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Jan Voth

Es war einmal eine Familie: Mama, Papa und die beiden Kinder. Papa arbeitete, und Mama kümmerte sich um die Kleinen. Sie las ihnen vor und brachte sie zum Arzt. Später, als sie schon groß genug für die Schule waren, ging Mama vormittags arbeiten und machte nachmittags mit ihnen die Hausaufgaben oder brachte sie zum Schwimmkurs, zum Ballett oder zu Kinderpartys. Und wenn Mama mal krank war, nahm sich Papa frei, damit Mama sich in Ruhe erholen konnte.

In der Realität sieht es oft weniger märchenhaft aus. In jeder fünften Familie in Deutschland müssen sich Papa oder Mama heute allein um alles kümmern. 2,2 Millionen Kinder werden von nur einem Elternteil großgezogen, in 90 Prozent der Fälle von der Mutter. 

Herausforderung Alleinerziehende/r

Das Problem vieler Alleinerziehenden ist, dass sie nicht nur den Alltag mit Arbeit, Haushalt und Kindern allein organisieren müssen, sondern auch noch von der Politik via Steuer- und Unterhaltsrecht zahlreiche Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen. Denn der Staat orientiert sich zu stark  an der Zwei-Eltern-Familie. Und das stellt Alleinerziehende mitunter vor gewaltige finanzielle Probleme.

„Alleinerziehende leben fünfmal so oft im Hartz-IV-Bezug wie Paar-Familien”

Prof. Dr. Anne Lenze, Hochschule Darmstadt

„Alleinerziehende leben fünfmal so oft im Hartz-IV-Bezug wie Paarfamilien – mit teilweise erheblichen Risiken für die Entwicklungs- und Bildungschancen der Kinder“, schreibt Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt in ihrer Studie „Alleinerziehende unter Druck“, die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung entstanden ist. 

Rund 40 Prozent der Alleinerziehenden sind auf staatliche Grundsicherungsleistungen angewiesen, um sich selbst und ihre Kinder versorgen zu können. Bei Paar-Familien sind es hingegen „nur“ sieben Prozent. Dabei arbeiten alleinerziehende Mütter sogar häufiger ganztägig als Mütter in Paarfamilien.

Der Gesetzgeber geht seit der Unterhaltsrechtsreform aus dem Jahr 2008 davon aus, dass jede Alleinerziehende problemlos Vollzeit arbeiten kann, sobald ihr Kind drei Jahre alt ist und eine Kinderbetreuung zur Verfügung steht. Entsprechend muss der Expartner ab diesem Zeitpunkt keinen Betreuungsunterhalt mehr zahlen. 

Fürsorge geht nicht so nebenbei

Dabei erledigt sich Fürsorge „nicht so nebenbei“, schreibt Anne Lenze und fordert, dass die Bildungs- und Erziehungsarbeit, die Alleinerziehende leisten, stärker berücksichtigt wird. Beim Betreuungsunterhalt wie bei der Berechnung des Barunterhaltes, also jener Summe, die das sächliche Existenzminimum des Kindes abdecken soll. 

Susanne L. hat sich von Manuel, dem Vater ihres siebenjährigen Sohnes Tom, vor knapp sechs Jahren getrennt. Sie arbeitet halbtags als Bürohilfe. Manuel C. ist Gelegenheitsjobber und hat seit der Trennung noch nie für Tom gezahlt. Aus Angst, dass Toms Verhältnis zu seinem Vater darunter leiden könnte, hat Susanne Manuel nie auf Unterhalt verklagt. Bislang hat sie den fehlenden Unterhalt vom Staat per Vorschuss ersetzt bekommen, 180 Euro pro Monat. Damit und mit ihrem Lohn hat sie Tom und sich gerade noch über die Runden gebracht. In wenigen Wochen jedoch wird sie mit 180 Euro weniger auskommen müssen. Denn der Staat springt nur maximal sechs Jahre lang ein – oder bis das Kind zwölf Jahre alt ist. 

Anne H. und ihre elfjährige Tochter Sinja leben von Hartz IV. Anne hat zwar ein abgeschlossenes Psychologiestudium, findet aber als alleinerziehende Mutter trotzdem keinen Job. Sinjas Vater, von dem Anne seit Jahren geschieden ist, zahlt regelmäßig Unterhalt und würde auch gern jeden Monat mehr überweisen. Das geht jedoch nicht, weil Sinja und Anne rechtlich in einer „Bedarfsgemeinschaft“ leben. Alles, was Sinjas Bedarf überschreitet, wird auf Annes Ansprüche angerechnet, die daraufhin weniger Geld bekommt, sodass beide gemeinsam auf Hartz-IV-Niveau bleiben. Sinjas Versorgung kann durch ihren Vater zumindest offiziell also nicht verbessert werden. 

Als Michaela B. ihre Tochter Merlind bekam, war sie verheiratet und Abteilungsleiterin in einem kleinen Verlag. Ihr Mann und sie teilten sich die Elternzeit, danach verlor ihr Mann seinen Job und blieb bei seiner Tochter zuhause. Dank des Ehegattensplittings hatte das Ehepaar B. dadurch immerhin Steuervorteile. Als Merlind vier Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Herr B. fand einen neuen Job im Ausland. Merlind blieb bei der Mutter, die sich nun um eine Ganztagsbetreuung für ihre Tochter umsehen und dafür ein Au-pair anstellen musste. Zusätzlich zu diesen Kosten muss Michaela B. nun eine höhere Steuerlast tragen. Denn seit der Abschaffung des Haushaltsfreibetrages im Jahr 2003 werden Alleinerziehende steuerlich nahezu wie kinderlose Singles behandelt.

Immerhin wird seit Kurzem anerkannt, dass auch Freizeitgestaltung, Persönlichkeitsentwicklung und die Teilhabe an sozialen Aktivitäten zu einem Kinderleben gehören. Die Kosten hierfür sollten allerdings, fordert Anne Lenze, vollständig vom nichterziehenden Elternteil getragen werden, um „das Prinzip der Gleichwertigkeit von ,Bar- und Naturalunterhalt’ zu wahren.“ Soll heißen: Der- oder diejenige, der sich um das Kind kümmert, leistet ohnehin bereits seinen Teil der Kindererziehung.

Dabei bekommt nur ein Drittel aller Kinder Unterhalt, der tatsächlich dem Existenzminimum entspricht. Bei zwei Drittel der Kinder  liegt die vereinbarte Summe darunter. Zudem erhält laut einer Studie im Auftrag des BMFSFJ nur rund die Hälfte aller Kinder den festgelegten Unterhalt in voller Höhe, 26 Prozent bekommen ihn nur teilweise, 24 Prozent gar nicht.

Unterhaltsvorschuss? Nicht für alle

In diesem Fall hat die Mutter die Möglichkeit, vom Staat Unterhaltsvorschuss zu beantragen. Im Jahr 2012 wurde er immerhin für 500.000 Kinder in Ein-Eltern-Familien gezahlt, „ein enorm hoher Anteil“, wie Lenze findet. Allerdings wird dieser Vorschuss nur maximal sechs Jahre lang und auch dann nur bis zum 12. Geburtstag gewährt. Diese Beschränkungen, stellt die Studie fest, müssten unbedingt so rasch wie möglich fallen.

Ebenso müsste das Steuerrecht an die neuen Realitäten angepasst werden. 2003 wurde der Haushaltsfreibetrag für Alleinerziehende abgeschafft. Der seit 2004 geltende, deutlich niedrigere Entlastungsbetrag führt jedoch dazu, dass vor allem Alleinerziehende mit niedrigen und mittleren Einkommen beinahe wie Singles besteuert werden, obwohl sie mit ihrem Einkommen auch ihre Kinder versorgen müssen. 

„Im Steuerrecht muss der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende deutlich erhöht werden“, fordert auch Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Das darf von der Großen Koalition nicht nur diskutiert, sondern muss zeitnah umgesetzt werden.“

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