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© Veit Mette

Im niedersächsischen Salzhausen, in Winsen und Umgebung etreut die „Interessengemeinschaft Ambulante Pflege“ pflegebedürftige Menschen, davon allein in Salzhausen 75. Dabei kommen die Pflegerinnen 800 Mal pro Woche in die Wohnungen der Pflegebedürftigen . Dann beginnt das Zeitstoppen - exakt 34 Minuten, 22 oder 13 oder 4. So lange eben Leistungen wie „Kämmen und Rasieren“, „kleine Hilfe Nahrungsaufnahme“ oder „große Hilfe bei Ausscheidungen“ dauern dürfen, wenn die IG betriebswirtschaftlich arbeiten will.

„Wenn ich mich an die Minuten halte, bin ich morgens schon gaga.“

Um 7:33 Uhr fährt Anette Martini laut Plan vom Hof der Zentrale, um 7:38 Uhr soll die Altenpflegerin beim ersten Kunden sein. Zehn Einsätze bis 12:58 Uhr, Dienstbesprechung 11:19 Uhr bis 12:19 Uhr, Schichtende 13:07 Uhr.

Martini raucht erstmal eine Zigarette. „Wenn ich mich an die Minuten halte, bin ich morgens schon gaga“, sagt die sportliche blonde Frau, die lieber in Jeans als im weißen Kittel antritt. „Wie lange was dauert, haben wir im Gefühl. Ich versuche, mich nicht zu beeilen. Dann geht es meistens viel besser.“

Die Schwäche setzte ein und schließlich dieser Sturz vor der Sparkasse, und der Sohn sagt: „Ihr könnt nicht mehr allein im Wald wohnen.“ Also sitzt Erika von Koschitzky heute in einer Seniorenwohnung und erzählt mit dem trockenen Humor einer Hamburger Dame aus ihren 91 Lebensjahren, während Tatjana Lehnasch ihren Mann zum Spaziergang abholt.

Enno von Koschitzky ist ein feingliedriger Herr mit staunenden Augen, der wunderbar mit seiner Frau schäkert, und wenn er seine Fragen nicht etwas zu oft wiederholen würde, ahnte man nicht, dass die Demenz eingesetzt hat. Zweimal am Tag 30 Minuten soll er sich bewegen, nur eine Tour schafft seine Frau noch, die zweite nimmt ihr die 39-Jährige ab.

Das alte Liebespaar ist ein Hauptgewinn in der Lotterie, die jeden Tag den Dienstplan der 50 Frauen ausspuckt, bevor sie in den blauen Corsas der „Interessengemeinschaft Ambulante Pflege“ über die Dörfer fahren. Doch es gibt auch ganz andere Lose.

Frau E. ist eine von den Kundinnen, die jeden Tagesplan sprengen, wenn sie hilflos auf dem Teppich liegen. Mit Anfang 50 hat die zweifache Mutter die höchste Pflegestufe. Die Multiple Sklerose fordert mehr Hilfe als ambulant zu leisten ist. „Frau E. weiß es noch nicht, aber wir wollen eine stationäre Unterbringung“, sagt Martini vor der Tür der Wohnung.

Anziehen, in den Rollstuhl helfen, kämmen, ein Schwatz über die Töchter. 15 Minuten vor der Zeit steht Martini wieder auf dem Parkplatz, weil Frau E. heute nicht gewaschen werden wollte.

15 Minuten, die sie nun anderen mitbringen kann.

Frau K. schätzt die freundlich-frontale Gangart. „Sie haben Glück, dass ich Sie schon im Flur gehört hab“, kräht die alte Dame im Morgenmantel, als Martini die Tür öffnet, „ich kann Ihnen doch nicht meinen olympischen Oberkörper zeigen.“

Es folgt ein verbaler Schlagabtausch über die Zuckerwerte der Diabetikerin. „Das ist ein bisschen hoch, junge Frau“, sagt Martini und redet der Patientin händchenhaltend die Kekse aus, die auf dem Tisch liegen. Am Ende stellt sich heraus, dass Frau K. nachts Bier trinkt, um müde zu werden – ihr Schlafmittel wirkt nicht. Ein neues muss her, aber in dieser Woche werden Arzt und Apotheke das nicht mehr zustande bringen.

Also weiter, in den blauen Corsa steigen und zur nächsten Betreuten, die ausnahmsweise mal jünger ist als ihre Pflegerin.

Melanies Eltern haben von ihrer Tochter in 31 Lebensjahren nie mehr als fünf Worte gehört: Mama. Papa. Oma. Ilka. Bagga. Die von Geburt an behinderte Frau jauchzt, klatscht, greift nach jeder Hand und arbeitet ihr Vokabular ab. „Wir glauben, dass sie mit ‚Bagga’ uns Pflegerinnen meint“, sagt die Betreuerin. Eine Bagga kommt jeden Nachmittag, wenn Melanie von der Behindertenwerkstatt heimkehrt. Essen anreichen, spielen, spazieren, waschen, umziehen. Und immer wieder heben, in den Rollstuhl, die Dusche, das Bett.

Für den Geschmack der Eltern gibt es zu viele Baggas, pro Woche laufen bis zu acht mehr oder weniger fremde Menschen durchs Haus. „Schön ist das nicht“, sagt der Vater, „aber es geht eben nur so.“

Die Kräfte von Frau P. reichen nicht mehr aus, um ihre Mutter zu waschen und in den Rollstuhl zu hieven. „Jetzt kommt die Frau mit dem nassen Lappen, Mamutsch“, sagt Frau P. „Jaaa, die kommt zum Ärgern“, sagt Martini lächelnd und beginnt, die regungslose Greisin im Bett zu waschen.

Vier Hände wenden sie zum Fiebermessen, zum Anziehen. Seit fünf Jahren ist sie in diesem Zustand und wird künstlich ernährt. „Meine Mutter hat mir immer den Rücken freigehalten“, sagt die 63-Jährige, „jetzt will ich was zurückgeben.“

Draußen wird Martini zugeben, dass sie dieses Geschenk nicht wollen würde, dieses stumme Leben, vom dem keiner weiß, ob der Beschenkte dafür dankbar ist.

Unsere fünf Beispiele zeigen: Trotz minutengenauer Taktung und einem Preisschild an jeder Pflegeleistung, bleibt der menschliche Kontakt wichtigster Teil der Arbeit. Passend fasst eine der Pflegerinnen zusammen: Wir bekommen es nicht hin uns nur als Dienstleister zu verstehen: „Wir haben alle eine Helferklatsche.“