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PhotoDisc/Kim Steele

Dr. Juliane Landmann  und Eric Thode  arbeiten im Projekt Wirtschaftliche Dynamik und Beschäftigung  der Bertelsmann Stiftung. Sie sind verantwortlich für die Studie „Durchlässiger Arbeitsmarkt durch Zeitarbeit?“ 

Was ist mit dem Wort „Klebeeffekt“

gemeint? Juliane Landmann: Der Klebeeffekt misst den Anteil der atypisch Beschäftigten, die in ein normales Beschäftigungsverhältnis übernommen werden – wenn sie sich während ihres Einsatzes empfehlen können. Damit wäre dies eine Art vorgeschalteter Probezeit. Daneben gibt es die Sprungbrettfunktion, wenn atypische Beschäftigung die Chancen erhöht, einen besseren Job außerhalb des bisherigen Unternehmens zu finden

Warum zögern viele Betriebe?

Warum zögern viele Betriebe? Juliane Landmann: Viele Unternehmen scheuen aufgrund von unsicheren Auftragslagen die Festanstellung und reizen stattdessen die Überlassungsdauer von Zeitarbeitern so lange aus, wie das Gesetz es zulässt. Zudem setzen sie überproportional viele Leute als Hilfsarbeiter ein. Für Unternehmen gelten solche Angestellten oft als austauschbar.

Welche Auswirkungen hat das auf deren Psyche?

Juliane Landmann: Für jeden Menschen ist es wichtig, sich gebraucht zu fühlen. Denken Sie nur an Kontakte auf einer Feier. Spätestens die zweite Frage lautet: „Und was machen Sie so?“ Gemeint ist damit meist die Arbeit. Es gibt Untersuchungen, wonach durch einen dauerhaften Ausschluss aus der „normalen“ Arbeitswelt auch das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl leidet.

Dennoch wählen viele Menschen freiwillig eine „atypische Beschäftigung“. Woran liegt das?

Eric Thode: Bei den Minijobs sehen viele zuerst den finanziellen Vorteil: Brutto=netto ist ein starkes Argument. Die negativen Auswirkungen – geringe Rentenansprüche, kaum Aufstiegsmöglichkeiten, finanzielle Abhängigkeit vom Partner – werden oft nicht gesehen. Hier sollten Minijobber genau überlegen, wie lange sie dieser Beschäftigungsform nachgehen wollen und ob sie bereit wären, kurzfristig Einkommenseinbußen zugunsten langfristig besserer Perspektiven in anderen Beschäftigungsformen hinzunehmen.

Fähigkeiten wollen gepflegt werden

Sind Minijobs und Zeitarbeit nicht trotz allem die bessere Alternative zur Arbeitslosigkeit?

Juliane Landmann: Auf längere Sicht ja. Im Unterschied zur Arbeitslosigkeit „pflegt“ der jeweilige Arbeitnehmer seine Arbeitskraft und macht sich attraktiver für den Kernarbeitsmarkt. Eine Studie von uns hat gezeigt, dass Arbeitslose größere Chancen auf Vollbeschäftigung jenseits der Zeitarbeitsbranche haben, wenn sie zunächst dort eine Arbeit aufnehmen. Allerdings tritt dieser Erfolg erst spät ein. So konnten wir nachweisen, dass zwei Jahre nach Eintritt in die Zeitarbeit (bei einem Beschäftigungsanteil von ca. 70%) 35% eine Vollzeitstelle außerhalb der Zeitarbeit aufgenommen haben und 28% weiterhin für eine Arbeitnehmerüberlassung tätig waren.

Was kann die Bertelsmann Stiftung betragen?

Eric Thode: Wir weisen auf Missstände hin und schaffen so ein Problembewusstsein. Auf Basis von fundierten Analysen entwickeln wir zusammen mit Experten Lösungskonzepte, um dabei stets den Ausgleich zwischen wirtschaftlicher Effizienz und sozialer Gerechtigkeit im Auge zu haben. Diese Konzepte können aber immer nur Impulsgeber und Angebote an die Sozialpartner bzw. den Gesetzgeber sein. 

Minijobs und Zeitarbeit bieten Chancen, müssen jedoch so ausgestaltet werden, dass sie den Weg zu Beschäftigungssicherheit und anständiger Entlohnung ebnen.

Eric Thode, Bertelsmann Stiftung

Wie sieht die Zukunft für geringfügig Beschäftigte und Zeitarbeiter aus?

Eric Thode: Die Politik plant, Zeitarbeit weiter einzuschränken. Ob das mit Verbesserungen für die Arbeitnehmer verbunden ist, lässt sich derzeit nicht sagen. Oft wird behauptet, dass sozialversicherungspflichtige Beschäftigung durch atypische Erwerbsformen verdrängt wird. Seit 2006 ist allerdings ein Anstieg sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung zu verzeichnen. Zwar nimmt auch die atypische Beschäftigung weiter zu, aber am „deutschen Wunder“ der letzten Jahre haben beide Erwerbsformen gleich großen Anteil. Minijobs und Zeitarbeit bieten Chancen, müssen jedoch so ausgestaltet werden, dass sie den Weg zu Beschäftigungssicherheit und anständiger Entlohnung ebnen.

Haben Sie ein Beispiel für einen gelungenen Klebeeffekt?

Juliane Landmann: Bei BMW war Ende 2013 der Anteil von Zeitarbeitnehmern besonders hoch. Dort standen im November 1.500 Leiharbeitskräfte 4.200 festangestellten Mitarbeitern gegenüber. Bis 2015 hat sich der Autobauer dazu verpflichtet, seine Ausleihquote auf acht Prozent zu reduzieren. In Leipzig war allein im Jahr 2012 die Hälfte der 400 neu eingestellten Mitarbeiter vorher als Zeitarbeitskraft beschäftigt.