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Bis zuletzt blieb offen, wer das Rennen machen würde. Doch als Wahlleiter Jan Malte das Ergebnis verkündete, war der Jubel groß. Die Sophie Scholl Gesamtschule in Wennigsen soll eine Dönerbude bekommen!

Ernährungsbewusste Erwachsene mögen ein wenig erstaunt sein angesichts dieser Entscheidung. Verständlich, aber sie wurde auch nicht von den Eltern oder den Lehrern getroffen, sondern von den Schülern selbst. 

Eine Dönerbude oder die Rundumversorgung mit Naschereien mögen zwar nicht der Traum jedes Ernährungsberaters sein, aber „wer A sagt, muss auch B sagen“, findet Anna Renkamp. „Wenn ihnen eine Dönerbude wichtig ist, dann ist das eben so.“

Umgesetzt werden konnte der Vorschlag nicht eins zu eins, aber gemeinsam fand man eine Lösung: Inzwischen wird der Döner in der Mensa der Schule angeboten. Von den hierfür eingesparten Kosten wurden die Spinde angeschafft, die es ebenfalls unter die TOP5-Vorschläge schafften. Wennigsen war eine der ersten beiden Kommunen, die an dem Projekt „SchülerHaushalt“ teilgenommen haben. 

Hier entscheiden die Schüler

Die Idee stammt aus dem brasilianischen Recife und hatte 2011 den Reinhard Mohn Preis der Bertelsmann Stiftung gewonnen. Dort darf die Bevölkerung, Jugendliche inklusive, bereits seit mehreren Jahren mitentscheiden, wie ihre Stadt gestaltet und weiterentwickelt werden soll. „Diese Idee, dass Schüler am eigenen Leib Demokratie erfahren, fanden wir faszinierend“, sagt Anna Renkamp, die bei der Bertelsmann Stiftung als Projektmanagerin für den SchülerHaushalt zuständig ist. „Sie lernen: Wenn ich mich einmische, kann ich etwas bewirken.“

Die Initiative, am Projekt SchülerHaushalt teilzunehmen, kann von einer Schule oder von einer Gemeinde ausgehen. „Seit wir mit der Servicestelle Jugendbeteiligung in Berlin kooperieren, sind es viel häufiger die Schüler selbst“, sagt Renkamp. Die Gemeinde stellt ein Budget zur Verfügung, die Schüler stimmen darüber ab, wie sie das Geld verwenden wollen.

Das ganze Projekt wird von den Schülern auch selbst organisiert. Eine Gruppe von Schülerkoordinatoren macht das Projekt in der Schule bekannt, sammelt und ordnet die Vorschläge und bereitet alles für die Abstimmung vor.

Dabei darf jeder vorschlagen, was er will, auch anonym. „Wenn die Idee zu verrückt ist“, sagt Renkamp, „sprechen die Schülerorganisatoren mit dem Einreicher und überlegen mit ihm, ob man den Vorschlag abwandeln könnte.“ 

Süßigkeiten, Spinde und Toiletten

Damit es eine Idee bis zur Abstimmung schafft, benötigt sie fünf Unterstützer. Auf diese Weise hat es auch der Vorschlag „Knutschhütte“ in Wennigsen auf die Stimmlisten geschafft, eine „Holzhütte auf dem Außengelände mit kleinen Fenstern zum Knutschen“. Sie kam allerdings nicht einmal unter die ersten Sechs. Letzlich finden doch die vernünftigen Vorschläge die größere Zustimmung.

Was wünschen sich die Schüler? 10 Beispiele aus verschiedenen Schulen

"Gegen Atemgeruch in der Schule!" (Vorschlag im Gymnasium Nottuln)

"Schüler haben mit dem freien W-LAN die Möglichkeit, auch außerhalb der Computerräume auf das Internet zuzugreifen und ihr Wissen zu vergrößern." (Vorschlag in der Gemeinschaftshauptschule Lüdinghausen)

"Es wäre schön wenn sie einen größeren Käfig hätten, dann ist es nicht so langweilig." (Vorschlag im Gymnasium Nottuln)

"Wenn es eine Cafeteria gibt, kann man in den Pausen (besonders in der Mittagspause) auch mal drin bleiben, sich an Tische setzen, essen, trinken und sich erholen. Es wäre möglich, den Kiosk zu erweitern durch schnell aufzustellende Tische und Stühle. Zudem wünschen wir uns in der Mittagspause ein größeres Angebot von Essen und Trinken. Dazu braucht der Kiosk auch neue Geräte." (Vorschlag in der Gemeinschaftshauptschule Lüdinghausen)

"Jeweils 2.500 Euro spenden an Schullandheim und Kinderhospiz Sonnenhof" (Vorschlag in der Oberschule Klosterfelde)

"in Trampolin in den Boden eingelassen, mit Matten drum herum und durch einen Zaun gesichert."
(Vorschlag in der Gemeinschaftshauptschule Lüdinghausen)

"In unserem Schülergarten könnten wir: Kürbisse, Tomaten, Kartofflen etc. anpflanzen. Das Gemüse könnte man essen und auch für die Hauswirtschafts-AG verwenden. Die Schüler lernen einiges über Planzenkunde." (Vorschlag in der Graf-Bernhard-Realschule in Lippstadt)

"Wir finden es nicht angenehm, wenn uns Leute beim Urinieren zuschauen." (Vorschlag in der Wolfhelmschule Olfen)

"Es geht darum, dass ich mir vorgestellt habe, eine Schülerlounge einzurichten, wo es Stühle oder auch Sitzsäcke gibt, wo man es sich bequem machen kann. Tische sollten auch vorhanden sein.?Eine Bibliothek zum Nachlesen vor Tests oder Prüfungen.?In der Schülerlounge könnte ja dann auch noch eine Saftbar stehen, damit man sich was zu trinken holen kann, wenn man in der daneben liegenden Bibliothek lernt." (Vorschlag in der Oberschule Klosterfelde)

"Aus jeder Treppe eine Rolltreppe machen." (Vorschlag in der Wolfhelmschule Olfen)

In zwanzig Gemeinden läuft derzeit ein SchülerHaushalt, in den meisten Schulen wünschen sich die Jugendlichen einen Automaten für Getränke oder Süßigkeiten, neue Sanitäranlagen, Spinde, bequemere Stühle in den Klassenzimmern oder Räume „zum Chillen“. Die Gemeinschaftshauptschule Lüdinghausen hat sich für Mini-Tablets für alle Schüler entschieden, und im Gymnasium Nottuln sind bereits neue Sitzgelegenheiten auf dem Schulhof aufgebaut. 

Die Wahlbeteiligung betrug dabei fast immer rund 90 Prozent – Werte, von denen Kommunalpolitiker nur träumen können. „Man hat als Schüler ja nicht besonders oft die Chance, sich in der Schule auf eine solche Weise einzubringen“, erklärt Marc D. Ludwig von der Servicestelle Jugendbeteiligung. 

Demokratie am eigenen Leib erfahren

Auch mit den subjektiv negativen Seiten eines solchen demokratischen Entscheidungsablaufes lernen die Schüler auf diese Weise sehr früh zu leben: dass man sich der Mehrheit beugen muss. „Wenn ihre Idee nicht gewählt wird, kommt das nicht aus heiterem Himmel“, sagt Anna Renkamp jedoch. „Die Schüler bringen ja nicht nur Vorschläge ein, sondern müssen auch dafür werben und ihre Mitschüler davon überzeugen. Während dieses Prozesses hören sie viele Argumente dafür oder dagegen und merken dann schon, ob etwas klappt oder nicht.“

„Der Schülerhaushalt ist ein tolles Instrument, Demokratie in all ihren Facetten hautnah zu erleben“, sagt auch Andreas Sunder, Bürgermeister der Stadt Rietberg, die 2012 eine der ersten Gemeinden war, die einen SchülerHaushalt durchführten. „Dazu gehört auch, dass nicht jeder Wunsch realisiert werden kann und eine Mehrheit findet.“ Rietberg, sagt Sunder, wird weiterhin seine Schüler mitentscheiden lassen.

„Der Schülerhaushalt ist ein tolles Instrument, Demokratie in all ihren Facetten hautnah zu erleben“

Andreas Sunder, Bürgermeister der Stadt Rietberg

Die Erfolge dieses Projekts gehen dabei über reines Demokratieverständnis weit hinaus. Denn niemand weiß besser, was die Schüler brauchen könnten, als sie selbst. „Auf die Idee, Spinde anzuschaffen, damit man nicht so viel tragen muss, wäre ich selbst nicht gekommen“, sagt Marc D. Ludwig. „Das haben wir als Erwachsene nicht im Blick, dass Schüler vieles hin und her tragen müssen.“

Und manchmal löst die Beschäftigung der Schüler mit ihrem täglichen Umfeld sogar ungeahnte Dynamiken aus: Anstatt sich mit dem bereitgestellten Budget zu begnügen, gehen die Jugendlichen dann auf Sponsorensuche oder sammeln Spenden der Eltern ein, um ihre Ideen umsetzen zu können.

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