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Amac Garbe, ein-satz-zentrale.de

Das Wort Neuroforamenstenose ist ein ordentlicher Zungenbrecher. Auch beim Wortfindungsspiel Scrabble würde man damit haushoch gewinnen. Wer es allerdings in einem Untersuchungsbefund liest, den er gerade von seinem Arzt bekommen hat, erschrickt erst einmal. Und wird vermutlich einen befreundeten Mediziner anrufen – so er einen hat.

"Wir wurden während unseres Medizinstudiums oft von Freunden gefragt: 'Du, ich war beim Arzt. Kannst du mir das hier erklären? Du studierst das doch'", erzählt der Dresdner Student Johannes Bittner. "Irgendwann dachten wir uns: Was machen andere, die keine Ärzte kennen?"

Bittner, seine Frau Anja, ebenfalls Medizinerin, sowie ihr Freund Ansgar Jonietz, ein IT-Fachmann, schufen daraufhin die Webseite washabich.de, einen Übersetzungsdienst für Untersuchungsbefunde. "Wir machten uns vier Tage lang Gedanken, dann ging eine einfache Webseite online", erinnert sich Bittner. "Die erste Anfrage kam bereits wenige Stunden später. Und das ging dann so weiter. Da dachten wir uns, dass vielleicht doch eine größere Nachfrage vorhanden sein könnte und begannen, Kommilitonen zu fragen, ob sie uns helfen möchten."

300 ehrenamtliche Mitarbeiter

Das war am 15. Januar 2011. Mittlerweile arbeiten, so Bittner, "jeweils 200 bis 300 aktive ehrenamtliche Mitarbeiter" für "Was hab' ich?" die pro Monat rund 600 Befunde übersetzen. Gratis. "Wir hatten uns zu Anfang überlegt, wie wir die Helfer motivieren könnten", sagt Bittner. "Aber es hat sich schnell gezeigt, dass sie selbst Spaß daran haben, die Befunde zu übersetzen und dabei gleichzeitig ihr Fachwissen zu erweitern."

Wer zum Medizinisch-Deutsch-Übersetzer werden will, muss mindestens im achten Fachsemester sein und eine von "Was hab' ich?" speziell entwickelte Ausbildung durchlaufen. Denn "am Anfang des Studiums findet man es toll, mit medizinischer Terminologie zu kommunizieren", weiß Johannes Bittner aus eigener Erfahrung. "Aber irgendwann verliert man das Gefühl dafür, was ein Fachbegriff ist und was nicht.."

Wir wurden während unseres Medizinstudiums oft von Freunden gefragt: »Du, ich war beim Arzt. Kannst du mir das hier erklären? Du studierst das doch.«

Johannes Bittner, „Was hab’ ich?“-Mitbegründer

Zwischen drei und fünf Stunden sitzen die Helfer an einer Übersetzung, die in der allgemeinverständlichen Version oft bis zu sechs Seiten umfasst – auch wenn der ursprüngliche Befund vielleicht gerade mal eine halbe Seite lang war. "Wir wollen den Patienten eine Grundlage geben", sagt Bittner, der demnächst seinen Abschluss machen wird. Deshalb wird zuerst die Art der Untersuchung selbst genau erklärt, was vor allem bei technisch anspruchsvollen Prozeduren wie einer Magnetresonanztomographie sehr umfangreich geraten kann. Die Übersetzer können dabei auf Textbausteine zurückgreifen, achten aber darauf, immer wieder Bezug zum Befund des Patienten zu nehmen.

Soforthilfe durch den Befunddolmetscher

Aufgrund der hohen Nachfrage wurde ein virtuelles Wartezimmer eingerichtet. Jeden Morgen ab sieben Uhr kann man sich mit seiner E-Mail-Adresse eintragen, bis die Kapazität des laufenden Tages – zwischen 15 und 30 Befunde – erschöpft ist. Damit soll gewährleistet werden, dass Patienten, die dringend eine Übersetzung benötigen, diese auch bekommen, wenn sie nur früh genug aufstehen.

Ein Team aus ebenfalls ehrenamtlichen Fachärzten steht bei fachlichen Fragen zur Seite, manche von ihnen übersetzen sogar selbst und profitieren davon in ihrer eigenen Praxis.

Verständliche Kommunikation ist eine zentrale Voraussetzung für gemeinsame Entscheidungen von Arzt und Patient.

Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung

„Eine tolle Sache und eine sehr moderne Form von Engagement“, nennt Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, „Was hab’ ich?“. „Junge Mediziner, die Arztbefunde übersetzen – das fanden wir spannend. Weil es Patienten kompetenter macht und gleichzeitig angehende Ärzte trainiert, mit Patienten zu kommunizieren.“ Verständliche Kommunikation sei eine zentrale Voraussetzung für gute gemeinsame Entscheidungen von Arzt und Patient, so Etgeton. Damit greife „Was hab ich?“ ein Thema auf, das auch die Bertelsmann Stiftung seit längerem bewege. 

Seit Ende 2012 fließt die Erfahrung der studentischen Übersetzer in den von der Bertelsmann Stiftung und „Was hab‘ ich?“ entwickelten „Befunddolmetscher“ ein. „Es gibt in Befunden viele standardisierte Begriffe oder Formulierungen, die immer wieder auftreten“, erklärt Etgeton. „Unsere Idee war es, dies zu automatisieren. Das würde auch „Was hab’ ich?“ entlasten.“

Keine Angst vor Fremdwörtern

Im Befunddolmetscher können Patienten einzelne Fachbegriffe eingeben, die sie nicht verstehen und die ihnen hier auf Knopfdruck erklärt werden. Wie eben Neuroforamenstenose. „Dem Patienten genügt oft eine simple Übersetzung“, sagt Johannes Bittner. „Der erschrickt erst mal vor den Fremdwörtern, weil er Angst hat, dass ihm sein Arzt etwas nicht sagt.“

Ist es nicht traurig, dass solche Übersetzungshilfen überhaupt notwendig sind? „Eigentlich ja“, sagt Stefan Etgeton. „Aber diese Fachsprache dient ja vor allem der Kommunikation zwischen Ärzten. Sie ist kürzer und präziser. Es ist im Interesse des Patienten, dass die Kommunikation zwischen Medizinern schnell abläuft.“

„Es ist nicht nur eine Zeitfrage“, ergänzt Johannes Bittner. „Studien zeigen, dass die Patienten 80 Prozent der Fakten, die ihnen ihr Arzt mitteilt, nicht behalten. Und den Rest oft falsch.“

Trotzdem gibt es erste Anzeichen, dass auch die – angehende – Ärzteschaft beginnt das Problem zu erkennen. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und an der TU Dresden können Medizinstudenten in ihrem Praktischen Jahr seit diesem Jahr erstmals die „Was hab’ ich?“-Übersetzungsausbildung im Rahmen ihres Studiums absolvieren.

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