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Rainer Berg/Westend61/F1online

Vom Chef ist noch nichts zu sehen, aber man ist sich sicher, dass er jede Sekunde auftauchen wird. Gerade kam Hugo angetrabt, und wo der Berner Sennenhund ist, kann Stefan Deerberg nicht weit sein. Das weiß bei Deerberg jeder. „Bei uns darf jeder Mitarbeiter seinen Hund mit zur Arbeit mitbringen. Hunde gehören zur Familie.“ Und die wird bei Deerberg großgeschrieben.

„Mir ging nie in den Kopf, warum Kinder und Beruf nicht zusammenpassen sollen.“

„Als wir uns selbständig gemacht haben, ging es auch gar nicht anders,“ Das war 1986, als er das Unternehmen mit seiner damaligen Frau Gabi gründete. Aus der damaligen Zwei-Personen-Firma ist ein Versandhaus mit gut 400 Mitarbeitern geworden, das mit Kleidung und Schuhen im vergangenen Jahr einen Umsatz von 55 Millionen Euro erwirtschaftete.

Auch heute, trotz der Größe des Unternehmens, erinnert sich Deerberg bei der Gestaltung von Personalpolitik und Unternehmenskultur immer wieder an seine eigene Situation Mitte der 1980 Jahre.

Firmengründung und gleichzeitig Familiengründung

Deerberg ist Anfang 20, als seine Frau im heimischen Wohnzimmer anfängt, aus Lederresten Hosen und Schuhe zu nähen. Ihre Lederwaren kommen bei Freunden und Bekannten so gut an, dass er selbst sich kurze Zeit später nebenberuflich an die Nähmaschine setzt. 

Ihr erster Sohn ist zu dieser Zeit noch klein, das zweite Kind auf dem Weg. „Die Kinderbetreuung mussten wir weitestgehend selbst wuppen.“ Die Großeltern wohnen weiter weg, eine Kita gibt es nur im Nachbardorf – und die schließt pünktlich um zwölf.

Auch nach der Geburt der Tochter bleibt Deerberg zunächst im sicheren Job. „Das war eine entbehrungsreiche Zeit. Ich musste Überstunden machen und hatte keine Chance, mich um die Kinder zu kümmern“, sagt er heute. Als die Arbeit nicht mehr zu schaffen ist, kündigt Stefan Deerberg seine Stelle und macht sich gemeinsam mit seiner Frau selbständig. „Das machte vieles einfacher.“

Großer Pluspunkt: Die freie Zeiteinteilung. Wurde ein Kind krank, konnte sich ein Elternteil um den Nachwuchs kümmern – ohne sich Sorgen zu machen, was wohl der Chef darüber denkt. Hauptsache, am Ende wurde die Arbeit fertig. „Flexible Arbeitszeiten sind das A und O für junge Eltern. Das haben wir damals selbst erlebt.“

Stechuhrfreie Zone, den Chef duzen und in der Firma Wäsche waschen

Den Deerbergs war deshalb klar, wie ihre Personalpolitik aussehen sollte, als sie ihre ersten Mitarbeiter einstellten – oder besser: wie nicht. Keine Stechuhren, keine strikten Arbeitszeiten – und vor allem wollten sie verhindern, dass der Job das Leben ihrer Angestellten dominiert.

Auch das Duzen verankerten sie damals im Unternehmen. „Niemand ist wertvoller, weil er älter ist, eine andere Ausbildung oder einen Titel hat“, findet Deerberg. Deshalb reden sich alle Kollegen mit Vornamen an, vom Azubi bis zum Chef. So könnten Vorgesetzte nicht mit Macht führen, sondern nur durch Kompetenz und Klarheit, sagt der Unternehmer.

Möglich ist bei Deerberg vieles. Etwas, dass Mitarbeiter ihre Wäsche von zu Hause mitbringen und in der firmeneigenen Waschmaschine waschen – wieder so ein Einfall, den Deerberg damals aus seinen eigenen Nöten als Familienvater ableitete.

Eine alte Eisenbahn wird zum Wichtelexpress

Weil einige Kitas in den Ferien schließen und die Eltern in der Zeit ohne Betreuung dastehen, kam Stefan Deerberg die Idee zum „Wichtelexpress“ - eine alte Eisenbahn, die zur Ferienbetreuung für Mitarbeiterkinder ausgebaut wurde.

Da sie damals eine rasche Lösung für die Kinder brauchten und ein Waggon im Gegensatz zu einem festen Gebäude keine umständliche Baugenehmigung erforderte, kaufte Deerberg kurzerhand Schienen, Lok und Waggons aus dem Jahr 1928. Mitarbeiter halfen, die alten Waggons kindgerecht umzugestalten.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ja! Heile-Welt-AG, nein!

Stefan Deerbergs Augen leuchten, wenn er von Mitarbeitern erzählt, die von flexiblen Arbeitszeiten profitieren. Doch im nächsten Moment wird er ernst, als falle ihm plötzlich ein, dass dieses Modell für ihn als Unternehmer auch schwierig ist. „In erster Linie sind wir ein Wirtschaftsunternehmen“, sagt er. „Unser oberstes Ziel ist deshalb, Gewinn zu machen – in einem menschlich angenehmen Umfeld.“ Deerberg sei keine rosige Heile-Welt-AG.

„Wir wollen wachsen.“ Neben dem Onlinegeschäft will der Unternehmer auch den Stationärhandel ausbauen: Deutschlandweit gibt es bisher vier Deerberg-Läden, künftig sollen vier dazukommen – pro Jahr.