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Achim Multhaupt

Dagmar Rosenfeld für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Gekürzter Artikel aus dem change Magazin 4/2013

Deutschland geht es trotz Euro- und Finanzkrise wirtschaftlich gut, die Konjunktur läuft, die Zahl der Arbeitslosen ist rapide gesunken. Die Wirtschaft diskutiert bereits, wie sie für ihre offenen Stellen in den kommenden Jahren genügend Fachpersonal rekrutieren kann.

Das ist die eine, die gute Seite des deutschen Arbeitsmarkts. Die andere, weniger gute Seite sind die Ungelernten und die Geringqualifizierten. Die Bundesagentur für Arbeit hat vor kurzem Zahlen veröffentlicht: Nur 2,4 Prozent der als arbeitslos Gemeldeten sind hochqualifiziert, 20 Prozent hingegen sind ungelernt – so wie Sencer Seker aus Dortmund.

Welche Möglichkeiten hat ein Jobcenter überhaupt, um Menschen wie Sencer Seker wieder in Arbeit zu bringen? Und zu welchem Preis? Wir erzählen seine und drei weitere Geschichten vom Dortmunder Arbeitsmarkt.

Sencer Seker hat dunkle Augen und dunkles Haar, ein verschmitztes Lächeln und einen verkorksten Lebenslauf.

Er ist 25 Jahre jung, doch seine Worte klingen wie die eines alternden Rockstars. Sencer war 15, als er den Lockungen „der Frauen, der Partys, des Abenteuers“ erlag. Mit 16 Jahren verließ er die Gesamtschule in Dortmund, seine Leistungen waren mies, seine Fehlstunden zahlreich. Es reichte noch nicht einmal für einen Hauptschulabschluss. Seitdem begleiten Sencers Weg zwei Worte: 

„Schwer vermittelbar“

Nach der Schule sucht sich Sencer Seker einen Hilfsarbeiterjob in einer Stahlgießerei, harte Maloche, Schichtdienst, aber das Geld stimmt. Was nicht stimmt ist Sencers Arbeitseinstellung, er sei damals „mit Sachen wie Pünktlichkeit und so“ nicht klar gekommen. Die sechsmonatige Probezeit übersteht er nicht. 

Es folgen viele weitere Jobs, in einem Callcenter, einem Café, in einer Spedition. Länger als drei, vier Monate hält er allerdings nirgends durch.

Es ist die Geschichte von einem gescheiterten Versuch den Hauptschulabschluss nachzuholen, von einem abgebrochenen berufsvorbereitenden Praktikum, von sechs Jahren Hartz-IV-Bezug

Ein guter Tag für alle

Stefan Breiksch vom Dortmunder Jobcenter zieht aus seiner Aktenmappe einen Arbeitsvertrag für eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle als Kellner mit einem monatlichen Bruttogehalt von 1.497 Euro. Zuerst greift Sencer Seker zum Kugelschreiber, dann setzt der Restaurentchef schwungvoll seine Unterschrift auf das Papier. Drei Männer mit zufriedenen Gesichtern schütteln sich die Hände.

Die Gastronomie ist neben dem Handel eine der wenigen Branchen, in der Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss eine Chance haben. Zum einen wegen der großen Personalnachfrage. Zum anderen wegen Subventionen für Restaurantbetreiber durch das Jobcenter.  In manchen Fällen übernimmt das Jobcenter dabei einen Teil der Lohnkosten der Gastronomen.

Zangar Ammin trägt seine Uniform – hellblaues, kurzärmliges Hemd, dunkle Buntfaltenhose – mit Stolz. „Festangestellter Busfahrer“, sagt er und zeigt auf seinen rot-weißen Linienbus. Ammin ist ein Beispiel dafür, dass das Minijob-Umwandlungsprojekt funktioniert, zumindest auf Zeit.

Ammin hat vom Dortmunder Reiseunternehmen TRD einen Einjahresvertrag erhalten, für seine Entlohnung allerdings kommt das Unternehmen nur zum Teil auf. Das Jobcenter übernimmt über einen Zeitraum von sechs Monaten die Hälfte der Gehaltskosten. Kurzfristig betrachtet hat das Jobcenter also lediglich seine Zahlungen umgewandelt. Für Zangar Ammin aber liegen Welten dazwischen. Er ist nicht mehr länger Bittsteller, sondern führt ein eigenständiges Arbeitsleben.

Ohne Subventionierung geht es nicht

Langzeitarbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren – das geht nicht allein mit gezielter Vermittlungsarbeit und gutem Willen. Dafür braucht es auch finanzielle Anreize für potenzielle Arbeitgeber.

Selbst Menschen, die unverschuldet in die Arbeitslosigkeit geraten, die in ihrem Berufsleben eigentlich alles richtig gemacht haben, die über eine Ausbildung, ein Studium, Motivation und soziale Kompetenz verfügen, sind oft auf Fördermaßnahmen angewiesen.

Menschen wie die 35-jährige Beata Karasek und der 28-jährige Daniel Mieth.

Beata Karasek ist in Polen geboren, hat in Krakau an einer Hochschule Erziehungspädagogik studiert. Während des Studiums wird sie schwanger, bringt eine Tochter zur Welt. Beata schließt trotz Baby ihr Studium mit Auszeichnung ab, arbeitet als Erzieherin in einem Kinderheim.

Dann verliebt sie sich in einen jungen Deutschen, heiratet, zieht zu ihm nach Dortmund. Die Liebe ist nicht von Dauer, nach fünf Jahren trennt sich das Paar. Beata ist nun eine alleinerziehende Mutter, ohne Arbeitsstelle und eigenes Einkommen. Sie wird zu einem Fall für das Jobcenter. 

Keine Anerkennung, kein Möglichkeit zu arbeiten

Die Schwierigkeiten für Beata Karasek beginnen damit, dass ihr polnischer Studienabschluss nicht anerkannt wird – die zuständigen Behörden stufen ihn lediglich auf Abiturniveau ein. Paradox, dass eine ausgebildete Erzieherin in einem Land, das über Personalmangel in Kitas klagt, wegen formaler Anforderungen keine Chance hat.

Nach Bemühungen des Jobcenters lassen sich die Behörden auf einen Kompromiss ein. Beata Karasek soll ein Anerkennungsjahr absolvieren, eine Arbeitsgelegenheit wird als solches anerkannt.

Arbeitsgelegenheiten sind eine vom Jobcenter finanzierte Fördermaßnahme, die praktische Berufserfahrung ermöglichen. Die sammelt Beata Karasek zwölf Monate lang in einer Dortmunder Stadtteilschule 

Durch Weiterbildung zum Ziel

Nach einer Phase des prallen Berufslebens sitzt Beate Karasek wieder im Jobcenter, mit anerkanntem Studienabschluss, aber ohne Job. Ihr Arbeitsvermittler organisiert ihr eine Weiterbildung im Bereich systemischer Familientherapie.

Weiterbildungen sind die Königsklasse unter den Förderinstrumenten, sie sind eine teure Angelegenheit für das Jobcenter. Die Kosten liegen bei bis zu 10.000 Euro pro Teilnehmer, hohes Engagement und eine gute Berufsperspektive sind daher Voraussetzung für eine solche Maßnahme.

Im Fall von Beata Karasek hat sich die Investition gelohnt, seit August ist sie bei einer karitativen Organisation angestellt, die sich um minderjährige Flüchtlinge kümmert. Der Weg in den ersten Arbeitsmarkt hat ihr das Jobcenter durch seine Fördermaßnahmen geebnet.

Daniel Mieth kommt aus einfachen Verhältnissen, „ein typisches Ruhrpott-Arbeiterkind“, wie er sagt. Nach dem Hauptschulabschluss macht er eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik. Er arbeitet ein paar Jahre in dem Beruf, doch er will mehr.

Daniel steigt aus, macht an der Abendschule sein Abitur nach, möchte Erziehungswissenschaften studieren. Soziales statt Technik, Kinder statt Maschinen – nach einem Praktikum in einer Kita ist sich Daniel sicher, seinen Traumberuf gefunden zu haben. Doch er bekommt keinen Studienplatz. 

Erzieher im zweiten Anlauf

Daniel Mieth ist ein vernünftiger junger Mann, so vernünftig, dass er wieder in seinen alten Beruf zurückkehrt. Der Betrieb gerät in finanzielle Schwierigkeiten, Personal wird abgebaut, auch Daniel verliert seinen Job. Er wird zu einem Fall für das Jobcenter.

Doch er gibt nicht auf und nimmt an einer Qualifizierungsmaßnahme zum Erzieher teil, gefördert von der Stadt Dortmund in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter und dem städtischen Kita-Träger FABIDO. Drei Tage in der Woche arbeitet er in der Kita, um die Praxis zu erlernen, zwei Tage drückt er die Schulbank für die Theorie. Am Ende steht eine externe Prüfung zum Erzieher.

Daniel hat in der Kita nicht nur einen Arbeitsplatz gefunden, sondern seinen Traumjob. Wenn auch zunächst zeitlich begrenzt und subventioniert durch staatliche Gelder.

Das Ziel Langzeitarbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren kann erreicht werden. Der Weg dahin ist allerdings kein leichter. Das geeignete Förderinstrument und dessen spezifische Anwendung für den einzelnen Kunden zu finden, fordert viel Einsatz von den Arbeitsvermittlern im Jobcenter.

Doch es kann sich Lohnen, wie unsere Geschichten gezeigt haben. Allein das Gefühl kein Bittsteller mehr zu sein, hat Zangar Ammin beflügelt und ihn seinem Ziel dauerhaft Arbeit zu haben näher gebracht.

Und Sencer Seker? „Er ist eine Freude, pünktlich, zuverlässig, höflich“, sagt sein Chef einen Monat nachdem Sencer seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hat.
Der Junge, der nirgends lange geblieben ist, scheint angekommen zu sein.