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Claudiad/ Stockphoto.com

Mittagszeit in der Kindertagesstätte; klapperndes Geschirr ist die Erkennungsmelodie, die die Kinder aus dem Raum nebenan lockt. Wenige Augenblicke später haben sie ein neues Spiel für sich entdeckt. Trommeln mit dem Löffel auf den Tisch. Lassen ihre Teller über den Tisch trudeln, lauschen verzückt den Geräuschen dieser Bewegung. Sprechen in ihre Tasse, die ihre Stimme leicht verzerrt wiedergibt. Für manchen wäre das einfach laut. Doch tatsächlich liegt Musik in der Luft. Nicht das ernste und getragene Klangbild eines Konzertsaales, sondern die frühkindliche Lust an Geräuschen: „Harmonien und Rhythmen spielen hier keine Rolle“, sagt der Musik- und Bewegungspädagoge Johannes Beck-Neckermann: „Es geht zunächst um das bewusste Wahrnehmen akustischer Phänomene.“ Diese bewusste Wahrnehmung zu fördern und daraus bei den Kindern musikalisches Interesse zu entwickeln und zu fördern, ist Ziel des Projektes „Musik im Kita-Alltag“ der Bertelsmann Stiftung.

Verschüttete Fähigkeiten

Jeder Mensch verfügt nach Überzeugung Beck-Neckermanns über die Fähigkeit und Neugier, akustische Phänomene in der eigenen Umwelt zu entdecken und zu Klangbildern zu formen. Doch häufig werden die notwendigen Kompetenzen schon in der frühen Kindheit verschüttet. Deswegen engagiert sich die Bertelsmann Stiftung mit MIKA – Musik im Kita-Alltag für einen partizipativen, chancengerechten Ansatz musikalischer Bildung in der Kita, sowohl für Kinder als auch für Erzieherinnen und Erzieher.

Voraussetzung dafür, dass Kinder einen hochwertigen situations- und altersgerechten Zugang zu musikalischer Bildung erhalten, ist, dass Erzieherinnen und Erzieher schon in ihrer Ausbildung gut auf das Themenfeld Musik und die darin verborgenen Chancen für die pädagogische Arbeit vorbereitet werden.

Es ist kein Wunder, dass viele Pädagogen eher Angst davor haben, mit Kindern zu musizieren.

Johannes Beck-Neckermann

Beck-Neckermann erkennt hier die Spätfolgen der Vermittlung eines traditionellen Musikbegriffes in Kindergarten und Schule: „Den künftigen Fachkräften geht es ja nicht anders als anderen Erwachsenen. Ganz häufig haben die angehenden Pädagogen im klassischen Musikunterricht vermittelt bekommen, dass sie angeblich unmusikalisch oder untalentiert sind. Kein Wunder, dass sie dann keinen Zugang dazu gefunden haben, einfach zu singen oder ein Musikinstrument zu spielen, und deshalb eher Angst davor haben, mit Kindern zu musizieren“, meint Beck-Neckermann. Diese Haltung zu verändern und breitere Zugangswege zur Musik zu öffnen, gehört zu den zentralen Inhalten des Projektes „MIKA - Musik im Kita-Alltag“.

Die Abkehr vom klassischen Musikbegriff öffnet Kindern einen ganz anderen Zugang zur Musik.

Johannes Beck-Neckermann

Mit dem Ansatz von MIKA können sich Kitas weiterentwickeln zu einem Ort, an dem Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Fähigkeiten einen situations- und entwicklungsgerechten Zugang zu Musik im Alltag erleben und dabei in ihren Selbstbildungs- und Entwicklungsprozessen unterstützt werden. Die Abkehr vom klassischen Musikbegriff und die Hinwendung auf die Wahrnehmung akustischer Phänomene „öffnet den Kindern einen ganz anderen Zugang zur Musik“, ist Johannes Beck-Neckermann überzeugt. Was Kinder an Geräuschen und Klängen wahrnehmen und gestalten, „ist keine Musik, die ich als Erwachsener schön finden muss“, meint der Experte: „Die Klangbilder können auch in einer ganz rohen Gestaltungsform daher kommen.“

Viele leuchtende Augen - nicht nur unter den Kindern

Der offene Musikbegriff, der nicht durch die Orientierung an Harmonien und Rhythmen eingegrenzt wird, ermöglicht jedem Kind einen chancengleichen Zugang zur Musik: „Wir müssen uns über Inklusion keine Gedanken machen, MIKA ist barrierefrei.“ Schnell lernen die Kinder dabei, wie sie selbst Musik gestalten können: „Sie erleben ihre eigene Urheberschaft.“ Unterm Strich werden dadurch sowohl die Kommunikationsfähigkeit als auch die Kreativität schon in der frühkindlichen Phase gefördert.

Aber nicht nur die Kinder, sondern auch die erwachsenen Erzieher entdecken über MIKA eine neue musikalische Welt. „Da habe ich schon viele leuchtende Augen gesehen“, berichtet Beck-Neckermann. „Pädagogische Fachkräfte fanden über MIKA nicht nur den Weg zur Musik, den ihnen die Fachschul-Ausbildung nur in groben Zügen gewiesen hatte - sie fanden auch zu einem neuen musikalischen Selbstverständnis: Für viele war es wie eine Befreiung, nachdem sie als Kinder noch gelernt hatten, sie seien unmusikalisch.“ Genau das sei aber ein Grundirrtum im klassischen Umgang mit Musik: „Jedes Kind ist ein musikalisches Talent. Es muss nur richtig gefördert werden“, betont Beck-Neckermann.

Johannes Beck-Neckermann ist Musik- und Bewegungspädagoge sowie Musiktherapeut und arbeitet als Dozent, Fortbildner und Autor (www.beck-neckermann.de). Er ist Mitglied der MIKA-Expertenrunde der Bertelsmann Stiftung.