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Die Kinder in der Kita von Jelena und Leon erleben jeden Tag neue Abenteuer. Fast immer haben die mit den Themen Mitbestimmung und Mitmachen zu tun. Egal, ob die Kinder etwas gegen die Hundehaufen auf der Spielwiese unternehmen, ob Leon als Gruppensprecher gewählt wird oder man den Streit um die Dreiräder schlichtet.

Insgesamt fünf Mini-Bücher – „Leon braucht noch keine Jacke“, „Ein Platz zum Frühstücken“, „Jelena im Kinderparlament“, „Die Haltestelle für Dreiräder“ und „Die Hundehaufen im Park“ – sind im Verlag Bertelsmann Stiftung erschienen. Sie bieten Fachkräften in Kitas und Grundschulen, aber auch Eltern Anregungen, schon den Kleinsten das Thema Demokratie nahezubringen.

Begleitet werden die Bücher durch ein Fachbuch, in dem alle Themen aufbereitet werden. Die Geschichten haben Prof. Dr. Raingard Knauer und Rüdiger Hansen vom Institut für Partizipation und Bildung in Kiel im Rahmen des Projektes „Jung bewegt“ der Bertelsmann Stiftung entwickelt. Wir sprachen mit ihnen.

Wie kam es zur Idee, Demokratie über Bilderbücher zu vermitteln?

RÜDIGER HANSEN: Eigentlich ist es schon eine ganz alte Idee. Uns haben immer wieder Kollegen gesagt, wir sollten doch Beteiligung und Engagementprozesse den Kindern direkt nahebringen. Da gab es schon immer mal die Idee, mit Bilderbüchern zu arbeiten.

Denn bislang gab es keine Bilderbücher, in denen Beteiligungs- und Engagementsprozesse in dieser Form dargestellt werden.

PROF. DR. RAINGARD KNAUER: Oft werden diese Themen irgendwie unterschwellig behandelt, als Bücher, die das auch im Titel tragen und direkt benennen, sind sie neu. Auch die Koppelung von Kinderbüchern und einem Fachbuch ist neu.

Wie genau sieht das Konzept aus?

HANSEN: Kinder und Fachkräfte stoßen immer wieder auf Probleme, die es irgendwie zu lösen gibt. Daraus entwickeln sich dann Prozesse, in denen die Fachkräfte gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen suchen. In den Büchern wird genau das beschrieben. 

In den Kitas wird häufig für die Kinder entschieden. Damit nimmt man ihnen aber die Chance, die Probleme selbst zu lösen.

Prof. Dr. Raingard Knauer

KNAUER: Die Realität sieht oft anders aus: In den Kitas wird häufig für die Kinder entschieden. Damit nimmt man ihnen aber die Chance, die Probleme selbst zu lösen. In den Büchern geht es immer wieder darum: Hier ist ein Problem! Was können wir tun, um es zu lösen? Das war für viele ein völlig neuer Ansatz.

Hat das die Fachkräfte und Eltern überrascht?

HANSEN: Ja. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Pädagogik. Wir haben bei unseren Besuchen in den Kitas zum Beispiel gefragt, ob Krippenkinder nicht das Recht haben sollten, selbst zu entscheiden, ob sie gewickelt werden wollen oder nicht. Das war für Eltern und Fachkräfte zuerst einmal eine Provokation. Aber wir meinen das durchaus ernst, denn Kinder sind schon Menschen, wenn sie auf die Welt kommen – und damit verbunden ist eben auch, dass sie Selbst- und Mitbestimmungsrechte haben, also über ihr eigenes Leben mitbestimmen dürfen. Wenn wir als Pflegefall im Krankenhaus lägen und würden ungefragt gewickelt, würden wir uns das verbitten. Mit welchem Recht machen wir das dann mit unseren Kindern? Wenn man so einsteigt, geraten Selbstverständlichkeiten ins Wanken. Und das ist das Spannende.

Pädagogische Beziehungen sind immer Machtbeziehungen.

Prof. Dr. Raingard Knauer

KNAUER: Pädagogische Beziehungen sind immer Machtbeziehungen. Das ist den Fachkräften aber häufig gar nicht bewusst. Wir möchten dieses Bewusstsein schaffen – denn nur so kann man Kinder vor Machtmissbrauch schützen und ihnen die Möglichkeit geben, demokratische Erfahrungen zu machen.

Für Kinder welchen Alters sind die Bücher gedacht?

HANSEN: Für Vier- bis Sechsjährige. Die Geschichten sind relativ komplex. Aber auch für jüngere Kinder im Krippenalter ist es an einigen Stellen verständlich.

Und wann ist der erste Moment, in dem Kinder mit Demokratie konfrontiert werden?

KNAUER: Kinder geraten von Anfang an in eine Gemeinschaft, in der sie bestimmte kulturelle Selbstverständlichkeiten erleben: Werde ich geachtet? Wie wird auf meine Äußerungen eingegangen? – Das alles beginnt in der Familie. Spätestens wenn sie dann in die Öffentlichkeit kommen, zum Beispiel in die Kita, beginnt die Demokratieerziehung, weil sie erleben, wie Menschen, die nicht miteinander verwandt sind, miteinander umgehen.

Wie kamen Sie auf die Geschichten?

KNAUER: Die sind uns genau so in Einrichtungen erzählt worden, also im Kern alle real genau so geschehen.

HANSEN: Wir haben im Wechsel zwischen theoretischer Reflexion und praktischer Umsetzung gearbeitet und auf das reagiert, was sich in der Praxis ereignet hat.