassische Bankgeschäft, nimmt also Einlagen von Kunden entgegen und gibt Kredite aus, lebt von der Differenz zwischen Kredit- und Guthabenzinsen. Anders als Deutsche Bank & Co. betreiben die Bochumer keinerlei Eigenhandel, ob mit Aktien, Währungen oder Derivaten. Allerdings legen auch sie einen Teil der Kundengelder auf dem Kapitalmarkt an. Denn Banken dürften nur einen Teil der Einlagen als Kredite vergeben, etwa 70 Prozent. Der Rest gilt als Liquiditätspuffer, der vorzuhalten ist.

Die Auswahl der Eigenanlagen filtert die GLS Bank nach einem abgestuften Verfahren. Sie beauftragt spezialisierte Dienstleister wie das Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft (Imug) oder Oekom Research mit einer Auswahl von Wertpapieren, die ihre Kriterien erfüllen.

Die Ergebnisse überprüft der vier Mal jährlich tagende Anlageausschuss des Instituts, laut GLS ein Unikum in der deutschen Bankenlandschaft. Ihm gehören Mitarbeiter und externe Spezialisten an, wie Antje Schneeweiß von Südwind: „Wir erleben immer wieder, dass Unternehmen, die gut geratet werden, nach unseren eigenen Erkenntnissen, über die wir uns austauschen, gar nicht mehr so gut dastehen. Ich habe schon oft erlebt, dass wir in einem solchen Gremium Unternehmen oder ganze Branchen ausgefiltert haben“, sagt die Expertin für nachhaltige Geldanlage. Etwa jede vierte Anlageempfehlung der Dienstleister streicht der Anlageausschuss.

Außerdem informiert die Bank komplett über ihre Anlagen; die Einzelheiten sind im Internet frei verfügbar. Zu erfahren ist dort beispielsweise, in welchem Umfang und warum die Bank Staatsanleihen Deutscher Länder hält, Unternehmensanleihen von British Telecom oder Aktien des französischen Autobauers Renault.

„Diese Durchlässigkeit zwischen Geldanlageseite und dem, was die Bank dann mit dem Geld macht, unterscheidet die Bank von anderen Instituten“, sagt Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette DM und Aufsichtsrat der GLS Bank. Der Kunde könne mitbestimmen und nachverfolgen, was mit seinem Geld geschehe, das schärfe sein Bewusstsein. Zudem diszipliniere es das Management, sagt der Wissenschaftler Stephan Paul von der Universität Bochum. Die Vorgehensweise zwinge die Manager, ihre Investitionen zu erklären, und halte sie schon allein deswegen von komplexen, schwer zu durchschauenden Geschäften ab, unabhängig davon, wie viele Kunden diese Informationen letztlich abfragten.

Man habe den Zins als „soziale Tatsache“ akzeptiert, sagt Mitgründer Kerler. Allerdings habe man es für möglich gehalten, dass die Kunden im Laufe der Zeit weniger Zinsen verlangen könnten, wenn sie sehen, was für Projekte sie damit ermöglichen können. Gerade sozial nachhaltige Projekte können oft nur verwirklicht werden, wenn es zinsgünstige Kredite gibt. Wer sein Konto bei der GLS Bank eröffnet, kann deswegen angeben, ob er ganz oder teilweise auf Zinsen verzichtet. In den Anfangsjahren machte etwa ein Fünftel der Kunden davon Gebrauch, zum Wohl gemeinnütziger Kreditnehmer. Mit dem Wachstum der Bank sank der Prozentsatz, heute leisten nur noch ein Zehntel der Kunden diese Zinsspenden.

Geld gleicht dem Seewasser. Je mehr davon getrunken wird, desto durstiger wird man.

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank

Dieser Satz ist mit dicken Lettern auf dem Plakat zu lesen, das an der Fassade der Hauptverwaltung der Bank in der Bochumer Christstraße hängt. Jorberg war 1977 der erste Lehrling. Einige Lektionen des Einmaleins für Bankkaufleute musste er bei der örtlichen Volksbank lernen, denn die Gemeinschaftsbank war damals ziemlich klein, zwölf Mitarbeiter und 2.335 Kunden, und sie bestritt gar nicht alle üblichen Bankgeschäfte, so gab es kein Girokonto.

Heute wechseln 2.000 Kunden jeden Monat zu der Alternativbank mit ihren 430 Beschäftigten. Ende des Jahres dürften die Bochumer mehr als 150.000 Kunden haben. Damit ist die größte deutsche Alternativbank genauso groß wie eine mittelgroße Sparkasse.

Aber kann sie mit ihrem Geschäftsgebaren Gewinn machen, den sie selbstverständlich auch benötigt, beispielsweise, um notwendige Investitionen zu tätigen oder Rücklagen für Kreditrisiken zu bilden?

Tatsächlich schneiden Alternativbanken gut ab. Das belegt eine Studie der Rockefeller-Stiftung. Sie verglich im Auftrag von 22 Alternativbanken deren Geschäfte mit denen von 29 als systemrelevant geltenden Häusern, also solchen, bei denen besondere Vorsicht geboten ist, weil sie aufgrund ihrer Größe und Vernetzung bei einer Pleite ganze Volkswirtschaften in Mitleidenschaft ziehen können. In dem untersuchten Zeitraum von 2001 bis 2011 war die Gesamtkapitalrendite der nachhaltigen Banken höher als bei den systemrelevanten Instituten.

 

Zugzwang durch Bankenregulierung

Allerdings hat das Geschäftsgebaren der Großbanken negative Konsequenzen für kleinere und nachhaltig agierende Häuser wie die GLS. Viele Regierungen denken über neue Regeln für Banken nach. Die Geldhäuser sollen beispielsweise mehr Eigenkapital vorrätig halten, damit sie Krisen besser überstehen und der Steuerzahler nicht so schnell einspringen muss.

 

Diese Regeln, geschaffen, um die Machenschaften großer Häuser zu unterbinden, setzt auch die GLS unter Zugzwang. Deswegen gab die Bank Ende 2011 etwas auf, mit dem sie sich seit ihrer Gründung ebenfalls bewusst von anderen Banken abgesetzt hatte: den Zinsverzicht für Genossenschaftsanteile. Nur so glaubte man genügend Eigenkapital einsammeln zu können, um die künftigen gesetzlichen Vorgaben erfüllen zu können. Der Plan ging auf, ein Stück Andersartigkeit verloren.

Weitere Beispiele für nachhaltige Banken

Umweltbank Die Umweltbank finanziert ausschließlich Umweltprojekte.

Ethikbank Die Ethikbank bedient ihre Kunden als Direktbank telefonisch oder online. Mit ihren Krediten finanziert sie ausschließlich „ökologisch und sozial sinnvolle Maßnahmen“ wie Passiv- und Energiesparhäuser oder Projekte zur Erhaltung kultureller Werte.

Triodos Bank Die Triodos Bank wurde 1980 auf Initiative der niederländischen Triodos-Stiftung gegründet und finanziert ausschließlich Unternehmen, Institutionen und Projekte, die zum Wohle von Mensch und Umwelt beitragen.

 

Unser Autor

Was macht die Bank mit unserem Geld? Am Beispiel des weltweit ersten sozial-ökologischen Finanzinstituts, der GLS Bank, beschreibt Caspar Dohmen in seinem Buch „Good Bank“, wie „Good Banking“ funktioniert. Ganz konkret zeigt der Autor, dass sich Wirtschaftlichkeit und soziale Visionen zu wechselseitigem Vorteil verbinden lassen. Das Buch ist erschienen im Freiburger Verlag Orange Press.