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Prof. Dr. Lutz Bellmann ist Arbeitsökonom an der Universität Erlangen-Nürnberg und am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Dr. Martin Noack (Link Lebenslauftool) ist Leiter des Projekts "Weiterbildung für alle" (Link Projektseite) der Bertelsmann Stiftung.

Was meinen Sie, wenn Sie von einer „Weiterbildungsfalle“ sprechen?

Martin Noack: Zeitarbeit und Minijobs sollten ursprünglich einen „Einstieg in den Aufstieg“ ermöglichen. Man muss aber eher vom „Einstieg in die Sackgasse“ sprechen – oder eben von einer Weiterbildungsfalle – wenn normal Beschäftigte mehr als doppelt so häufig an Weiterbildungen teilnehmen können.

Ist das eine neue Erkenntnis?

Martin Noack: Bisherige Studien haben Benachteiligungen z.B. für Menschen mit Migrationshintergrund oder solche ohne formalen Berufsabschluss festgestellt. In welchem Ausmaß aber auch atypisch Beschäftigte betroffen sind und vor allem wie sich ihre Situation in den vergangenen Jahren entwickelt hat, konnten wir erstmalig nachweisen. Besonders der starke Rückgang bei Zeitarbeitern und geringfügig Beschäftigten ist dramatisch. Ebenfalls neu ist der Beleg für die Doppelbenachteiligung von atypisch beschäftigen Migranten oder Geringqualifizierten.

Wo liegen die Ursachen?

Martin Noack: Man könnte ja denken, dass die geringe Beteiligung an mangelnder Lernmotivation liegt. Unsere Studie zeigt jedoch, dass betriebliche Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle spielen und dass sich gerade jene atypisch Beschäftigten mit den niedrigsten Weiterbildungschancen hier eine Verbesserung wünschen.

Warum tun Unternehmen das?

Lutz Bellmann: Prinzipiell steigt die Bereitschaft, in „Humankapital“ zu investieren, wenn die damit verbundenen Erträge die Kosten übersteigen. Deren Höhe wird u.a. dadurch bestimmt, ob die erworbenen Kompetenzen dem Unternehmen nützen. Man sieht, dass solche Abwägungen besonders bei nur kurzfristig Beschäftigten auftreten und es sich für Arbeitgeber (vermeintlich) nicht lohnt, in diese zu investieren.

Eine Berufsgruppe zwischen den Stühlen

Haben Minijobber dieselben Probleme wie Zeitarbeiter?

Lutz Bellmann: Grundsätzlich ja. Auch sie stehen dem Betrieb nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Zudem üben geringfügig Beschäftigte häufig weniger komplexe Tätigkeiten aus, sodass viele Arbeitgeber keinen Bedarf sehen. Auch aus Perspektive der Arbeitnehmer selbst ist eine Weiterbildung weniger wahrscheinlich als bei Vollzeitbeschäftigten. So dürfte es für viele Teilzeitbeschäftigte – oftmals Frauen mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen – aus Zeitgründen schwierig sein, sich fortzubilden. Erst recht, wenn sie die Fortbildung selbst bezahlen müssen.

Wie kommt es, dass sogar Arbeitslose sich häufiger weiterbilden?

Martin Noack: Das hat uns auch schockiert. Betroffen sind alle, die mit einen Monatslohn von maximal 700,- Euro nicht nur atypisch, sondern auch prekär beschäftigt sind. Der Grund: Für die Weiterbildung normal Beschäftigter sorgen zumeist Arbeitgeber oder die Gewerkschaften und Betriebsräte. Für Arbeitslose ist die öffentliche Hand zuständig, und die Bundesanstalt für Arbeit fördert die Weiterqualifikation. Aber die Gruppe dazwischen, die in der Prekarisierungsfalle sitzt, hat schlicht keine Lobby.

Es mangelt neben Möglichkeiten zur Finanzierung von Weiterbildung und zur Anerkennung von bereits erworbenen Kompetenzen vor allem an Bildungsberatung.

Dr. Martin Noack, Bertelsmann Stiftung

Wie können Arbeitnehmer der Falle entgehen?

Martin Noack: Es mangelt neben Möglichkeiten zur Finanzierung von Weiterbildung und zur Anerkennung von bereits erworbenen Kompetenzen vor allem an Bildungsberatung. Nicht zuletzt ist es nämlich auch eine Frage der Aufklärung. Wir wissen aus anderen Studien, dass viele Beschäftigte nicht genügend über Angebote und Finanzierungsmöglichkeiten informiert sind. Tipp Nummer eins daher: Die wenigen vorhandenen Beratungsangebote besser nutzen. Sei es im kommunalen Bildungsbüro, in der Personalabteilung des Betriebs oder im lokalen Jobcenter.

Sind also vor allem die Arbeitgeber gefordert?

Lutz Bellmann: Neben der notwendigen Freistellung von Beschäftigten und der Übernahme der Weiterbildungskosten für Weiterbildungsmaßnahmen gilt es, das informelle Lernen zu fördern und die Anerkennung bereits erworbener Kompetenzen. Bei Teilzeitbeschäftigten könnten verbesserte Betreuungsangebote für Familienangehörige helfen. Dann lohnt es sich für Unternehmen eher, Beschäftigte für WB-Veranstaltungen freizustellen und die Kosten zu übernehmen.

Das wäre doch auch eine Aufgabe für den Staat…

Lutz Bellmann: …als Gesetzgeber, ja. In einigen Bundesländern gibt es Fördermöglichkeiten (z.B. den Bildungs-Check in NRW) und bundesweit die Bildungsprämie. Diese Instrumente sollten ausgebaut werden. Zudem ist die Regierung aufgefordert, die Anerkennung von Kompetenzen ebenfalls zu verbessern – entsprechend der Vorgabe der EU.