Ein Paar mit Migrationshintergrund läuft mit seiner Tochter durch die Altstadt von Berlin Spandau an einem Blumengeschäft vorbei.
Jordis Antonia Schlösser

Kulturelle Vielfalt gehört schon immer zu Deutschland. Doch wenn immer mehr Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenleben, stellt sich die Frage: Wie gehen wir damit um? Unsere Studie zeigt, wie unterschiedlich die Erfahrungen mit kultureller Vielfalt in den Kommunen sind: Das Spektrum reicht von wenig vielfältigen Klein- und Mittelstädten, die über kaum Erfahrung verfügen, bis hin zu superdiversen Großstädten wie Frankfurt am Main. Die Studie entstand in unserem Auftrag beim Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin.

Wirtschaftlich boomende Großstädte ziehen mehr Einwanderer an und stellen sich aktiv auf ihre vielfältige Einwohnerschaft ein. Ganz im Gegenteil zu schrumpfenden Städten in ökonomisch schwierigen Lagen. Hier fehlen in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft oft Ressourcen, Erfahrungen und auch die Bereitschaft, sich auf Vielfalt einzulassen.

"Auch wenn die Voraussetzungen unterschiedlich sind: In allen Kommunen brauchen wir heute eine aktive Gestaltung von Vielfalt."

Stephan Vopel, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung

Dazu gehöre etwa eine gezielte Verzahnung von Stadtentwicklung und Integrationspolitik, so Vopel weiter.

In Großstädten wie Stuttgart haben sich die Verantwortlichen schon früh der Themen Einwanderung, Integration und Vielfalt aktiv angenommen. Heute profitieren sie davon. "Im Wettbewerb um Fachkräfte aus aller Welt sind diese boomenden Städte attraktiv: weil sie Arbeitsplätze bieten, aber auch, weil sie weltoffen sind und Freiheiten bieten", sagt Kai Unzicker, Projektleiter des diesjährigen Reinhard Mohn Preises "Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten", in dessen Rahmen diese Studie durchgeführt wurde.

Infografik zur Studie "Kulturelle Vielfalt in Städten" (RMP18), die die sechs Typen von Städten zeigt. Die Städte in Deutschland haben unterschiedliche Erfahrungen mit Vielfalt gemacht - wir haben sechs Typen identifiziert, die die Unterschiede deutlich machen (Die Grafik finden Sie in größerer Auflösung zum Download rechts oder in mobiler Ansicht unten).

Sechs unterschiedliche Stadttypen zeigen ein differenziertes Bild

Die Studie unterscheidet anhand der Faktoren migrationsbedingte Vielfalt, wirtschaftliche Lage, demografische Entwicklung und Erfahrung im Umgang mit Zuwanderung sechs Stadttypen: Magnete, Solide, Ambivalente, Nachholer, Gestalter und Unerfahrene.

Zum Typ "Magnet" gehören stark wachsende und wirtschaftlich prosperierende Großstädte mit hohem Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, wie zum Beispiel Frankfurt am Main. Dort haben 51 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund. Die Magneten haben früh auf Einwanderung reagiert und beispielsweise Ämter oder Beauftragte eingerichtet, um die migrationsbedingte kulturelle Vielfalt aktiv zu managen.

Auch ostdeutsche Großstädte werden vielfältiger

Städte des Typs "Solide" und "Ambivalent" sind stark vom früheren Zuzug von 'Gastarbeitern' geprägt und haben als industrielle Zentren viel Erfahrung mit Vielfalt. Der Typ "Solide", zu dem beispielsweise Stuttgart zählt, ist sehr wirtschaftsstark und wächst moderat. In Städten des Typs "Ambivalent" hingegen wachsen Wirtschaft und Bevölkerung schwächer – Bremen ist hierfür ein Beispiel.

Gerade in Ostdeutschland findet man wachsende Großstädte mit durchaus positiver wirtschaftlicher Perspektive, wie zum Beispiel Dresden. Da dort bisher aber nur wenige Migranten leben, haben diese Städte entsprechend wenig Erfahrung mit Vielfalt – bis jetzt. Denn bei diesem Typ, den "Nachholern", wird die Vielfalt zukünftig deutlich zunehmen.

"Unerfahrene" Klein- und Mittelstädte tun sich mit Vielfalt schwerer

Jenseits der Großstädte erkennt man unterschiedliche Muster: Einerseits Mittelstädte mit hohem Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, deren Bevölkerungszahlen und wirtschaftliche Entwicklung stabil sind. Diese Städte vom Typ "Gestalter" führen Stadtentwicklung und Integrationspolitik bereits zusammen. Die Studie nennt Germersheim in Rheinland-Pfalz als ein Beispiel. Dort haben 54 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund.

Anders sieht es in den Städten vom Typ "Unerfahrene" aus. In diesen Mittelstädten, wie beispielsweise Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern, ist der Anteil an Migranten gering, und es sind kaum Erfahrungen im Umgang mit Vielfalt vorhanden. Meist ist die wirtschaftliche Lage angespannt, die Einwohnerzahl rückläufig und die bauliche wie soziale Infrastruktur unter Druck.

Wie kann der Umgang mit Vielfalt in den Städten gelingen?

Aus den Studien ergeben sich für die Autorinnen Felicitas Hillmann und Hendrikje Alpermann folgende zentrale Handlungsansätze, um Vielfalt aktiv zu gestalten:

  • Stärkere Verzahnung von Stadtentwicklungs- und Einwanderungspolitik, indem ressortübergreifend innerhalb der Kommunalverwaltung zusammengearbeitet wird
  • Stärkerer Austausch zwischen den Kommunen, sowohl national als auch auf EU-Ebene
  • Gegenfinanzierung kommunaler Integrationsleistungen durch Bund und Länder
  • Einrichtung niedrigschwelliger politischer Beteiligungsformate für Migranten, bis hin zum kommunalen Wahlrecht auch für Nicht-EU-Bürger
  • Stärkere Öffnung des zivilgesellschaftlichen Engagements für migrationsbedingte Vielfalt

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