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© Enno Kapitza

Seit einiger Zeit lässt sich beobachten, dass chinesische Unternehmen verstärkt im Ausland investieren. Seit wann und warum ist das so?

Cora Jungbluth: Seitdem die chinesische Regierung im Jahr 2000 die sogenannte Going-Global-Strategie verkündet hat, haben chinesische Auslandsinvestitionen rasant zugenommen und sich bis 2013 mehr als verhundertfacht. Die Regierung will dabei vor allem Investitionen im High-Tech-Bereich, im Rohstoffsektor und in wichtigen Märkten wie den USA und der EU fördern. Außerdem sollen chinesische Samsungs, Siemens‘ und Sonys, also weltbekannte Marken, entstehen. Für Unternehmen in China ist das Auslandsengagement von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Denn insbesondere seit dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 nimmt der Konkurrenzdruck im In- und Ausland für sie zu. Die Expansion ins Ausland ist auch eine Antwort darauf.

Deutschland als Tor nach Europa

Was macht insbesondere deutsche Unternehmen für chinesische Investoren attraktiv?

Cora Jungbluth: Durch Zukäufe im Ausland versuchen chinesische Investoren, einen vereinfachten Zugang zu Know-how, Vertriebsstrukturen und bekannten Marken zu erlangen, auch um schneller expandieren zu können. Das finden sie vor allem im deutschen Mittelstand bei den sogenannten Hidden Champions – in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Unternehmen, die in ihrem Segment jedoch Marktführer sind. Chinesische Firmen sind in Deutschland aber nicht nur bei Übernahmen aktiv, sondern bauen auch selbst eigene Tochtergesellschaften auf. Unabhängig von der Art der Investition sehen viele chinesische Investoren Deutschland zudem als Tor nach Europa, sprich: zum EU-Binnenmarkt.

Ein Käufer aus dem Reich der Mitte sorgt hierzulande nach wie vor für Verunsicherung.

Cora Jungbluth, Bertelsmann Stiftung

Wo liegen die Risiken dieses Engagements?

Cora Jungbluth: Zwischen Deutschland und China gibt es natürlich erhebliche Unterschiede im Wirtschafts- und Rechtssystem sowie auf politischer wie kultureller Ebene. Die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland zum Beispiel ist für viele ausländische Investoren – also auch für die chinesischen –  Neuland, mit dem sie sich erst einmal auseinandersetzen müssen. Deutsche Firmen, die übernommen werden, stehen hingegen vor der Aufgabe, eine Kommunikationsstrategie zu entwickeln. Denn ein Käufer aus dem Reich der Mitte sorgt hierzulande in der Öffentlichkeit, bei Arbeitnehmern und Kunden nach wie vor für eine nicht zu unterschätzende Verunsicherung. So tauchen etwa immer wieder Bedenken auf, chinesische Unternehmen könnten nach der Übernahme einer deutschen Firma einheimische Technologie und hiesiges Wissen einfach nach China auslagern.

Chinesisches Engagement hat schon Jobs gerettet

Und wo ergeben sich neue Chancen?

Cora Jungbluth: Investitionen schaffen in der Regel Arbeitsplätze und tragen zum Wirtschaftswachstum bei, das gilt auch für chinesische. In einigen Fällen hat das Engagement von Chinesen zudem schon von Insolvenz bedrohte Jobs gesichert. Da viele chinesische Käufer eher langfristig planen, können sie für mittelständische Familienunternehmen, die vielleicht Probleme mit der Nachfolge haben, außerdem eine interessantere Option sein als kurzfristig denkende Investoren aus anderen Ländern. Daneben tragen chinesische Investoren auch zu engeren wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen zwischen China und Deutschland bei.

Wie beeinflussen chinesische Investitionen das deutsche Geschäftsumfeld?

Cora Jungbluth: Gegenwärtig stammen insgesamt 0,2 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland aus China. Ihre Auswirkungen sind dementsprechend noch als gering einzustufen. Deutschland wird als Investitionsziel aber weiterhin attraktiv bleiben. Deshalb können wir davon ausgehen, dass die Zahl chinesischer Unternehmen hierzulande und damit die ihrer deutschen Arbeitnehmer kontinuierlich zunehmen wird, sodass sich auch die gegenseitige Beeinflussung der beiden Geschäftskulturen verstärken wird. Die chinesische Regierung fordert Unternehmen zudem auf, in den Zielländern ihrer Auslandsinvestitionen aktiv gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Für chinesische Firmen wird es somit immer wichtiger, sich mit ihrer neuen Identität als Teil der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Die chinesische Regierung fordert Unternehmen zudem auf, aktiv gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen.

Cora Jungbluth, Bertelsmann Stiftung

Und wie verändern die chinesischen Auslandsinvestitionen das Land selbst?

Cora Jungbluth: Früher war China hauptsächlich durch Exporte und Investitionen westlicher Unternehmen in die Weltwirtschaft eingebettet. Das hat sich mittlerweile geändert. Durch ihr Engagement im Ausland müssen sich chinesische Firmen in einem fremden Investitionsumfeld zurechtfinden, häufiger nach den lokalen Regeln spielen und sich stärker als zuvor mit den Geschäftsgepflogenheiten anderer Länder auseinanderzusetzen. Das wiederum könnte generell zu einem besseren Verständnis der ausländischen Geschäftspartner führen und ursprünglich nationale Firmen zu internationalen Konzernen und Global Playern machen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Veränderungen sich langfristig auch auf Land und Leute auswirken werden.

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