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Frau Donner, was genau ist der Transformationsindex BTI?

Sabine Donner: Der Transformationsindex soll uns helfen zu verstehen, wie Entwicklungsländer mit gesellschaftlichen Umbruchsituationen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht klarkommen und wie sie diese Umbrüche steuern. Hierfür betrachten wir 129 Länder und untersuchen, inwieweit diese sich in Richtung rechtsstaatliche Demokratie und sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft bewegen. Dazu erstellen wir detaillierte Länderberichte, in denen wir jeweils 49 Einzelaspekte hinterfragen. Die Antworten fassen wir zusammen und übersetzen sie in Kennzahlen, die wiederum ein vergleichendes Ranking, den Bertelsmann Transformationsindex BTI, ermöglichen.

Kann man Demokratie denn messen, Herr Hartmann?

Hauke Hartmann: Man kann bestimmte Aspekte von Demokratie messen. Wir fragen beispielsweise, wie es um die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen steht, etwa: Gibt es freie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit? Dann interessiert uns auch, inwieweit die Rechtsstaatlichkeit in den Ländern ausgebildet ist. Dazu untersuchen wir unter anderem, ob die Gewaltenteilung funktioniert und die Bürgerrechte geschützt werden. Wichtig ist zum Beispiel auch, ob Korruption oder Amtsmissbrauch verfolgt und bestraft werden. Alle diese Fragen kann man beantworten und im internationalen Vergleich mit anderen Ländern ergibt sich die Messbarkeit.

Für jedes Ländergutachten beauftragen wir zwei Experten, einen lokalen und einen internationalen, um sowohl die Innen- als auch die Außenperspektive bei der Analyse zu berücksichtigen.

Sabine Donner, Bertelsmann Stiftung

Wer erstellt den BTI?

Sabine Donner: Am BTI sind weltweit knapp 250 anerkannte Wissenschaftler aus namhaften Einrichtungen beteiligt. Denn für jedes Ländergutachten beauftragen wir zwei Experten, einen lokalen und einen internationalen, um sowohl die Innen- als auch die Außenperspektive bei der Analyse zu berücksichtigen. Überdies begleiten uns im BTI-Board führende Persönlichkeiten aus der Transformationsforschung und Demokratiemessung.

Einzelne Aspekte der Demokratie lassen sich vergleichen

Können so unterschiedliche Länder wie Mauritius und China tatsächlich anhand von ein paar Kennzahlen verglichen werden?

Hauke Hartmann: Die politische Führung Chinas sieht sich hinsichtlich der schieren Größe des Landes natürlich vor ganz andere Herausforderungen gestellt als die Regierung von Mauritius, allein schon was die Einwohnerzahl, den sozialen Druck, den internationalen Einfluss oder die Bedeutung für den Weltmarkt betrifft. Dennoch gibt es viele Aspekte, die sich unabhängig von der Größe eines Landes miteinander vergleichen lassen, zum Beispiel die Qualität der politischen Institutionen, des Bankenwesens oder der sozialen Sicherungssysteme.

Sabine Donner: In größeren Staaten gibt es außerdem das Problem der regionalen Abweichung. In Indien etwa finden sich in verschiedenen Bundesstaaten sehr unterschiedliche Ausmaße von Korruption. Trotzdem kann man auch in diesen Fällen auf eine überregionale, nationale Politik Bezug nehmen, die man auf der Grundlage einheitlicher Richtgrößen messen und vergleichen kann.

In einigen Ländern müssen wir seit einigen Jahren auch wieder rückläufige Tendenzen feststellen.

Hauke Hartmann, Bertelsmann Stiftung

Welche Länder werden im BTI besonders positiv bewertet?

Hauke Hartmann: Bei der politischen Transformation in Richtung demokratische Beteiligung und Rechtsstaatlichkeit schneiden traditionell Ostmitteleuropa sowie Lateinamerika gut ab. Uruguay ist der dauerhafte Spitzenreiter in unserem Demokratie-Ranking. Allerdings müssen wir bei einigen Ländern, insbesondere in Südosteuropa und Mittelamerika, seit einigen Jahren auch wieder rückläufige Tendenzen – zum Beispiel bei der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie bei der Fairness von Wahlen – feststellen.

Sabine Donner: Im Bereich der wirtschaftlichen Transformation ist Taiwan seit mehreren Jahren führend. Viele ostmitteleuropäische Länder gehören ebenfalls zur Spitzengruppe, aber auch die lateinamerikanischen Länder, namentlich Uruguay und Chile, haben hier aufgeholt. Zudem möchte ich noch das große Flächenland Brasilien hervorheben, das die Qualität seiner politischen Steuerung über Jahre hinweg verbessert und verfeinert hat und die anstehenden sozialen Umbrüche und Herausforderungen – trotz aller Proteste und Kritik – sehr gut bewältigt.

Der BTI wird genutzt, um Reformen anzumahnen

Gibt es einen globalen Trend zu Demokratie und Marktwirtschaft?

Hauke Hartmann: Nein, das kann man eigentlich nicht sagen. Im weltweiten Durchschnitt ist die Demokratiequalität seit vielen Jahren unverändert. Es gibt zwar einerseits nur noch sehr wenige Autokratien, die überhaupt nicht von politischen Fortschritten berührt werden. Selbst Myanmar, das für viele Jahrzehnte eine geschlossene Gesellschaft dargestellt hat, erfährt heute erste, vorsichtige Ansätze eines demokratischen Umbruchs. Demgegenüber steht aber auch die Erosion von Demokratiequalität in eigentlich bereits weit fortgeschrittenen Regionen.

Wer nutzt den BTI und was bewirkt er?

Sabine Donner: Zum einen hat der BTI einen politikberatenden Charakter. Die Bundesregierung bindet den BTI regelmäßig in ihre Bewertung von Partnerländern ein. Die US-amerikanische ebenso wie die britische Regierung und die EU-Kommission konsultieren ihn, internationale Organisationen wie die Weltbank ziehen den BTI zurate. Auf der Ebene der internationalen Datenzusammenarbeit verwenden Nichtregierungsorganisationen wie Transparency International oder die Mo Ibrahim Foundation Daten des BTI zur Erstellung ihrer eigenen Länderbewertungen.

Hauke Hartmann: Besonders freut uns aber, dass der BTI immer häufiger als ein Instrument verwendet wird, um Reformen anzumahnen und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Entwicklungsorganisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ oder Reformtreiber in den Entwicklungsländern selbst nutzen unsere Daten und Analysen, etwa um Regierungen darauf hinzuweisen, dass es Nachbarländer trotz ähnlicher Voraussetzungen deutlich besser geschafft haben, bestimmte Problem anzugehen und zu lösen.

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