Titelbild change Magazin
Maurice Kohl

Der Albtraum jedes Personalchefs? Utopie unter Studenten oder eine logische Entwicklung? Die „Generation Y“ ist in der Arbeitswelt angekommen. Sie gilt als überdurchschnittlich ausgebildet – meist mit Hochschulabschluss. Das Y wird im englischen Why, übersetzt Warum, ausgesprochen. Passend, denn die Generation Y hinterfragt alles und wirft damit selber viele Fragen auf.

Wir haben sieben dieser Fragen gesammelt und sie beiden „Seiten“ gestellt –einer Studentin, die lieber vier als fünf Tage arbeiten möchte und einem Personalberater, der sich auf die neue Art Absolventen einstellen muss

       

Claudia Stahl, 27, Studentin

Sie macht’s wie eine Flipperkugel: Claudia Stahl erreicht ihr Ziel im Zickzack-Kurs. Die 27-Jährige ging vom Gymnasium ab, um eine Ausbildung zur Euro-Management-Assistentin zu absolvieren, und arbeitete bei einem Rückversicherungsmakler – für 1.650 Euro netto.

Nach anderthalb Jahren kündigte sie, holte ihr Abitur nach und verwirklicht jetzt ihren Traum: Die Pfaffenhofenerin studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie lebt von 420 Euro Bafög, einem Stipendium von 300 Euro monatlich und der Hilfe ihrer Eltern. Claudia Stahl nutzt das Mentoring-Programm der Uni, um sich auf ihren neuen Berufsweg vorzubereiten.

Im Sommer 2015 will sie ihren Bachelor in Volkskunde/Europäische Ethnologie in der Tasche haben. Sie weiß genau, was sie danach will und was nicht.

Falk Runge, 50, Personalberater

Er hat über 8.000 Kandidaten persönlich durchleuchtet – nicht alle erhielten danach den erhofften Management-Posten. Falk Runge ist Vice President der Kienbaum Executive Consultants GmbH, des deutschen Marktführers für die Suche nach Führungspersonal.

Seit fünf Jahren leitet er den Münchner Geschäftsbereich, hilft Konzernen, Mittelständlern oder auch Institutionen des öffentlichen Sektors bei der Besetzung wichtiger Posten. Runge bringt 25 Jahre Führungserfahrung mit.

Seine Laufbahn startete bei der Bundeswehr, wo er Pädagogik studierte und nach zehn Jahren als Kompaniechef ausschied. Danach stieg der heute 50-Jährige in die Personalberatung ein und beobachtet, dass es in der Wirtschaft zusehends lockerer zugeht: Für viele Geschäftstermine muss er sich keine Krawatte mehr umbinden.

Das sagt die Studentin:

„Wissen ist unsere Stärke: Die Generation Y hat einen leichteren Zugang zu höheren Bildungswegen und hat dank des Internets Zugriff auf enorme Mengen an Informationen. Wir wollen viel, unsere Träume sind groß. Ein schönes Gefühl!“

„Andererseits herrscht genau dadurch eine große Konkurrenz. Wir stehen unter einem permanenten Druck, von dem man sich nie wirklich lösen kann. An der Uni gibt es so viele Möglichkeiten, das meine ich nicht nur positiv. Zusatzseminare, Workshops, Netzwerktreffen – am besten macht man alles. Weil einem gesagt wird: Sonst wirst du nichts. In den Semesterferien noch unbezahlte Praktika, unter drei Monaten geht da kaum noch was. Ich mache im Sommer auch eines, aber nur sechs Wochen lang. Dafür habe ich mich eingesetzt. Mir geht es dabei nicht nur um die Frage, wie ich das Ganze finanziere, sondern vor allem um Respekt für meine Arbeit.“

„Unter der hohen Zahl der Mitstreiter leidet oft die Wertschätzung, die uns von der älteren Generation entgegengebracht wird.“

 

Das sagt der Personalberater:

„Die Generation Y ist kreativ und ehrgeizig. Sie will Dinge bewegen, denkt innovativ und hat den Mut, sich einzubringen. Das zeichnet sie positiv aus. Meine beiden Töchter zählen auch dazu: Sie hinterfragen stärker, sagen nicht mehr zu allem ja und amen.“

„Allerdings gibt es bei dieser Generation auch eine Begleiterscheinung, die sich nachteilig für sie auswirkt: Das ist die etwas geringere Leidensfähigkeit. Die Toleranz für Schmerzen und Probleme ist deutlich niedriger als bei jungen Menschen vor 20 oder 30 Jahren. Was sicherlich mit den vielen Komfortzonen zu erklären ist, die wir heutzutage haben: Wir leben seit fast 70 Jahren in Frieden und Freiheit, haben keine Furcht vorm Atomkrieg mehr, uns geht es finanziell gut.“

„Wir leben relativ angstfrei. Die niedrige Schmerzgrenze ist sicherlich etwas, was den ein oder anderen daran hindert, sein Potenzial auszuschöpfen und wirklich an seine Grenzen zu gehen.“

Das sagt die Studentin:

„Wenn ein Job meinen Ansprüchen nicht genügt, würde ich gehen. Und das habe ich ja auch schon getan.“  

„Als Makler-Assistentin erhielt ich in nur anderthalb Jahren zwei Gehaltserhöhungen. Mein Chef wollte unbedingt, dass ich bleibe und ins Consulting-Team aufsteige. Aber ich wollte nur eins: mich weiterbilden. Ich fragte ihn, ob er mir die Ausbildung zum Fachwirt finanziert, aber er sagte nein. Da entschied ich mich, mein Abi nachzuholen – und kündigte.“

Das sagt der Personalberater:

„Je stärker ein Arbeitgeber an der Leistungserbringung eines Mitarbeiters interessiert ist – weil derjenige schwer ersetzbare Fähigkeiten besitzt oder weil er ihn einfach an sich binden will –, desto weniger Kompromisse wird er ihm abverlangen.“

„Es ist interessant, was große Unternehmen wie Google ihren Angestellten inzwischen bieten. Das geht über den berühmten Kicker weit hinaus. Es gibt mittlerweile komplette Rundumsorglos-Pakete inklusive Einkaufs-Service. Ob ein 26-jähriger Software-Entwickler wirklich darauf angewiesen ist, dass ihm jemand die Einkäufe erledigt und ins Büro bringt, sei dahingestellt. Aber er kann sagen: Hey, mein Arbeitgeber bietet mir Entspannungsräume, Fitnesscenter, Lounge-Landschaften, und der Energy Drink kostet nichts.“

„Das ist natürlich cool. Egal, ob die Leute es praktisch brauchen oder einfach nur stolz darauf sind – es pflegt das Image und bindet.“

der Studentin Claudia Stahl:

„Ich denke täglich über meine Zukunft nach und studiere weiter, obwohl ich weiß, dass die Chancen auf meinen Traumjob schlecht sind. Ich möchte kreativ sein und die Gesellschaft auf irgendeine Art mitgestalten oder verändern. Im Bereich der klassischen Volkskunde ist dies bei der Arbeit in Museen oder Kulturinstitutionen relativ leicht zu verwirklichen.“

„Allerdings sehe ich die wahren Potenziale einer Kulturwissenschaft in modernen Wirtschaftsunternehmen – und zwar in Bereichen, wo der Mensch im Mittelpunkt steht: zum Beispiel Corporate Social Responsibility oder Human Resource Management. Idealerweise für einen Vorgesetzten, der präsent ist, der aktivierend und motivierend wirkt und mich nicht nur als Angestellte, sondern auch als Mensch sieht.“

„In meinen Augen hat ein Chef hauptsächlich die Aufgabe, sich mit seinem Team auseinanderzusetzen und nicht nur die Zahlen zu prüfen. Er sollte mir die Möglichkeit geben, weiterzukommen, mich auch mal ins kalte Wasser schmeißen. Aber auf eine Art, die mich nicht unter Druck setzt, sondern mir vermittelt: du darfst.“

des Personalberaters Falk Runge:

„Der ideale Mitarbeiter ist derjenige, der für die anstehenden Aufgaben die möglichst optimalen Kompetenzen mitbringt. Unternehmen haben außerdem unterschiedliche Profile und Kulturen – auch auf dieser Ebene sollte es passen.“

„Es gibt einige Eigenschaften, die mir persönlich wichtig sind, wenn ich jemanden einstelle: Eigeninitiative, vorausschauendes Denken und der Mut, Verantwortung zu übernehmen. Man sollte bereit sein, sich Aufgaben zu stellen, die den bisherigen Horizont überschreiten. Nur so entsteht persönliche Weiterentwicklung und Mehrwert, und zwar nicht nur für den Mitarbeiter, sondern auch für den Vorgesetzten.“

„Das gibt mir als solchem die Möglichkeit, Tätigkeiten abzugeben, die nicht wertschöpfend sind, wenn ich sie selbst erbringe. So kann ich mich ebenfalls neuen Dingen stellen und meinen Horizont erweitern. Natürlich ist auch eine gute Selbstreflexion wichtig, also ein Gespür dafür, wie weit die eigenen Kompetenzen und Verantwortlichkeiten reichen und wo man sich besser noch mal rückversichert. Wer das gut hinkriegt, kommt meinem Bild vom idealen Mitarbeiter sehr nahe.“

Das sagt die Studentin:

„Ich bin die Erste in meiner Familie, die den akademischen Weg einschlägt. Dass ich studieren kann, ist für mich die persönliche Erfüllung – und gleichbedeutend mit Erfolg.“

„Meine Definition dafür ist, dass ich Spaß an den Dingen habe, die ich mache. Eine fast dekadente Vorstellung, wenn ich überlege, was andere Menschen auf der Welt machen müssen, um Geld zu verdienen. Es ist ein absoluter Luxus, dass ich so viel Zeit in meine Bildung stecken kann und meine Eltern mich dabei unterstützen. Ich lasse mich nicht vom Materialismus vereinnahmen.“

„Reich zu werden gehört nicht zu meinen Zielen.“

Das sagt der Personalberater:

„Mir sind ganz selten Menschen untergekommen, die sich nicht auf irgendeine Art und Weise in ihrem Job verwirklichen wollten.“

„Man muss verstehen, nicht nur ob, sondern vor allem wovon jemand motiviert ist – zum Beispiel Geld, Status oder Arbeitsinhalt –, und dann die richtigen Knöpfe drücken, damit man miteinander zufrieden ist. Wobei Geld als Motivationsfaktor nicht mehr so relevant ist.“

„Mitte des letzten Jahrhunderts standen die Menschen buchstäblich in Asche und Trümmern. Sie mussten das Land wieder aufbauen und die eigene Existenz sichern, vor allem finanziell. Heute liegen die Prioritäten häufig woanders. Junge Menschen haben vielleicht Omas Häuschen geerbt oder profitieren grundsätzlich vom Familienvermögen. Da haben sie ganz andere Möglichkeiten, sich zu verwirklichen und jenseits klassischer Karrierepfade Erfüllung zu suchen.“

Claudia Stahl:

„Einen konkreten Plan für die ersten Berufsjahre habe ich noch nicht. Aber ich finde es auch ohne ganz schön. Ist es etwa besser, verbissen ein konkretes Ziel zu verfolgen? Ich halte es für schwierig, irgendwo hinzugehen und sich unter größter Anstrengung durchzubeißen und beweisen zu müssen. Ich bleibe offen und gucke, was mir entgegenkommt.“

„Was die Arbeitszeiten angeht, bin ich hin- und hergerissen: Einerseits wünsche ich mir Freiheit, Kreativität, Flexibilität, Mobilität und all diese faszinierenden Worte. Gleichzeitig empfinde ich gewisse Strukturen als positiv. Es ist gut, feste Arbeitszeiten zu haben und sagen zu dürfen: Ab 18 Uhr bin ich dran und sonst niemand. Ich mache dreimal pro Woche Sport, bin gerne an der frischen Luft. In Zukunft möchte ich das noch intensivieren.“

„Ein Leben darf nicht einseitig sein, nur so gelingt die Work-Life-Balance. Eine Vier-Tage-Woche wäre ideal, wenn es finanziell reichen würde. Es wird viel von Individualisierung und Subjektivierung geredet. Dann müssen aber auch die Bedingungen geschaffen werden, die das unterstützen. Teilzeitarbeit sollte möglich sein, ohne dass man Verantwortung verliert.“

Falk Runge:

„Der Begriff Work-Life-Balance spielt für die Generation Y eine wichtige Rolle. Und damit auch die Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten. Die sind allerdings noch weitgehend starr, die Karriere-Vorstellung klassisch: Die wirklich taffen Laufbahnen sind über Teilzeitvereinbarungen oder längere Phasen der Auszeit schwer denkbar. Obwohl es schon eine Entwicklung in Richtung Flexibilisierung gibt – sowohl praktisch als auch in den Köpfen. Leider sind wir längst noch nicht da, wo wir sein könnten, um die wertvollen Kompetenzen der Generation Y voll ausnutzen zu können.“

„Es muss noch einiges passieren, bis man versteht, dass eine Auszeit von sechs Monaten oder einem Jahr nicht automatisch dazu führt, dass jemand den Anschluss verpasst oder als Fischer in Papua Neuguinea bleibt. Diese Klischees gilt es zu überwinden.“

„Aber es ist auch klar, dass man als Berufsanfänger Punkte sammeln muss. Wer eine Top-Karriere machen will, sollte am Ball bleiben. Da ist jedwede Diskussion über flexible Arbeitszeiten, Home-Office oder Auszeiten weitgehend illusorisch. Und ich glaube, das wird sich auch nicht ändern.“

Die Studentin antwortet:

„Ich wünsche mir eine Familie und würde die gerne mit meinem Beruf unter einen Hut bringen.“

„In einem meiner Seminare sollte mal ein klassischer weiblicher Lebenslauf skizziert werden. Zwanzigjährige Mädchen malten den wie folgt an die Tafel: Studium, Job, Kinder kriegen und großziehen, mit 50 dann die Lebenskrise, weil der Nachwuchs aus dem Haus ist. Es hat sich also noch nicht viel verändert.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, zu Hause zu bleiben. Kinder zu haben ist toll, aber ich studiere nicht, um dann nur Mutter zu sein. Ich will mich nicht komplett selber aufgeben. Andere Menschen sind ebenfalls fähig, sich um mein Kind zu kümmern.“

„Mit dieser Einstellung wird man in den Augen anderer schnell zur Rabenmutter. Aber dieses Wort gibt es nur in Deutschland, keine andere Sprache kennt ein Pendant dazu. Die Betreuungsfrage sollte jeder für sich entscheiden. Es wäre gut, wenn es staatliche Reglementierungen gäbe, die das auch wirklich zulassen und zum Beispiel eine garantierte Rückkehr in Teilzeit möglich machen würden.“

Der Personalberater antwortet:

„Ich bin fest entschlossen, die Vereinbarkeit von Job und Familie in meinem Verantwortungsbereich zu gewährleisten. Mir ist es zwar wichtig, im Büro eine gewisse Präsenz zu haben – auch, um den Austausch untereinander und Projektbesprechungen möglich zu machen.“

„Aber darüber hinaus gibt es sehr viel Flexibilität und die technischen Voraussetzungen, von zu Hause aus zu arbeiten. Es lässt sich fast alles organisieren. Natürlich gibt es Unternehmen, die das anders sehen, und ich will das gar nicht werten. Aber vielleicht müsste man ein bisschen kreativer denken und verstehen, dass das Auffangen von schwangerschaftsbedingten Abwesenheiten weniger kompliziert ist als oft diskutiert.“

ist für Claudia Stahl:

„Als ausgebildeter Mensch sollte man in der Lage sein, sich mit seinem Job ernähren zu können. Darum wäre ich für einen allumfassenden Mindestlohn, auch für Praktikanten. Um sicherzustellen, dass man wirklich etwas lernt und nicht zu Deppenarbeit verdonnert wird – und um auf der anderen Seite zu vermeiden, dass eine volle Stelle durch Kostenlos-Praktikanten ersetzt wird.“

„Ich fände es toll, wenn mehr Menschen aus meiner Generation auch im echten Leben Stellung zu Problemen wie diesen beziehen würden. Viele beschweren sich via Facebook & Co. hintenrum, unterwerfen sich in der Realität jedoch den scheinbar unhinterfragten gesellschaftlichen Anforderungen. Ich spreche Dinge, die mir nicht gefallen, offen an. Im Moment kann ich mir das auch noch leisten. Als Studentin finde ich überall einen Job. Schließlich bin ich gut ausgebildet – und günstig ...“

ist für Falk Runge:

„Da die Generation Y in die Jobs drängt und demnächst auch vermehrt in Führungspositionen, müssen sich die Chefs anpassen. Das ist ein unumkehrbarer Prozess. Hierarchisch geprägte Mechanismen müssen einer persönlichkeits- und motivationsorientierten Führung Platz machen.

„Erste Veränderungen gibt es schon. Die wenigsten Vorgesetzten fühlen sich bedroht von den „jungen Wilden“, viele sind ja bereits selbst welche und denken ähnlich. Interessen und Leidenschaften der Generationen nähern sich immer mehr an. Und so traut sich der eine oder andere 50-Jährige vielleicht auch noch mal eine Tour durch Australien zu, weil er sieht, wie viel Spaß das den Jüngeren macht – so wie meinen Töchtern.“