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Bernd Jonkmanns

Dr. Kirsten Witte ist seit Juli 2005 Leiterin des Programms "Lebenswerte Kommune" der Bertelsmann Stiftung.

Frau Witte, worum geht es im Projekt „Kein Kind zurücklassen“?

Immer mehr Kinder wachsen in schwierigen Verhältnissen auf. An die Stelle der Normalfamilie – Mutter, Vater, Kinder, Mama bleibt zu Hause und erzieht, Papa verdient das Geld – treten zunehmend Patchworkfamilien, Ein-Eltern-Familien und Familien mit Migrationshintergrund. Das führt dazu, dass immer mehr Kinder und Familien Hilfe brauchen, um ihren Lebensweg zu meistern. Wir unterstützen daher  18 Kommunen in NRW zusammen, die für sich Präventionsketten entwickeln.

Was ist das, eine Präventionskette?

Bei der Entwicklung von Hilfsangeboten muss der gesamte Lebenslauf des Kindes berücksichtigt werden. Das fängt schon vor der Geburt an und geht über die Elternbetreuung bis zum Übergang in den Beruf. Über die gesamte Lebensphase soll die Kommune Kinder so begleiten, dass niemand verlorengeht.


Warum ist diese Kette so wichtig?

Im Lebenslauf jedes Kindes gibt es Brüche: wenn das Kind in die Kita kommt, wenn es in die Grundschule kommt, wenn es in die weiterführende Schule kommt usw. Das führt dazu, dass immer wieder die Bezugspersonen wechseln. So können Kinder Schwierigkeiten bekommen, zurückbleiben und den Anschluss verlieren. Wir wollen Ketten bilden, in denen diese Institutionen so kooperieren, dass jedes Kind auf dem Radar der öffentlichen Institutionen ist. So ist für den Fall, dass die Familie es alleine nicht schafft, sichergestellt, dass es jemand merkt und eingreift.

Wie ist die Idee zur Initiative entstanden?

Aus einer Absprache zwischen der Ministerpräsidentin des Landes NRW und unserem Vorstandsmitglied Brigitte Mohn. Ein kanadisches Projekt („No child left behind“) verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Dies ist übrigens auch die Namensquelle – zurückzuführen auf eine Reise von Frau Kraft. Das Thema beschäftigt die Stiftung aber schon lange, weil es ebenso bekannt wie vieldimensional ist.

Welche Rolle spielt der Faktor Bildung?

Eine ganz entscheidende. Gelingendes Aufwachsen heißt zuallererst gelingende Bildung. Wir haben zehn Prozent Schulabbrecher pro Jahr. Für solche Menschen ist es schwierig, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Viele Kinder machen die frustrierende Erfahrung, dass sie durch Schwierigkeiten in der Jugendphase auch im späteren Leben nicht mehr klarkommen.

Ein Rädchen muss ins andere greifen

Und die finanzielle Seite?

Für die Kommunen wird es zunehmend teuer. In dem Zusammenhang sind die „Hilfen zur Erziehung“ zu nennen, die sie zahlen müssen, wenn Familien Hilfe benötigen. Diese Kosten steigen beständig und schränken den Haushalt der Kommunen inzwischen so weit ein, dass manche Kommunen darüber in die Knie zu gehen drohen.  Die Strategie ist daher auch, durch Prävention solche Folgekosten zu minimieren.

Wie packen die Kommunen das Problem an?

Es gibt z. B. einen Hebammen-Besuchsdienst, der in Familien geht, wenn Kinder neu geboren sind. Da stellt die Hebamme fest: Bei manchen Familien läuft alles gut und anderen muss geholfen werden. Dazu wird z. B. das Jugendamt informiert. Die schicken dann einen Paten in die Familie, der die Mutter unterstützt,. Die Idee ist, dass ein solcher Pate z.B. darauf hinwirkt, dass das Kind früh in die Kita kommt, die sich dann um dieses Kind kümmert.

„Unsere Erkenntnisse zeigen, dass sich die Zusammenarbeit innerhalb der Kommunen durch das Projekt deutlich verbessert hat.“

Dr. Kirsten Witte, Bertelsmann Stiftung

Sind die Familien dankbar oder fühlen sie sich eher belästigt? 

Sowohl als auch. Wir wollen vor allem Prävention stärken, das heißt: Kindern dann helfen, wenn die Hilfe auf beiden Seiten freiwillig gewährt wird: Die Eltern freuen sich eher, und die Kommune ist nicht verpflichtet, es zu tun. Das setzt voraus, dass die Familien aktiv mitwirken und die Hilfe auch annehmen. Wenn Eltern nicht mitwirken, hat man es schwer, einem Kind zu helfen. Aber es gibt auch Maßnahmen, die „Zwangsbeglückung“ sind. Bis hin zu Inobhutnahmen, d.h., dass die Kinder aus Familien herausgenommen werden, weil sonst das Kindeswohl gefährdet ist. Dann kann natürlich von Freiwilligkeit keine Rede mehr sein.

Wie werden Familien identifiziert, die Hilfe brauchen?

Die Maßnahmen sollen grundsätzlich allen Familien zu helfen, die es nötig haben. Wie man diese Familien ermittelt, ist allerdings den einzelnen Kommunen überlassen – da es situationsabhängig ist und sich von Woche zu Woche ändern kann. In Duisburg haben wir z.B. viele unbetreute Flüchtlingskinder. Da guckt man dann natürlich hin. Und es gibt andere Stadtquartiere, wo nicht so viel passiert, da guckt man dann  weniger intensiv. Aber jede Kommune muss für sich schauen: Welche Maßnahmen sind geeignet, um die Zielgruppe genau zu adressieren?

Welche Erfolge gibt es und wo liegen die Schwierigkeiten?

Wir als Stiftung begleiten das Projekt wissenschaftlich, gemeinsam mit der Ruhruniversität Bochum und anderen. Wir evaluieren mit Familienbefragungen oder Monitorings, ob die Prävention Erfolg zeitigt. Unsere Erkenntnisse zeigen, dass sich die Zusammenarbeit innerhalb der Kommunen durch das Projekt deutlich verbessert hat. Dem gegenüber steht weiterhin die große Komplexität der Gesamtsituation. 

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