Die übernommene Auszubildene Stefanie Ortmeier deckt einen Tisch im Restaurant des Flussbetthotels in Gütersloh ein und posiert mit einem Teller in der Hand für die Kamera.
© Silke Gensicke

Für Stefanie Ortmeier stand nach dem Hauptschulabschluss fest: „Ich will eine Ausbildung machen.“ Motiviert nahm sie die Suche nach einer Lehrstelle in die Hand, schrieb zahlreiche Bewerbungen – ohne Erfolg. Der Grund: Die 26-Jährige hat Epilepsie und gilt damit als schwerbehindert. „Die Leute haben Berührungsängste, sobald sie von meiner Krankheit erfahren. Dann treibt sie die Sorge um, nicht zu wissen, wie sie reagieren müssen, wenn ich einen Anfall habe. Dabei bin ich dank Medikamenten gut eingestellt. Ich hatte seit elf Jahren keinen Anfall mehr“, sagt die Restaurantfachfrau.

Die Suche nach einer Ausbildungsstelle aufzugeben, das kam für sie nie in Frage. Sie suchte sich Hilfe. Ihre Anlaufstelle: das Förderzentrum zur individuellen Lebensgestaltung und Berufsbildung (FILB).

Die Stärken stehen im Vordergrund

Das FILB ist Teil der Beruflichen Bildung des wertkreis Gütersloh, einem Unternehmen im Bereich der Behindertenhilfe. Menschen mit Behinderungen werden hier für den Arbeitsmarkt qualifiziert, damit sie selbstbestimmt am Arbeitsleben teilhaben können. Dabei stehen die individuellen Stärken jedes einzelnen im Vordergrund. Um ihre Stärken, Fähigkeiten und Talente herauszufinden, absolvierte Stefanie Ortmeier verschiedene Praktika im Einzelhandel, im Altenheim und in der Gastronomie. „Nach dem ich zum ersten Mal im Service gearbeitet habe, stand für mich fest, das will ich auch machen.“

Zwei Jahre lang dauerte ihre praktische Findungsphase und Vorbereitungszeit im FILB mit dem Ziel, eine Lehrstelle antreten zu können. Eine Zeit, die für die 26-Jährige wichtig war, um ihre individuellen Stärken und Schwächen zu erkennen, ihre Fähigkeiten zu trainieren und sich an einen beruflichen Alltag gewöhnen zu können. Mit Erfolg: Ihre Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe begann Stefanie Mitte 2011 im Flussbett Hotel in Gütersloh  – ein Betrieb, in dem Inklusion nicht einfach nur ein bildungspolitisches Wort ist, sondern gelebt wird. Unterstützt wird die Arbeit des integrativen Ausbildungsbetriebes von der Bertelsmann Stiftung. „Die Bertelsmann Stiftung unterstützt uns durch die Nutzung unserer Dienstleistungen, wie Übernachtungen, Tagungen und Veranstaltungen, die in unserem Hotel durchgeführt werden“, sagt Claudia Feldkeller, Geschäftsführerin des Flussbett Hotels.

Inklusion darf sich nicht nur auf den Kindergarten und Schulen beschränken. Jugendliche mit Behinderung brauchen nach der Schule eine Perspektive und bessere Chancen auf einen Berufseinstieg.

Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung

Stefanie Ortmeier erhielt ihren Ausbildungsplatz durch den wertkreis Gütersloh, dem als Träger des Flussbett Hotels ein bestimmtes Kontingent an Praktikums- und Ausbildungsplätzen zur Verfügung steht. „Der Weg zu einer Ausbildung führt bei uns über ein sechsmonatiges Praktikum. Bewährt man sich, kann die Ausbildung beginnen ansonsten verlängert sich das Praktikum auch schon mal auf acht Monate“, sagt Claudia Feldkeller.

Mit ruhiger Hand deckt Stefanie Ortmeier die Tische ein

Stefanie Ortmeier hat sich bewährt. Zwei Jahre lang absolvierte sie eine zweigeteilte, betriebsübergreifende Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe. „Ich hab am Empfang gearbeitet, im Housekeeping, hab viel über Marketing und Werbung gelernt und das Küchen- und Serviceteam unterstützt. Im Restaurant bin ich am liebsten“, sagt Stefanie Ortmeier.

Sorgfältig, mit ruhiger Hand deckt sie Tische ein, kümmert sich um das Frühstück, den Mittagstisch, die Bewirtung von Tagungsgästen, achtet auf Details und hat ihre Umgebung dabei immer im Blick. Der Kontakt mit Menschen liegt der jungen Frau. Stress oder gar Hektik empfindet Stefanie Ortmeier bei ihrer Arbeit nie. „Wenn man hektisch wird, überträgt sich das auf die Gäste.“

Die Nerven hat Stefanie Ortmeier auch bei ihrer Abschlussprüfung 2013 behalten und dann eine Entscheidung getroffen: die Ausbildung noch um ein weiteres Jahr zu verlängern, um Restaurantfachfrau zu werden. „Ich wollte erst schauen, ob ich das schaffe. Nach der Prüfung habe ich mir noch mehr zugetraut“, sagt sie. Eine Entscheidung, die auch ihr Ausbildungsbetrieb befürwortet hat. „Nach der Ausbildung steht einem praktisch alles offen, aber ohne das dritte Ausbildungsjahr ist es schwierig. Viele Hotels und Restaurants erwarten eine dreijährige Ausbildung“, sagt Feldkeller.

Das letzte Jahr ihrer Ausbildung ist für Stefanie Ortmeier wie im Flug vergangen. Eine besondere Erfahrung in dieser Zeit: ein dreiwöchiges Praktikum in Italien. „Unser Hotel ist im internationalen Verbund der Embrace Hotels. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier Hand in Hand“, erklärt die Geschäftsführerin.

Es ist toll sagen zu können, dass man es geschafft hat.

Stefanie Ortmeier, Flußbetthotel Gütersloh

Mit vielen Eindrücken kam Stefanie zurück nach Gütersloh und nahm nur wenige Wochen später ihre Abschlussprüfung zur Restaurantfachfrau in Angriff. „Ich war so nervös. Besonders bei der letzten Prüfung. Der Druck ist hoch, wenn man das Ziel vor Augen hat und es auch noch zum Greifen nah ist“, sagt sie. Ihre Prüfungen, einen schriftlichen Teil sowie eine Kombination aus Praxistest und mündlichem Diskurs, hat Stefanie auf Anhieb bestanden. „Es fühlt sich einfach gut an, bestanden zu haben. Die erste Zeit nimmt man das gar nicht wahr. Es ist toll sagen zu können, dass man es geschafft hat“, sagt Stefanie Ortmeier.

Doch auf ihrem Erfolg ausruhen, will sich die ehrgeizige junge Frau nicht – sie will mehr. Ihr nächstes Ziel: irgendwann die Leitung in einem Restaurant übernehmen. Ihre Chefin überraschen diese Pläne nicht. „Menschen mit Handicap sind oft zielstrebiger als Menschen ohne Behinderung. Sie wissen, wo ihre Schwierigkeiten liegen. Das A und O bei der Arbeit ist reden – dann ist unglaublich viel möglich.“

Mit der Initiative "Chance Ausbildung" erarbeitet die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit sowie 12 Ministerien aus 8 Bundesländern Vorschläge, wie das Ausbildungssystem verbessert werden kann. Die Beteiligten veröffentlichen nacheinander Vorschläge zu drei zentralen Fragen der beruflichen Bildung:

  1. Ausbildungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung (Inklusion)
  2. Durchlässigkeit zwischen beruflicher Bildung und akademischer Bildung (Durchlässigkeit)
  3. Ausbildungschancen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund (Integration)

Darüber hinaus entwickeln wir mit Experten einen Bericht über die Ausbildungssituation in den Bundesländern. Und wir beschäftigen uns mit der Frage, ob und wie das duale System der Berufsausbildung in andere Länder übertragen werden und dort einen Beitrag zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit leisten kann.