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© Tim Pannell/Corbis/Veer

Die ersten Tage an der Liebfrauenschule in Frankfurt/Main waren für Susanna Kock ein Schock. „Es gab nur eine Kollegin, die jeden Tag unverdrossen ein Lied sang und eine weitere, die wenigstens zum Adventssingen die Instrumente aus dem Schrank im Musikraum holte“, erinnert sich die Musikpädagogin. Dass heute täglich in jeder Klasse gesungen, getanzt und auf Instrumenten gespielt wird, scheint vor diesem Hintergrund unvorstellbar. Tatsächlich ist die Liebfrauenschule eine von 350 „Musikalischen Grundschulen“, die seit 2006 in Hessen und dann in Berlin, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen von der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit den Kultusministerien initiiert wurde. Mehr als 200 000 Kinder haben seither einen veränderten Schulalltag erlebt. Darin ebnet ihnen das Medium Musik den Weg zu einem besseren Verständnis scheinbar nüchterner Fächer wie Deutsch und Mathe. Zugleich schaffen Lieder und Rhythmen ein neues Gemeinschaftsgefühl an den Schulen und bilden die Basis für innovative Schulentwicklungsprozesse.

Musik prägt die frühkindliche Entwicklung

Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass Musik eine prägende Rolle in der frühkindlichen Entwicklung und Sozialisation spielt. Im Schulalltag spiegelte sich das bis vor kurzem jedoch kaum wider. Musik war nur ein Fach von vielen, ein zumeist auch noch ein ungeliebtes. „Eine Kollegin gestand mir einmal: ,Mensch, ich habe mich gar nicht mehr getraut, selbst in meiner Klasse zu singen“, sagt der Musikkoordinator der Musikalischen Grundschule im niedersächsischen Bad Münder, Matthias Brodtmann. Doch die „Musikalische Grundschule“ ist keine Schule, die dem Unterrichtsfach Musik einen besonderen Stellenwert einräumt. Vielmehr ist die Musik das Element, das Schüler, Lehrer, Eltern und die Schule als Institution verbindet. Orientierung für alle bietet das Motto mit den vier „M“ wie Mehr: Mehr Musik in Mehr Fächern mit Mehr Beteiligten zu Mehr Gelegenheiten.

Klopfen und Klatschen bringt Ruhe in die Klasse

Das Ergebnis ist beeindruckend. In ihrer Abschlussdokumentation beschreibt Barbara Sperner, was sie 2007 als Musikkoordinatorin der Georg-Büchner-Schule Frankfurt/ erlebte. „Beim Vorbeigehen an einem Klassenzimmer hören wir eine Kollegin zu Beginn ihres Mathematik-Fachunterrichtes den Begrüßungskanon »Guten Morgen, good morning« mit den Kindern singen. (...) Eine andere Kollegin hat im Deutschunterricht das Minipercussion-Instrumentarium an Kinder verteilt, um das Gedicht vom Gewitter zu verklanglichen. (...) In einer anderen, gerade sehr unruhigen Klasse beginnt die Lehrerin beim Betreten des Raumes mit Körperpercussion oder Klopfen und Klatschen auf Tisch und Stuhl rhythmisch, ohne Worte, den Unterricht. Schnell ist die Aufmerksamkeit aller Kinder auf den gemeinsamen Rhythmus fokussiert, der dann, in Gruppen aufgeteilt, nach Art des Drum-Circle weiter differenziert und anschließend mit Worten der Lehrerin unterlegt wird, um zur verbalen Phase überzugehen (…) Zwischen zwei Fachunterrichtsstunden mit Lehrerwechsel können wir beobachten, dass die Kinder, die schon ihre Hausaufgaben abgeschrieben haben und bereit sind für die nächste Unterrichtsstunde, sich immer schneller werdend zur Musik (. . .) mit Körperpercussion bewegen, bis die andere Fachlehrerin erscheint und in das Bewegungslied mit einsteigt.“

Musik bringt Schwung in die ganze Schule

Die Musikalische Grundschule ist mehr als ein gemeinsames kreatives Erlebnis. Sie „versteht sich nicht nur als ein musikbezogenes Projekt, sondern in gleichem Maße als Schulentwicklungskonzept“, schreibt Prof. Dr. Frauke Hess (Universität Kassel) in ihrer wissenschaftlichen Evaluation des Projektes. Das Ergebnis ist beeindruckend: Musik bringt nicht nur Schwung in den Unterricht einzelner Klassen, sondern in die gesamte Schule. Schüler entwickeln so mehr Freude am Lernen, zugleich stärken die gemeinsamen, fächer- und klassenübergreifenden Musikerlebnisse das soziale Miteinander an der Schule, stellte Prof. Heß in ihrer Evaluation fest.

Schulen müssen Kinder individueller fördern

Genau das war das Anliegen der Bertelsmann Stiftung, als sie 2006 die Musikalische Grundschule initiierte. Die Stiftung entwickelte nicht nur die Grundstrukturen des Projektes, sondern steht den Kultusministerien und den jeweiligen Schulen so lange beratend zur Seite, bis die Musik den Alltagsrhythmus in den Schulen bestimmt. Der Bertelsmann Stiftung geht es dabei nicht allein um die Förderung der musikalischen Bildung. Im Vordergrund steht vielmehr die Überzeugung, dass Schulen Kinder individueller fördern müssen, um ihnen die ihren Fähigkeiten entsprechenden Bildungschancen zu öffnen. Weil Kinder leicht für Musik zu begeistern sind, bietet sich als Instrument im Unterricht an, um die Stärken eines jeden Kindes aufzudecken, anzusprechen und damit positive Lernerfahrungen zu ermöglichen – unabhängig von Herkunft, Sprache und Bildungsstand. Und nebenbei bringt die Musik Freude und Farbe in den Schulalltag und spornt Lehrer wie Eltern zu neuen gemeinsam Aktivitäten an. 

Pluspunkte für das Ansehen der Schule

Susanna Kock kann dies aus ihrem Erleben an der Frankfurter Liebfrauenschule nur bestätigen. Aus der musikalische Wüste ist eine Klangoase geworden: „Fazit ist: Musikalische Elemente sind Bestandteil des Unterrichtsalltags in jeder Klasse, und Musik wird auch in Mathematik oder Deutsch eingesetzt. Zusätzlich dazu haben alle Schülerinnen und Schüler der zweiten bis vierten Klassen neben dem Musikunterricht noch die jahrgangsübergreifende Musikstunde. Es gibt einen freiwilligen Chor für die ersten und zweiten Klassen sowie einen verpflichtenden Chor einmal wöchentlich in der ersten Stunde für die dritten und vierten Klassen. Alle Lehrerinnen und Lehrer an der Liebfrauenschule setzen sich mit Musik auseinander, Aufführungen und Präsentationen finden regelmäßig statt. Musik ist aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken, hat den Unterricht und die Zusammenarbeit der Kollegen verändert, hat dem Ansehen der Liebfrauenschule große Pluspunkte eingebracht und ist eben einfach das wichtigste Projekt für uns!“