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© Jan Voth

„Erst als ich nicht mehr schlafen konnte, wachte ich auf: Ich hatte eine Depression.“ Der Satz steht auf einer Werbekarte von „Psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit“, für das sich Rolf Sieck ehrenamtlich starkmacht. In die Öffentlichkeit zu gehen und zu sagen: „Ich hatte eine Depression“, war für den 63-jährigen Hamburger lange undenkbar. Ein Tabu. Ein Stigma. Ein einziger Alptraum. Einerseits aus Scham. Andererseits weil die Krankheit so schleichend kam. Weil sie so gar nicht greifbar ist. „Es war ein Prozess, den ich rückblickend gesehen lange Zeit als normal empfunden habe. Als ich dann im Jahr 2000 die Diagnose bekam, wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte.“

Dass er damit kein Einzelfall ist, war ihm damals noch nicht bewusst. Jeder fünfte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an der Krankheit. Laut „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann Stiftung leiden rund neun Millionen Deutsche an einer behandlungsbedürftigen Depression. Doch drei von vier Patienten in Deutschland, die an einer schweren Depression erkrankt sind, erhalten keine angemessene Therapie.

Frühe Erfahrung mit dem Tod

Nichts an Rolf Sieck wirkt labil. Seine Augen sind blau. Der Blick ist klar. Seine Lachfältchen überwiegen die Sorgenfalten. Er atmet tief durch. „Nein, ich muss meine Geschichte anders erzählen. Von Anfang an erzählen.“ Die Kindheit. Wurzeln, die nicht tief genug wachsen durften. Wunden, die nicht heilen. „Als ich zur Welt kam, war ich fast wieder auf der anderen Seite: eine Blut-unverträglichkeit. Ich lag schon im Sterbezimmer.“

Zur frühen, gar nicht bewussten Erfahrung mit dem Tod kam das, was für viele Kinder der Nachkriegszeit typisch ist: „Mein Vater war traumatisiert aus dem Krieg zurückgekommen. Ich hab ihn nur als jähzornigen, unberechenbaren Menschen kennengelernt. Ich wuchs glücklicherweise nicht bei meinen Eltern auf, sondern bei meiner Oma und einer unverheirateten, sehr religiösen Tante.“ Während seine Tante arbeitete, war Rolf Sieck bei seiner herzkranken Großmutter. „Wenn ich mittags von der Schule kam, hatte ich immer schon Angst, sie könnte gestorben sein. Sechs Jahre lang. Mein Vater sagte in der Zeit oft zu mir: Wir holen dich, du kommst zu uns!‘ – Für mich war das ein ‚Komm zurück in die Hölle!‘

Beziehungen habe ich lieber abgebrochen, statt über die Leichen im Keller zu reden.

Rolf Sieck, Depressions-Patient

Doch dazu kam es nicht. „Meine Großmutter starb, als ich zwölf war. Ich war bei ihr. Zu meiner Tante hatte ich zwar keine enge Bindung, aber ich durfte bleiben.“ Trotzdem schämte er sich, dass er keine normale Familie hatte. „Immer wieder kam die Frage, ob ich keine Eltern mehr habe. Ich fing an, mir Geschichten auszudenken. Später, wenn ich Freundinnen hatte, habe ich die Beziehungen lieber abgebrochen, statt über diese Leichen im Keller zu reden.“

Für den Faktencheck Depression der Bertelsmann Stiftung wurden die anonymisierten Daten von rund sechs Millionen Versicherten der Betriebs- und Innungskrankenkassen ausgewertet. Sie sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung. Das Ergebnis: Bundesweit werden mehr als die Hälfte der schwer Depressiven unzureichend, 18 Prozent sogar gar nicht behandelt. Wie groß die Chance eines Patienten auf eine angemessene Therapie ist, hängt nicht zuletzt vom Wohnort ab. So werden nur 13 Prozent der Menschen in Zwickau (Sachsen) angemessen versorgt, während Münster (NRW) mit 40 Prozent auf eine dreimal höhere Rate kommt. Mehr Informationen: faktencheck-depression.de

Er sehnte sich danach, eine Erklärung von seinen Eltern zu bekommen. „Irgendwann hatte ich diesen Tick: Wenn der Postbote kam, bin ich ihm hinterhergelaufen, weil ich dachte, er hätte Post von meinen Eltern. Bis heute muss ich bei uns zuhause als Erster in den Briefkasten gucken. Immer ist da die Hoffnung, dass da etwas kommt.“ – Rolf Siecks Vater starb 1981, seine Mutter 1990.

Sieck war ein guter Schüler. So gut, dass seine Klassenlehrerin gleich dreimal zu seinem Vater ging und ihn bat, seinen Sohn aufs Gymnasium gehen zu lassen. Doch der warf sie dreimal raus. „Ich habe trotzdem den Ausbildungsplatz bei einer Krankenkasse bekommen. Endlich wurde ich gefordert.“ Er kämpfte sich hoch. Vom normalen Sachbearbeiter hinauf in die Marketingabteilung, organisierte Messen und Werbemittel, übernahm viel Verantwortung.

Nichts war mehr wie vorher

„Ein Bereich, in den ich mit meinem Hauptschulabschluss eigentlich gar nicht hingehörte. Als ich einen neuen Chef bekam, fragte der mich, was ich studiert habe.“ Von diesem Moment an bekam er die Ablehnung zu spüren. „Mit einer gesünderen Basis hätte ich damit und auch mit dem Stress, mit all den Problemen viel gelassener umgehen können. Aber ich hatte ja kein Selbstbewusstsein. Keine Wurzeln. Ich hab immer nach Anerkennung gesucht und wollte es allen recht machen. Ich konnte nicht Nein sagen. Auch das war ein Fehler.“

Der Beruf fraß ihn auf. Und als sich dann 1995 noch seine Freundin nach 15 Jahren von ihm trennte, igelte Sieck sich ein. Ging nicht mehr unter Leute. „Der erste Ausbruch der Krankheit“, sagt er heute. Ständige Müdigkeit, plötzlich eine Lungenentzündung, eine spastische Bronchitis, Verdauungsprobleme, auf einmal 40 Grad Fieber. Dann die Schlafstörungen. „Ich ging immer später ins Bett, konnte ja eh nicht schlafen. Morgens war ich wie erschlagen, konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Bei Gesprächen wusste ich nicht mehr, wie ein Satz, den ich angefangen hatte, enden sollte.“

1998 lernte er seine jetzige Frau kennen. Ein Jahr später kam ihre Tochter zur Welt. „Für meine Frau und unser Kind wollte ich das alles in den Griff bekommen.“ Im Jahr 2000 fuhr Rolf Sieck nach Bad Wildungen zur Kur. Dort bekam er die Diagnose: „Sie haben eine Depression“, sagte ein Arzt zu ihm. Unfassbar: „Ich hatte früher viele Sportverletzungen. Bei einem Wadenbeinbruch wusste ich, das ist gebrochen, da gucken alle, bedauern einen, man kommt ins Krankenhaus, dann zur Reha und irgendwann ist alles wieder gut. Aber diese Diagnose ist keine, mit der man einfach so hausieren geht. Für mich war das furchtbar peinlich.“

Nach sechs Wochen Kur ging er zurück in die Firma. „Es hieß zwar, ich bin krank, aber ich war ja wieder arbeitsfähig. Ich hab eine Psychotherapie angefangen und versucht, mich in die ganze Geschichte hineinzufinden, aber das ist mir trotz allem schwergefallen. Nichts war mehr wie vorher.“ Ob ihm die Psychotherapie geholfen hat, weiß er im Nachhinein nicht: „Ich war zweimal die Woche da. Der Therapeut hat dagesessen und unentwegt geschrieben. Mit meiner behandelnden Nerven-Ärztin hat er sich gar nicht ausgetauscht, obwohl ich ihn immer wieder darum gebeten hatte. Das hätte ich mir natürlich gewünscht.“

Unverständnis am Arbeitsplatz

Die bleierne Müdigkeit und die körperlichen Beschwerden blieben. Ein Teufelskreis. Eine Wiedereingliederung. Unverständnis am Arbeitsplatz. Und irgendwann die Erkenntnis: Es geht nicht mehr. Rolf Sieck wurde Rentner. „Es war so ein peinlicher Abgang. Mein Chef sagte mir, es nütze nichts, sich in die Krankheit zu flüchten. Ein Kollege, der mich auf der Straße traf, sagte, ich sähe ja gut aus und mache bestimmt auf Psycho… Man fühlt sich mit der Diagnose als Versager. Ich hatte andauernd ein schlechtes Gewissen, weil ich kein subjektives Krankheitsgefühl hatte. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindel. Nur eine Diagnose, die im wahrsten Sinne nur im Kopf ist. Das ist, als ob man sich vor der Arbeit drückt. Diese Krankheit ist überhaupt nicht akzeptiert.“

Damit meint er nicht nur die Arbeitskollegen, sondern die ganze Gesellschaft: „Die Peinlichkeit der Krankheit, die Stigmatisierung ist schrecklich: Wäre meine Depression früher bekannt gewesen, hätte ich nur unter erschwerten Bedingungen eine private Krankenversicherung abschließen können. Auch keine Lebensversicherung. Wir hätten also wahrscheinlich auch nicht bauen können. Ich kann ja nicht einmal zur Blutspende gehen. Meine Blutwerte waren okay, aber als ich bei der Frage nach Krankheiten sagte, ich sei depressiv, sagte man mir, ich könne kein Blut spenden. Dabei hatte ich das schon seit Jahren gemacht. Warum, konnte man mir nicht sagen. Ich nahm keine Medikamente.“

Leute, sucht euch Hilfe und versucht nicht, das alleine auf die Reihe zu kriegen.

Rolf Sieck, Depressions-Patient

Wenig ermutigend war auch das Urteil eines Gutachters, der Rolf Sieck 2006 ins Gesicht sagte: „Sie können gar nichts mehr, höchstens Kindern im Krankenhaus Geschichten vorlesen.“ Doch dem beweist Rolf Sieck, der bis heute von Alpträumen über ganz konkrete Situationen am Arbeitsplatz geplagt wird, das Gegenteil. Zuerst nahm er bei „Unterwegs“ teil, einer Selbsthilfegruppe für erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern – „da hab ich zum ersten Mal erfahren, dass ich mit diesem Problem nicht alleine stehe.“ Nach dem Tod seines besten Freundes, den er in seinen letzten Stunden begleitet hat, ist Rolf Sieck beim Hospiz „Hamburg Leuchtfeuer“ aktiv. Und er setzt sich für den Verein „Irre menschlich“. ein, der Betroffenen die Scham und Angst nehmen will „Seit ich achtsam mit mir umgehe, geht es mir besser. Sich selber zu spüren – das ist wichtig.“

Momente des Glücks

Auslöser, endlich in die Öffentlichkeit zu gehen und zu seiner Krankheit zu stehen, war der Selbstmord des Fußballtorwarts Robert Enke im November 2009. „Das hab ich zum Anlass genommen, meinen Teamkollegen, mit denen ich 25 Jahre lang zusammen Fußball spielte, denen ich aber nie gesagt hab, wie schlecht es mir ging, alles zu sagen. Als die das positiv aufnahmen, hat mir das unglaublich viel Mut gemacht.“ Sein Rat an Betroffene: „Leute, sucht euch Hilfe und versucht nicht, das alleine auf die Reihe zu kriegen. Selbsthilfegruppe, Therapeut, Freunde, Familienkreis … Zieht euch nicht zurück, aber mutet euch auch nicht zu viel zu.“

Heute kann er Dinge genießen: das Leben mit seiner Familie, die ihm die Kraft gibt, auch andere Dinge wieder zu genießen – Sport, Flohmärkte, Spaziergänge, Italienisch lernen, Reisen. „In Italien auf der Piazza zu sitzen und die Touristen an mir vorbeilaufen zu lassen. Einfach da zu sein. Das sind Momente des Glücks.“ Seine Frau und seine Tochter machen ihm Mut. „Meine Tochter geht aufs Gymnasium“, sagt er lächelnd. „Und letztens, als ich ein TV-Interview gegeben hab, hat sie danach zu mir gesagt: ‚Papa, ich bin stolz auf dich!‘ Das tat mir gut.“