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Achim Multhaupt

Dass ihr Vater eines Tages selbst auf fremde Hilfe angewiesen sein würde, damit hatte Petra F. nie gerechnet. Doch seit der alte Herr vor ein paar Tagen umherirrend von der Polizei aufgegriffen wurde, ist es offensichtlich, dass die Familie seine Betreuung nicht mehr allein bewältigen kann.*

Als eine Folge des demographischen Wandels wird uns das Thema Pflege in der Zukunft immer stärker beschäftigen. „Mehr als jeder zweite Deutsche wird im Laufe des Lebens pflegebedürftig“, berichtet Miriam Schmuhl von der Bertelsmann Stiftung. „Und die überwiegende Mehrheit der Deutschen möchte in diesem Fall zu Hause gepflegt werden.“

Wegweiser durchs Gesundheitswesen

Nun muss alles ganz schnell gehen. Bei einer ersten Recherche wird Petra F. klar, dass sich im Internet eine Vielzahl von Gesundheitsanbietern und kommerziellen Pflegediensten präsentiert. Wer soll da noch durchblicken?

„Genau dafür gibt es die Weisse Liste“, erklärt Miriam Schmuhl. „Sie ist ein unabhängiger Wegweiser im Gesundheitswesen.“ Neben einer Arzt- und Krankenhaussuche bietet das kosten- und werbefreie Portal einen Überblick über das Leistungsangebot und die Kosten von Pflegediensten und Pflegeheimen. „Wir möchten Menschen, die sich noch nie mit dem Thema Pflege beschäftigt haben, die bestmögliche Information bieten. Sie sollen eine Pflege wählen können, die ihrem Bedarf entspricht“, sagt die Projektmanagerin.

Die Plattform ist einfach strukturiert und intuitiv aufgebaut. Besonderen Wert legt die Weisse Liste – ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen, teilweise unterstützt vom Bundesverbraucherministerium – darauf, dass auch medizinische Laien das Angebot verstehen. Deshalb wurde auf der Website weitgehend auf die Verwendung unverständlicher Fachbegriffe verzichtet, sodass auch weniger erfahrene Nutzer die Dienste problemlos in Anspruch nehmen können.

Den richtigen Pflegedienst finden

Mit der Pflegedienstsuche hat Petra F. schnell und unkompliziert alle infrage kommenden Anbieter in der Region gefunden. Aber wer kann auch die individuellen Bedürfnisse erfüllen? Um den Vater nicht zu überfordern, war sich die Familie zum Beispiel einig, dass er von höchstens vier unterschiedlichen Personen gepflegt werden solle. Über ein spezielles Filtersystem kann die Tochter nun diejenigen Unternehmen identifizieren, die diese und weitere Serviceleistungen für ihren Vater anbieten.

„Bei der Auswahl des richtigen Dienstleisters kommt es auf unterschiedliche Aspekte an“, bestätigt Miriam Schmuhl. Für chronisch erkrankte Nutzer könne es beispielsweise entscheidend sein, dass der Pflegedienst speziell mit dem Krankheitsbild vertraut ist. Für einen Menschen mit einem niedrigen Pflegebedarf sei es aber unter Umständen viel wichtiger, dass er von Pflegepersonen desselben Geschlechts betreut wird.

Nach Angabe der Pflegestufe und des Wohnsitzes ihres Vaters kann Petra F. nun im sogenannten Pflegeplaner detailliert bestimmen, welche Leistungen an welchen Tagen in der Woche, etwa bei der Körperpflege, der Zubereitung von Mahlzeiten oder im Bereich der Hauswirtschaft, in Anspruch genommen werden sollen. Und dann müssen ja auch noch die anstehenden Arztbesuche organisiert werden.

Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, dass sie selbst frei wählen können, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen wollen, klärt Miriam Schmuhl auf. Mit den praktischen Instrumenten der Weissen Liste kann ein auf den persönlichen Bedarf maßgeschneiderter Pflege-Wochenplan erstellt werden. Der Pflegeplaner berechnet zudem automatisch die anfallenden Kosten und den zu zahlenden Eigenanteil. „Das ist besonders wichtig, weil die Pflegeversicherung aufgrund ihres Teilkasko-Charakters lediglich einen Teil der Kosten trägt“, erläutert die Projektmanagerin der Bertelsmann Stiftung.

"Der Online-Pflegeplaner hilft Verbrauchern, aus der Vielfalt der angebotenen ambulanten Pflegeleistungen bedarfs- und budgetgerecht auszuwählen."

Ilse Aigner, Bundesverbraucherministerin 2008-2013

Normalerweise müssen die Betroffenen und ihre Angehörigen monatliche Zuzahlungen leisten. Mit Hilfe des Pflegeplaners können Nutzer nun ein Gefühl dafür bekommen, wie hoch dieser Anteil pro Monat ausfällt und dementsprechend Leistungen hinzunehmen oder wieder abwählen. Andererseits fokussiere sich die Liste keineswegs nur auf die Kosten, sondern habe auch stets die Qualität der Leistungen im Blick, sagt Miriam Schmuhl.

Ambulant vor stationär

Mit dem Ausdruck des detaillierten Pflegeplans in den Händen weiß Petra F. bereits recht genau, zu welchen Bedingungen ihr Vater häuslich gepflegt werden und welche Leistungen er zu welchen Kosten beanspruchen kann. In Kombination mit der Pflegedienstsuche hat sie drei günstige Anbieter in ihrer Nähe gefunden, die sie gleich kontaktiert und mit denen sie nun bestens informiert in die anstehenden Erstgespräche geht.

Weil wir alle immer älter werden, ist die künftige Finanzierung der Pflegeversicherung von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung. „Die ambulante Pflege muss gegenüber der stationären weiter gestärkt werden“, fordert Miriam Schmuhl, „zumal sie auch von den meisten Deutschen gewünscht wird.“ Die Expertin mahnt: „Transparenz über Leistungen und Kosten der häuslichen Pflege zu schaffen, ist deshalb unbedingt erforderlich. Und nicht zuletzt fördert dies auch den Wettbewerb unter den Anbietern.“

* Hierbei handelt es sich um einen fiktiven Fall.

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