Besucher am Empfang des Neue-Stimmen-Konzerts
Enno Kapitza

Ines Galla liebt klassische Musik. „Ich war immer schon eine richtige Operngängerin“, sagt sie von sich selbst. Freimütig räum sie dabei ein, dass eine gut gesungenen Arie herzergreifend für sie ist. Seit fast fünf Jahren prägen Noten, Stimmen und Stimmlagen, Gesangsprofessoren und Agenten auch ihre tägliche Arbeit. Im Backoffice des Gesangwettbewerbs „Neue Stimmen“ sowie der Förderprogramme „Meisterkurs“ hält Ines Galla in der Organisation die Fäden in der Hand. „ Noten besorgen, Hotelzimmer und Flüge buchen, sicherstellen, dass Teilnehmer, Juroren und Dozenten rechtzeitig da sind - eigentlich gibt es nichts, was es in diesem Wettbewerb nicht gibt“, lacht sie.

Die Teilnehmer zu betreuen, dafür zu sorgen, dass sie rechtzeitig am richtigen Ort sind; Flüge und Hotels buchen; Kontakt zu den Nachwuchskünstlern zu halten, sie mit Informationen und allem Notwendigen versorgen, ihnen im Wettbewerb und auch später bei den Terminen in Gütersloh Orientierung geben; sicherstellen, dass Dozenten der Meisterkurse und Juroren des Wettbewerbs reibungslos arbeiten können; die Veranstaltungsorganisation im Auge behalten — das umschreibt in groben Zügen Aufgabenbereiche Ines Gallas. Wie groß er ist, machen ein paar Zahlen deutlich: rund 2500 Nachwuchssänger bewerben sich für den Gesangwettbewerb, gut 1000 von ihnen werden für die Vorausscheidungen ausgesucht, die dann an weltweit 25 Orten stattfinden. All das wird von Ines Galla organisatorisch betreut bis zum Ende des Wettbewerbs oder des Meisterkurses.

„Man fiebert mit den Künstlern, man hofft und bangt mit ihnen“

Das Spannende daran ist nicht nur die logistische Herausforderung, sondern auch die menschliche Komponente, die Begegnung mit den Teilnehmern und ihren Hoffnungen. „Man fiebert mit den Künstlern, man hofft und bangt mit ihnen“, sagt Ines Galla, „man freut sich mit ihnen und ist genauso traurig, wenn sich die Hoffnungen dann vielleicht nicht erfüllt haben.“ Bei aller Routine und Professionalität, die für den umfassenden Organisationsjob erforderlich ist, bleibt die Herzlichkeit nicht auf der Strecke: „Das zeichnet unser ganzes Team aus“, meint Ines Galla: „Hier ist jeder mit ganzen Herzen bei der Sache.“

Auch, aber nicht nur deswegen bleibt das Herzklopfen bei der Arbeit nicht aus: „Kurz vor dem Beginn des Wettbewerbs und auch während der Meisterkurse geht der Puls schon schneller“, bestätigt Ineds Galla. Wenn dann aber zum Abschlusskonzert im Foyer der Bertelsmann Stiftung die ersten Töne erklingen, ist Ines Galla wieder die entspannte Opergängerin, für die eine gut gesungene Arie herzergreifend ist: „Allein für diese Momente lohnt sich die ganze Arbeit.“

„Man fiebert mit den Künstlern, man hofft und bangt mit ihnen. Man freut sich mit ihnen und ist genauso traurig, wenn sich die Hoffnungen dann vielleicht nicht erfüllt haben.“

Nichts ist beständiger als die Veränderung. Wenn Gustav Kuhn dies über den Charakter der „Neuen Stimmen“ sagt, muss das richtig sein. Denn kaum jemand kennt den Gesangswettbewerb besser als der österreichische Dirigent und Regisseur. Schließlich ist er seit 1987 der künstlerische Leiter des Programms, das Liz Mohn 1987 einer Idee von Prof. August Everding folgend ins Leben rief. „Damals ging es darum, überhaupt Nachwuchs für die klassischen Opern zu finden“, erinnert sich Kuhn: „Niemand von uns hat damals ja geahnt, welche dramatischen Veränderungen es nur zwei Jahre später in der Welt und damit auch für die Musik geben würde.“

1987 gab es den Eisern Vorhang noch, der Europa nicht nur politisch teilte: „Auch für die Musik gab es nur einen halben Kontinent“, sagt Kuhn. Russische Stimmen, rumänische oder bulgarische? „Undenkbar, den Ostblock gab es auf unseren Bühnen nur, wenn ausnahmsweise mal ein Sänger in den Westen floh oder nach einer Tournee einfach hier blieb“, meint Kuhn, der damals schon auf eine beeindruckende Karriere als Chordirektor, Dirigent und Regisseur der großen Orchester und Opernbühnen Europas blicken konnte. „Wo stecken die Talente?“ lautete seinerzeit eine der drängendsten Fragen in der klassischen Musikwelt; die „Neuen Stimmen“ sollten eine Antwort darauf geben.

„Plötzlich konnten wir aus dem Vollen schöpfen, um die Besten zu finden“

Seitdem ist der Wettbewerb einer der wichtigsten internationalen Institutionen, die jungen Sängerinnen und Sängern den Karriereweg ebnen und sie mit dem Rüstzeug für brillante Bühnenauftritte versehen soll. „Nur fünf, sechs Jahre später standen wir vor dem Gegenteil dessen, was wir zunächst als Aufgabe gesehen haben“, skizziert Kuhn den rasanten Veränderungsprozess auf den Bühnen und damit auch im Wettbewerb der Neuen Stimmen: „Von überall her kamen die jungen Künstlerinnen und Künstler. Plötzlich mussten wir nicht händeringend Talente suchen, sondern konnten aus dem Vollen schöpfen, um die Besten zu finden.“

Der Fall des Eisernen Vorhangs war erst der Anfang. Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich in Asien eine wachsende Begeisterung für klassische Musik. „Zumindest haben wir das so wahrgenommen, vorher hatte ja niemand so richtig im Blick, was sich in Japan, Korea oder sonst wo in Asien vollzog“, meint Kuhn. Vor allem hatte niemand erwartet, mit welchem Tempo die Klassik in China Raum und Interesse finden würde. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass es heute 200 klassische Opernbühnen in China gibt, hätte ich nur gelacht“, sagt Kuhn freimütig.

Einerseits ein rasant wachsenden Angebot an neuen Stimmen, andererseits eine mit jedem neuen Opernhaus wachsende Nachfrage nach jungen Talenten. „Entsprechend haben wir die Neuen Stimmen neu ausgerichtet“, sagt Kuhn. Mit den Meisterkursen hat der Wettbewerb eine neue Komponente bekommen. Längst geht es nicht mehr darum, Hoffnungsträger zu entdecken und sie in der Musikwelt sichtbar zu machen. Im zweijährlichen Wechsel zu dem Gesangswettbewerb bietet die Bertelsmann Stiftung nun Nachwuchskünstlern die Chance, an sich selbst zu arbeiten, die eigenen Stärken auszubauen und das hinzuzufügen, was für das perfekte Bild noch fehlt.

„Zunehmend geht es darum, Karrieren zu steuern“

Die Kurse sollen jedoch nicht nur Fähigkeiten und Talente entwickeln und unterstützen. „Zunehmend geht es auch darum, Karrieren zu steuern“, erläutert Kuhn. Viele der jungen Sängerinnen und Sänger bringen neben vielTalent auch mindestens genauso großen Ehrgeiz mit. Die Verlockung, große Rollen und große Herausforderungen anzustreben, liegt nahe. Und auch das Musikgeschäft selbst greift gerne und schnell nach den neuen Talenten - manchmal allerdings viel zu schnell: „Mit 28 Wagner singen - das ist tödlich für eine Stimme.“

Nachhaltige Entwicklung ist deswegen nun der Begriff, den Kuhn als künstlerischer Leiter für den Wettbewerb geprägt hat. „Wir wollen nicht nur Karrieren fördern, sondern auch Sorge dafür tragen, dass sie lange halten“, definiert die neue Aufgabe der Neuen Stimmen. Gleichzeitig ist ihm jedoch klar: „Das wird nicht die letzte Veränderung, die wir in dem Wettbewerb erleben werden.“

„Wir wollen nicht nur Karrieren fördern, sondern auch Sorge dafür tragen, dass sie lange halten“

Als Jana Rappe das erste Mal, die „Neuen Stimmen“ hörte, waren ihr Opern völlig fremd. „Ich konnte mit dieser Art von Musik gar nichts anfangen“; sagt sie rückblickend und muss schmunzeln. Denn in den sieben Jahren, die seither vergangen sind, ist ihr der klassische Gesang regelrecht ans Herz gewachsen. Genau wie der Wettbewerb und der Meisterkurs der Bertelsmann-Stiftung - bei beiden betreut sie die Teilnehmer und Teilnehmerinnen. „Ich bin so etwas wie die Mutter für alle“, sagt Jana Rappe und muss sofort wieder lächeln - vom Alter her ist sie eher die große Schwester der jungen Sängerinnen und Sänger.

Zur Arbeit für die Bertelsmann-Stiftung kam Jana Rappe eher zufällig. Während des Studiums hatte sie über eine Freundin davon gehört, dass die Stiftung für die hektischen Tage des Wettbewerbs und der Meisterkurse Unterstützung suchte. „Mich hat es einfach interessiert, darum habe ich mich da gemeldet“, erinnert sich die Juristin. Damals ahnte sie nicht, dass sie fortan im Herbst jeden Jahres in der Freizeit für einen der wichtigsten internationalen Gesangswettbewerbe arbeiten würde.

Dass sie trotz der Doppelbelastung zu ihrem eigentlichen Beruf nicht von den „Neuen Stimmen“ lassen kann, hat für Jana Rappe eine einfache Begründung: „Es ist ein tolles Team, das den Wettbewerb organisiert. Selbst in der größten Hektik herrscht hier immer eine gute Stimmung. Und es ist einfach immer wieder spannend, junge Menschen aus aller Welt zu begegnen, die ihre Musik so sehr lieben.“

„Und manchmal vergießt man auch eine Träne, wenn das Ergebnis nicht so ist wie erhofft“

So schön die Begegnungen mit diesen Menschen auch sind, für Jana Rappe bedeuten sie auch stets neue Herausforderungen. Sie nimmt die jungen Künstler in Empfang, wenn sie in Gütersloh eintreffen; sorgt für die Gäste aus aller Welt, damit sie sich auch in der fremden Umgebung heimisch und sicher fühlen und sich ganz auf den Wettbewerb oder den Meisterkurs konzentrieren können, bringt sie rechtzeitig zum Auftritt und gibt ihnen Mut und Zuversicht zurück, wenn kurz vor dem Schritt auf die Bühne die Nerven anfangen zu flattern. „Man freut sich mit ihnen über jeden Erfolg. Und mit manchem vergießt man dann auch eine Träne, wenn das Ergebnis vielleicht doch nicht so war wie erhofft“, sagt Jana Rappe.

Wenn die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne stehen, beginnen für Jana Rappe jene Minuten, in denen sie in all der Hektik und Anspannung der Wettbewerbsarbeit innehalten und genießen kann. „Es ist immer wieder beeindrucken, was diese Künstler mit ihren Stimmen bewirken können“, sagt sie: „Da steht dann eine zierliche Frau auf der Bühne, die man fast gar nicht wahrnimmt. Aber wenn sie anfängt zu singen, füllt sie auf einmal den ganzen Raum.“ Jana Rappe macht eine kleine Pause. „Das ist Gänsehaut pur. Und genau in diesem Moment weiß man, wie toll Oper sein kann“, fährt sie fort und schmunzelt: „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich früher mit dieser Musik nichts anfangen konnte.“

„Es ist einfach immer wieder spannend, junge Menschen aus aller Welt zu begegnen, die ihre Musik so sehr lieben.“