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Ken Seet/Corbis

Herr Arpe, was sind eigentlich Megatrends?

Jan Arpe: Megatrends sind Entwicklungen, die weltweit fundamentale gesellschaftliche Veränderungen bewirken, beispielsweise der Klimawandel, die gesellschaftliche Alterung, aber auch die Digitalisierung oder die zunehmende internationale Vernetzung, sprich: die Globalisierung.

Und welches sind die markantesten Auswirkungen der Globalisierung auf den Welthandel, Herr Petersen?

Thieß Petersen: Zunächst einmal ist der Welthandel seit 1990 erheblich angestiegen. Man kann sagen, dass der Fall des Eisernen Vorhangs einen regelrechten Globalisierungsschub ausgelöst hat. Zudem beobachten wir spätestens seit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO 2001, dass der Anteil der Schwellenländer am Welthandel immer stärker wird. Und drittens haben wir festgestellt, dass nicht mehr nur fertige Produkte, sondern auch immer mehr Vorleistungen gehandelt werden. Dies ist ein Indiz dafür, dass sich der  Trend zur internationalen Arbeitsteilung weiter verstärkt hat: Die weltweite Produktion von Gütern verteilt sich auf verschiedene Standorte, wobei sich jedes Land darauf spezialisiert, wofür es die besten Voraussetzungen besitzt.

Chinas Wachstum hat in der Krise die Konjunktur gestützt

Erhöht die wechselseitige Abhängigkeit der Staaten und ökonomischen Systeme nicht auch die Anfälligkeit für Krisen?

Jan Arpe: Das stimmt, die Krisenanfälligkeit ist tatsächlich angewachsen. Es steigt auch die Gefahr, dass regionale Krisen sich auf die ganze Welt ausweiten. Das hat nicht zuletzt die globale Finanz- und Wirtschaftskrise gezeigt, die ja eigentlich auf die geplatzte Immobilienblase in den USA zurückgeht. Besonders gefährdet sind dabei Staaten, die viel exportieren. Dementsprechend haben Deutschland und Japan auch sehr stark unter der Weltwirtschaftskrise ab 2009 gelitten.

Thieß Petersen: Andererseits ist wirtschaftliche Vernetzung aber nicht automatisch mit Instabilität gleichzusetzen, sie kann sogar für mehr Stabilität sorgen. Es lässt sich nämlich auch feststellen, dass die positive Entwicklung der Schwellenländer, allen voran dass überdurchschnittliche Wachstum Chinas, die Weltkonjunktur während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise maßgeblich gestützt und sozusagen als Konjunkturlokomotive gewirkt hat.

Irland, Belgien und die Niederlande sind besonders vernetzt

In Ihren Studien vergleichen Sie auch den Globalisierungsgrad von Staaten. Kann man Globalisierung denn messen?

Thieß Petersen: Man kann den Grad der Vernetzung eines Landes messen. Dafür schauen wir uns die Länder unter zahlreichen Aspekten an und fragen zum Beispiel: Welche Handelsbeziehungen gibt es? Wie stark ist der ökonomische Austausch? Wie läuft der Informationsfluss zwischen Ländern? Aber auch: Wer fährt wohin in Urlaub? Die Antworten auf alle diese Fragen werden statistisch ausgewertet. Aus den Ergebnissen wiederum können Kennzahlen für den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Grad der Vernetzung und schließlich eine Gesamtmesszahl, der Globalisierungsindex, berechnet werden. Besonders stark vernetzt sind demnach Irland, Belgien und die Niederlande, während Indien, Argentinien, Brasilien und China noch einen sehr niedrigen Wert aufweisen.

Im „Globalisierungsreport 2014“ fragen Sie, welche Länder am meisten von der Globalisierung profitiert haben.

Jan Arpe: Richtig, in dieser Studie geht es um den wirtschaftlichen Mehrwert. Zunächst haben wir simuliert, wie sich die Wirtschaftsleistung von 42 Ländern entwickelt hätte, wäre der Grad ihrer Vernetzung auf dem Stand von 1990 verblieben. Dann haben wir diese fiktiven mit den tatsächlichen Zahlen verglichen. Die Differenz sind die Wertschöpfungsgewinne, die auf die voranschreitende Globalisierung zurückzuführen sind. Den größten Vorteil konnte Finnland verbuchen. Dort war das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner zwischen 1990 und 2011 wegen der zunehmenden Globalisierung im Durchschnitt jedes Jahr rund 1.500 Euro höher.

Deutschland liegt in diesem Ranking auf dem vierten Platz. Die großen Schwellenländer sind dagegen ausschließlich am Schluss der Rangliste vertreten, was vor allem damit zusammenhängt, dass deren Wirtschaftsleistung je Einwohner im Ausgangsjahr noch sehr niedrig war.

Es wäre sinnvoll, wenn die Industrieländer ihre Märkte für Produkte aus den Schwellen- und Entwicklungsländern öffnen würden.

Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung

Wie kann man erreichen, dass auch die Schwellen- und Entwicklungsländer zukünftig mehr profitieren?

Thieß Petersen: Erstens wäre es sinnvoll, wenn die Industrieländer ihre Märkte für Produkte aus den Schwellen- und Entwicklungsländern öffnen und bestehende Zölle abbauen. Zweitens empfehlen wir, dass die Industrienationen ihre wettbewerbsverzerrenden Agrarsubventionen herunterfahren. Nur dann können die Entwicklungsländer ihre landwirtschaftlichen Produkte auch auf dem Weltmarkt verkaufen. Drittens sollten die reichen Staaten den ärmeren Ländern finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, damit diese den Ausbau der Infrastruktur, Bildungsmaßnahmen und auch den Erwerb neuer Technologien finanzieren können.

Unter Globalisierung verstehen wir die Zunahme an Austausch und Vernetzung, und nicht Wettbewerb voneinander unabhängiger Länder.

Jan Arpe, Bertelsmann Stiftung

Herr Arpe, Sie haben als Projektmanager das Datenvisualisierungstool GED VIZ mitentwickelt. Was kann dieses Werkzeug und wozu kann es verwendet werden?

Jan Arpe: GED VIZ ist ein im Internet frei zugängliches Tool, um Daten zu globalen Wirtschaftsdynamiken besser zu verstehen und zu vermitteln. Es erlaubt dem Nutzer, den Verlauf von Handels- und Wanderungsströmen sowie Schuldenbeziehungen zwischen einer beliebigen Auswahl aus 47 Ländern zwischen 2000 und 2012 nachzuvollziehen. Diese Darstellung von Beziehungen ist deshalb hilfreich, weil wir unter Globalisierung ja die Zunahme an Austausch, Vernetzung und Abhängigkeiten zwischen den Ländern verstehen und nicht – wie oft dargestellt – den Wettbewerb unter voneinander unabhängigen Ländern.

Das Besondere an GED VIZ ist, dass ein Nutzer eigene Visualisierungen als sogenannte Slides festhalten kann und die so entstehenden interaktiven Slideshows ganz einfach in andere Websites, wie etwa Nachrichtenseiten oder Blogs, einbetten oder sie auf Twitter und Facebook teilen kann. Damit haben Journalisten, Wissenschaftler oder Lehrer die Möglichkeit, Texte zu komplexen Themen bildlich zu unterstützen und somit verständlicher zu machen.

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