Ein Mädchen blickt auf eine kleine Tafel, die es in seinen Händen hält und auf der eine Deutschlandkarte mit den Umrissen der 16 Bundesländer aufgezeichnet ist. Im Hintergrund eine große Schultafel.
Shutterstock/wavebreakmedia; PantherMedia/Stefan Kunert

Im Jahr 2000 gab die OECD ihre erste PISA-Studie heraus. Hier wurden weltweit Schulleistungen in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht. Deutsche Schüler schlossen im Vergleich schlecht ab. Nach dem "PISA-Schock" reformierten die Bundesländer nach und nach ihre Schulsysteme. Unser Chancenspiegel 2017 zeigt: Es geht deutschlandweit voran – und gleichzeitig ergeben sich weitere Hausaufgaben für die Politik.

Die Schulsysteme der Länder wurden zuletzt weiterentwickelt und bieten Kindern und Jugendlichen heute mehr Chancen als noch vor einigen Jahren. Der Anteil der Schulabbrecher sinkt, es gibt mehr Abiturienten, die Zahl der Ganztagsschulen wächst und Schüler mit und ohne Förderbedarf lernen mehr und mehr gemeinsam. Gleichzeitig bleiben die Unterschiede zwischen den Ländern groß und wuchsen zuletzt sogar. Außerdem hängt der schulische Erfolg junger Menschen noch immer sehr stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Zu diesen Ergebnissen kommt unser Chancenspiegel. Zusammen mit Forschern der TU Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersuchten wir, wie sich die Schulsysteme der Länder zwischen 2002 und 2015 entwickelten.

Immer weniger Schulabgänger ohne Abschluss und mehr Abiturienten

Seit 2002 sank der Anteil der Schulabbrecher von 9,2 auf 5,8 Prozent. Und während damals nur rund 38 Prozent der Schüler die allgemeine Hochschulreife erwarben, verlassen heute etwa 52 Prozent die Schule mit dem Abitur. Außerdem machten einige Bundesländer ihre Schulsysteme durchlässiger: In Berlin, Bremen, Hamburg, dem Saarland und Schleswig-Holstein ermöglichen mittlerweile 85 Prozent der Klassen an allgemeinbildenden Schulen den direkten Weg zum Abi oder Fachabi.

Ganztagsschulen weiter im Aufwind

Angestoßen von einem Investitionsprogramm des Bundes wächst die Zahl der Ganztagsschulen in Deutschland seit 2002. Gingen seinerzeit nur 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen ganztägig zur Schule, sind es heute knapp 40 Prozent.

"Bei zunehmender Vielfalt in den Klassenzimmern gibt es in den Bildungssystemen aller Bundesländer Verbesserungen. Das ist ein Verdienst von Politik und Lehrern."

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Gemeinsames Lernen setzt sich zunehmend durch

2009 unterzeichnete Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention und verpflichtete sich damit, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf zu unterstützen. Mit Erfolg: Während 2002 lediglich jeder achte Förderschüler eine reguläre Schule besuchte, ist es heute jeder dritte.

Förderschüler sind also mittlerweile besser integriert als früher. Doch ihre Zahl steigt. Deshalb werden heute anteilig fast noch genauso viele junge Menschen wie 2002 separat unterrichtet. Damals gingen 4,8 Prozent aller Schüler auf eine Förderschule. Heute sind es 4,6 Prozent.

"Bessere Chancen für alle Schüler gibt es nur, wenn Bund und Länder mehr in die Schulsysteme investieren und gemeinsame Qualitätsstandards für ganztägige und inklusive Schulen vereinbaren. Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz, damit der Reformeifer nicht erlahmt."

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Soziale Herkunft und Migrationshintergrund entscheiden noch immer sehr stark über den schulischen Erfolg

Ob Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem erfolgreich ihren Weg gehen, hängt nach wie vor sehr stark von ihrer sozialen Herkunft ab. So liegen beispielsweise Neuntklässler aus sozio-ökonomisch schwächeren Milieus in Sachen Lesekompetenz mehr als zwei Schuljahre hinter Klassenkameraden zurück, die in wirtschaftlich besser gestellten Familien aufwachsen.

Doch nicht nur die soziale Herkunft, auch ein Migrationshintergrund kann noch immer den schulischen Erfolg erschweren. Denn während der Anteil aller Schüler ohne Schulabschluss zuletzt abnahm, stieg der Anteil der Teilgruppe ausländischer Schüler ohne Abschluss zuletzt wieder leicht auf 12,9 Prozent an. Für Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, ein Warnsignal: Es bleibe eine große Herausforderung, Jugendlichen zumindest einen Hauptschulabschluss zu ermöglichen – gerade, wenn sie als Flüchtlinge erst spät ins deutsche Schulsystem einstiegen, so Dräger.

Schulsysteme der Länder unterscheiden sich weiter teils gewaltig – mit steigender Tendenz

Auch wenn sich die einzelnen deutschen Schulsysteme zuletzt weiterentwickelten und Kindern und Jugendlichen heute mehr Chancen bieten als früher, bleiben die Unterschiede zwischen den Ländern teils groß und wachsen weiter. Beispiel Ganztagsschule: Während in Sachsen 80 Prozent der Schüler eine solche Schule besuchen, sind es in Bayern nur 15 Prozent. Auch ein Blick auf das gemeinsame Lernen und die Schulabschlüsse bestätigt den Befund: So besuchen beispielsweise in Bremen nur 1,5 Prozent der Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern sind es noch fast 7 Prozent. In Brandenburg wiederum bleiben nur knapp 4 Prozent der ausländischen Schüler ohne Abschluss. Im Nachbarbundesland Sachsen hingegen sind es 27 Prozent.

Ein öffentliches Schulsystem müsse für vergleichbare Chancen sorgen und ein Mindestmaß an Fähigkeiten vermitteln – im Interesse der Jugendlichen und der Gesellschaft, unterstreicht Professor Nils Berkemeyer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bund und Länder müssten über gemeinsame Standards gerechter Schulsysteme sprechen, so Berkemeyer und Professor Wilfried Bos von der TU Dortmund.

Die komplette Studie finden Sie hier. Eine Zusammenfassung gibt's hier. Von Bayern bis Schleswig-Holstein: Wie steht's um die Schulsysteme der Bundesländer? Unser Faktencheck gibt Antworten (siehe unten "Chancenprofile der Länder").

Ähnliche Artikel


 

Umfrage

Eltern geben Ganztagsschulen gute Noten

Bei Eltern schulpflichtiger Kinder schneiden Ganztagsschulen insgesamt besser ab als Halbtagsschulen, wie unsere neue Umfrage zeigt. weiterlesen

Studie

Freie Grundschulwahl verschärft die soziale Trennung von Schülern

Die freie Grundschulwahl der Eltern in Nordrhein-Westfalen verschärft die bereits vorhandende soziale und ethnische Trennung an diesen Lernorten weiter. weiterlesen

Studie

Eltern geben jährlich rund 900 Millionen Euro für Nachhilfe aus

1,2 Millionen deutsche Schüler erhalten derzeit Nachhilfe. Ganztagsschulen bieten Möglichkeiten, privat finanzierte Förderung zu ersetzen. weiterlesen

Studie

Inklusion bleibt an vielen weiterführenden Schulen ein Fremdwort

Die Inklusionsanteile in deutschen Klassenzimmern steigen, doch von einem inklusiven Bildungssystem ist Deutschland noch weit entfernt. weiterlesen