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© Enno Kapitza

Text von Dagmar Rosenfeld für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung.
Gekürzte Fassung des Beitrags in change 1/2014

Die Namen Dürkopp und Koch stehen für 150 Jahre deutsche Ingenieurskunst, die bis heute unter dem Label „Made in Germany“ weltweit Ansehen genießt. Die Gründer und Namensgeber hätten sich wohl nie träumen lassen, dass vor ihrem Firmengelände einmal eine chinesische Fahne wehen und im fernen Shanghai über die Zukunft des Bielefelder Nähmaschinenherstellers entschieden würde.

Vom Entwicklungshelfer zum Tochterunternehmen

1984 hatte das Unternehmen erstmals Kontakt mit Fernost. Eine Delegation reiste zusammen mit drei Containern voller Nähmaschinen nach Hothot in die Innere Mongolei. Damals kamen die Dürkopp-Adler-Leute als eine Art Entwicklungshelfer, im Gepäck hatten sie den technischen Fortschritt der Bekleidungsproduktion.

Dem Mittelalter näher als der Neuzeit, so habe er das Land wahrgenommen, erzählt Dietrich Eickhoff –heute Vorstandschef des Konzerns. Damals habe er sich nicht vorstellen können, dass er nur 20 Jahre später in einem Shanghaier Hotel mit chinesischen Unternehmern die Übernahme von Dürkopp Adler verhandeln würde. Seit Sommer 2005 ist der Bielefelder Mittelständler Teil der SGSB-Gruppe, eines Nähmaschinenproduzenten aus China.

Gekommen um zu bleiben

Dürkopp Adler ist eine der deutschen Firmen, die im Zuge der zweiten Übernahmewelle aus China aufgekauft wurden. Zuvor lag der Fokus der Investoren auf kriselnden Betrieben, mit dem Ziel, die Patente zu übernehmen, die Produktion nach China zu verlagern und die deutschen Standorte zu schließen.

Die Investoren der zweiten Welle verfolgen eine andere Strategie. Sie kommen, um zu bleiben. Auch das Shanghaier Unternehmen will durch Firmenkäufe vom deutschen Know-how profitieren und neue Märkte erobern. Doch was bedeutet dieses Bleiben für die Unternehmenskultur in der Bielefelder Firma?

Essstäbchen in der Kantine

Bei Dürkopp Adler wird auf den Fluren noch mit „Mahlzeit“ gegrüßt, die Firma sponsert den lokalen Fußballverein Arminia Bielefeld und beherbergt mit der BKK Dürkopp Adler eine der ersten in Deutschland gegründeten betrieblichen Krankenkassen auf dem Firmengelände.An diesem Montag stehen auf dem Speiseplan der Dürkopp-Adler-Kantine wahlweise Spinat und Omelett oder Kotelett mit Karottengemüse. Einzig die Essstäbchen im Besteckkasten an der Kasse zeugen von fernöstlichem Einfluss in Bielefeld.

Der große Wandel in der Unternehmenskultur durch die chinesische Übernahme blieb aus –anders als von den meisten befürchtet.

„Ach du dickes Ei, jetzt kommen auch noch die Chinesen“
Diese Skepsis herrschte auch im Frühjahr 2005, als der Verkauf auf einer Betriebsversammlung bekannt gegeben wird. „Ach du dickes Ei, jetzt kommen auch noch die Chinesen“, so beschreibt Vorstandschef Eickhoff die damalige Stimmungslage in der Belegschaft. Mancher fürchtete den berüchtigten chinesischen Drill, morgendlicher Frühsport für die Mitarbeiter und ordentlich Überstunden inklusive.

Verändert hat sich auch etwas: Die Haltung und Motivation der Belegschaft – und zwar zum Positiven. Es herrscht Aufbruchsstimmung in den Bielefelder Werkshallen. Nach Jahren geprägt durch Verluste und Reduktion – von einst 3.000 Stellen in Bielefeld existieren heute nur noch 250 (weltweit 1.300) – hat Dürkopp Adler wieder eine Zukunft. Die Zahl der Auszubildenden nimmt ebenso zu wie die der Auftragseingänge.