Gruppe Jugendlicher aus ganz Europa

Young Leaders for Europe ist das Nachfolgeprojekt der SommerAkademie Europa, die 15 Jahre lang als Gemeinschaftsveranstaltung der Bertelsmann Stiftung und der Heinz Nixdorf Stiftung durchgeführt wurde. Ziel des Programms ist es, künftigen Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Medien Raum für eine offene Debatte über Strategien und Handlungsoptionen für das zusammenwachsende Europa und seine Rolle in der Welt zu bieten.

Vom 23. bis 26. Juni 2014 trafen sich 32 Nachwuchs-Führungskräfte aus verschiedenen EU-Staaten und Nordafrika in Nordrhein-Westfalen zum ersten Young Leaders for Europe-Forum. Die Teilnehmer diskutierten die Herausforderungen der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP). Mit diesem Programm verfolgt die Europäische Gemeinschaft seit 2004 das strategische Ziel, einen Ring stabiler und befreundeter Staaten um die EU herum zu etablieren. Da sie die bisherige Politik in dieser Richtung als weitgehend gescheitert betrachten, erarbeiteten die Nachwuchskräfte eine mögliche Neuausrichtung der ENP.

Hier sprechen drei Teilnehmer – Shruti Singh, Ökonomin bei der OECD in Paris, Lukasz Wenerski vom Warschauer „Institute of Public Affairs“ und Dr. Lukas Wasielewski, Deutsche Botschaft Warschau – über ihre Erfahrungen mit dem Projekt.

Welche Aspekte der ENP halten Sie für besonders wichtig?

Lukas Wasielewski: Aus meiner Sicht ist es von außerordentlicher Bedeutung, dass die Europäische Union ihren Nachbarn hilft, demokratische und marktwirtschaftliche Systeme in den jeweiligen Ländern zu entwickeln und zu etablieren. Im Idealfall kann sich Europa so ein Umfeld schaffen, das die gleichen politischen Werte teilt. Hierfür ist es beispielsweise auch notwendig, die Zivilgesellschaften in den ENP-Ländern zu stärken. Seminare wie Young Leaders for Europe tragen dazu bei, Menschen aus Europa und seinen Nachbarländern zusammenzubringen und sind daher eine große Chance, um dieses Ziel zu erreichen.

Shruti Singh: Ganz klar: die Unterstützung unserer Nachbarn beim Aufbau starker sozialer und wirtschaftlicher Systeme! Für die südlichen und östlichen Nachbarn der EU sind hohe Arbeitslosigkeit und schlechte Berufsaussichten – besonders für die Jugend – sehr große Herausforderungen. Europa muss seine Aufmerksamkeit auf diese Problematik richten, damit sich Unruhen wie im „arabischen Frühling“ dort nicht wiederholen.

Lukasz Wenerski: Ich bin ebenfalls fest davon überzeugt, dass die ENP entscheidend für das Verhältnis der EU zu ihren Nachbarländern im Süden und im Osten ist und sein wird. Da mein Fachgebiet vor allem die Zusammenarbeit mit den Partnern aus Osteuropa umfasst, liegt mir die Annäherung der EU an diese Länder besonders am Herzen. In diesem Sinne unterstütze ich vor allem die Einbindung der Ukraine, Moldawiens und Georgiens in die Assoziierungsabkommen der EU sowie in das Freihandelsabkommen DCFTA.

Welche Hoffnungen und Wünsche haben Sie für Europa und die Politik der EU?

Shruti Singh: Ich wünsche mir in Zukunft nicht nur die finanzielle Förderung von Projekten, sondern besonders die Umsetzung konkreter Vorschläge in bestimmten Politikbereichen, selbst wenn diese nur in kleinem Maßstab durchgeführt werden können. So könnte zum Beispiel die Ausweitung der EU-Jugendgarantieregelung – die jungen Menschen zu einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz verhelfen soll – auf die südlichen und östlichen Nachbarn der EU die hohe Jugendarbeitslosigkeit dort eindämmen.

Lukasz Wenerski: Zurzeit beobachte ich die aktuelle Politik der EU gegenüber Russland mit Sorge. Die Verantwortlichen in Moskau scheinen vergessen zu haben, dass der Eiserne Vorhang nicht mehr existiert, und dass es im 21. Jahrhundert andere Problemlösungsmittel gibt als Soldaten und Panzer. Die EU sollte demgegenüber einheitlich zusammenstehen und entschieden gegen solche Aktionen vorgehen! Leider sind die europäischen Staaten in dieser Frage uneins, und manche EU-Politiker scheinen die Politik Moskaus sogar eher zu bewundern als zu verurteilen.

Lukas Wasielewski: Gewalttätige Auseinandersetzungen oder die Rückkehr autoritärer Regime in einigen ENP-Ländern dürfen Europa nicht von der Förderung seiner Werte abhalten. Die ENP muss ein langfristiges Angebot Europas an seine Nachbarn sein. In diesem Sinne sollten etwa die Menschen in der Ukraine, die um eine europäische Perspektive ihres Landes kämpfen, nicht alleine gelassen werden, sondern vielmehr unterstützt werden – etwa durch verstärkte Wirtschaftshilfen.

Was waren Ihre persönlichen Erwartungen an das Projekt, und sind diese erfüllt worden?

Lukas Wasielewski: Ich hatte gehofft, verschiedene Perspektiven auf die Probleme der ENP und Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Schichten, die sich mit der ENP auseinandersetzen, kennenzulernen. Meine Erwartungen wurden voll erfüllt. Die Teilnehmer waren motiviert, die Diskussionen anregend. Das Seminar war eine ideale Plattform für den Austausch und die Vernetzung, aber auch dafür, die eigenen Ansichten kritisch zu hinterfragen. Ich verdanke dem Projekt nicht nur neue Erkenntnisse sondern auch neue Freunde.

Shruti Singh: Dem kann ich mich nur anschließen. Zudem möchte ich das ausgewogene Verhältnis zwischen Teilnehmern aus EU- und Nicht-EU-Mitgliedstaaten hervorheben. Das hat nicht nur meine Kenntnisse über die ENP, sondern auch mein Verständnis der politischen Debatten – besonders aus der Sicht unserer Nachbarn – vertieft.

Lukasz Wenerski: Auch ich habe hier tolle Menschen aus verschiedenen Fachgebieten getroffen. Alle hatten ein großes Interesse daran, über die ENP zu diskutieren und sie zu analysieren. Der wichtigste Aspekt des Projekts war zweifellos die Tatsache, dass die Bertelsmann Stiftung uns die Möglichkeit geboten hat, politische Entscheidungsträger, die die Politik der Europäischen Union real gestalten, zu treffen und zu sprechen.