Auf dem Pausenhof einer Schule stehen und sitzen viele Kinder und eine Lehrerin betreut sie.
Valeska Achenbach

Es werden wieder mehr Kinder geboren in Deutschland, und mehr junge Menschen wandern ein. 8,3 Millionen Schüler werden voraussichtlich im Jahr 2025 in Deutschland zur Schule gehen, zeigt unsere neue Studie. Das sind gut 300.000 Kinder und Jugendliche mehr an den allgemeinbildenden Schulen als vor zwei Jahren. Damit erweist sich insbesondere die offizielle Prognose als deutlich zu niedrig: Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht bisher für 2025 nur von 7,2 Millionen Schülern aus. Es kommen erhebliche Investitionen auf die Bundesländer zu, weil zehntausende Lehrer und Klassenräume fehlen.

Im März dieses Jahres verkündete das Statistische Bundesamt erstmals seit dem Jahr 2000 einen Anstieg der Schülerzahlen. Das Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist der verhaltene Beginn eines Trends, der enorm an Fahrt gewinnen wird: 2025 werden unserer Schätzung nach bereits 4 Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken als heute, im Jahr 2030 sind es sogar 8 Prozent. 

 

"Mit diesem Schüler-Boom hat kaum jemand gerechnet. Jetzt besteht enormer Handlungsdruck. Viele Bundesländer müssen komplett umdenken."

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung
Deutschlands Schulen vor Schüler-Boom - jetzt handeln!" Obwohl die Schülerzahl bis 2020 erst noch leicht sinkt, steigt sie bis zum Jahr 2030 um 8 Prozent an.

Allein die Grundschulen brauchen fast 25.000 zusätzliche Lehrer

Als erste spüren den Anstieg die Grundschulen. Dort fehlen im Jahr 2025 gegenüber heute 24.110 Lehrer, sofern die Klassen nicht größer werden sollen. An den weiterführenden Schulen sinken die bundesweiten Schülerzahlen zwar zunächst noch einige Jahre. Doch zeitversetzt erreichen die starken Jahrgänge auch die Gymnasien, Gesamt-, Ober- und Regionalschulen. 9 Prozent mehr Schüler als heute werden 2030 in den Klassenräumen der Sekundarstufe I sitzen. Auch dort werden dann zusätzlich 27.000 Lehrer benötigt. Weil den Lehrerkollegien aufgrund ihrer Altersstruktur eine Pensionierungswelle bevorsteht und ohnehin vielerorts bereits Lehrermangel herrscht, wird der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften schwer zu decken sein.

Es fehlt nicht nur an Lehrern, sondern auch an Räumen. Rund 1.800 Grundschulen wurden bundesweit seit der Jahrtausendwende wegen Schülermangel geschlossen. Nun, mit wieder steigenden Geburtenzahlen und verstärkter Einwanderung, gilt es, eine deutliche Trendwende einzuleiten. 2025 werden – bei gleichbleibender Schulgröße – fast 2.400 Grundschulen mehr nötig sein als heute. Etwas später kommen auf die weiterführenden Schulen ähnliche bauliche Engpässe zu. Dabei gelten bereits jetzt viele bestehende Schulen als marode – die Förderbank KfW schätzt den bundesweiten Investitionsstau auf 34 Milliarden Euro.

Bildungsausgaben steigen um 4,7 Milliarden Euro

Sowohl die Einstellung zusätzlicher Lehrer als auch der Neu- und Anbau von Schulgebäuden sind nicht von heute auf morgen zu stemmen. Mehr Lehrer ausbilden, Grundstücke finden, den Bau planen und umsetzen – all das erfordert Zeit und Geld. Unsere Studie rechnet für das Jahr 2030 aufgrund des Schüler-Booms mit 4,7 Milliarden Euro höheren jährlichen Bildungsausgaben als heute. Bislang hatten die Schulminister mit einer "demographischen Rendite" gerechnet. Das bedeutet: Trotz sinkender Schülerzahlen keine Budgetkürzungen, dadurch sollte in den Schulen mehr Spielraum für Qualität entstehen.

"Der Traum von der demographischen Rendite ist ausgeträumt. Jetzt gilt es, in zusätzliche Lehrer und Schulen zu investieren", sagt Dräger. Er empfiehlt der KMK, ihre Prognose der Schülerzahlen zu aktualisieren. Die stammt aus dem Jahr 2013, als weder steigende Geburtenraten noch Rekord-Zuwanderung abzusehen waren. Unserer Berechnung nach werden 2025 in den Grundschulen 22 Prozent mehr Schüler sein, als es die Zahlen der KMK voraussagen.

Unser Bildungsexperte Dirk Zorn fasst die Ergebnisse der Studie im Video zusammen:

Länder und Kreise müssen ihre Planungen anpassen

Einige Städte stellen sich bereits der neuen Realität. In Berlin rechnet der dortige Senat mit fast 87.000 zusätzlichen Schülern bis zum Schuljahr 2024/25 (davon etwa 73.000 in den allgemeinbildenden Schulen) und hat Planungen für neue Schulgebäude aufgenommen. Die Studienautoren appellieren an die Länder, Kreise, kreisfreien Städte und Gemeinden, ihre Prognosen zu prüfen und ihre Planungen regelmäßig anzupassen. Denn die bundesweiten Zahlen zeigen zwar die Gesamtentwicklung, es gibt jedoch große regionale Unterschiede. So steigen in den Stadtstaaten die Schülerzahlen voraussichtlich kontinuierlich in allen Schulformen bis 2030 um knapp 30 Prozent. In den westlichen Flächenländern gleicht die Entwicklung dem treppenartig ansteigenden Bundestrend, während im Osten nach einem zwischenzeitlichen Anstieg in 15 Jahren schon wieder weniger Grundschüler die Schulbank drücken könnten als heute.

Grafik "Deutschlands Schulen stehen vor Schüler-Boom - was jetzt zu tun ist." Wenn Länder und Schulträger nicht umsteuern, droht ein dramatischer Engpass an Lehrern und Gebäuden. Was ist zu tun?

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