Teilnehmer einer Diskussionsrunde sitzen während der Jahreskonferenz der Bertelsmann Foundation in Sesseln auf einem Podium.
David Hills

Wie schon in den vergangenen Jahren fand die Jahreskonferenz am Rande der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington statt. Neben unserem Vorstandsvorsitzenden Aart De Geus und unserer stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Liz Mohn waren Gäste aus der diplomatischen Gemeinde, der US-Regierung, Denkfabriken und den Wissenschaften anwesend.

"Der technologische Wandel ist eine der großen Herausforderungen für unser Land – mehr noch, für die ganze Welt", erklärte McDonough im Gespräch mit Demetri Sevastopulo, Büroleiter der Financial Times in Washington. "Computer sind jetzt so schnell und so weit verbreitet, dass sich auch die Automatisierung und selbst die künstliche Intelligenz immer schneller weiterentwickeln. Wir werden vor erheblichen Verdrängungsprozessen für amerikanische Arbeitnehmer stehen. Was die Makroebene angeht, ist Washington in dieser Frage ein wenig blockiert."

Nicht nur niedrig qualifizierte Jobs von Automatisierung bedroht

Die Konferenz wurde mit einem Videobeitrag eröffnet, der sich mit diesem Thema befasste und sagte voraus, dass 47 Prozent aller US-Arbeitsplätze im Jahr 2037 automatisiert sein werden. Dabei verlieren nicht nur Bauarbeiter ihre Jobs, sondern auch Anwälte, Entwicklungsingenieure und Piloten. Maschinenlernsysteme beginnen derzeit, selbstständig Programmiercodes zu schreiben.

Bereits 2014 besaß ein Prozent der Weltbevölkerung – die Reichsten der Reichen – über 48 Prozent des Weltvermögens. Die politischen Entscheidungsträger stünden vor der enormen Herausforderung, "sicherzustellen, dass das durch Technologie und Innovation erzeugte Wachstum insgesamt positiv wirkt und alle einschließt", betonte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, in seiner Eröffnungsrede.

In Bezug auf die digitalen und politischen Revolutionen rund um den Globus bemerkte De Geus: "Der heutige Schwerpunkt liegt auf Automatisierung und Technologie – Faktoren, die unsere Gesellschaft und die Weltwirtschaft radikal umgestalten. Verstärkt durch die zunehmende globale Vernetzung wirken sich diese Technologien mit einer Geschwindigkeit auf Technologie und Jobs aus, die wir noch nie zuvor gesehen haben."

Die Automatisierung bedrohe nicht nur niedrig qualifizierte Arbeitsplätze; dazu müsse man sich nur Goldman Sachs ansehen. Die Firma habe früher 600 Aktienhändler beschäftigt. Heute seien es nur noch zwei Personen, die mit Computeralgorithmen arbeiteten, bemerkte De Geus.

Denis McDonough, Stabschef unter Ex-US-Präsident Barack Obama, sitzt auf dem Podium bei der Jahreskonferenz und gestikuliert beim Sprechen. Denis McDonough, Stabschef unter Ex-US-Präsident Barack Obama, auf dem Podium. (Foto: Kaveh Sardari)

Amerika darf Führungsrolle nicht für selbstverständlich nehmen

Ein Schlüssel werde es sein, sich stärker auf die Fähigkeiten und Kompetenzen als auf die formellen Qualifikationen der Arbeitnehmer zu konzentrieren, so McDonough. Er hoffe, dass sich der Kongress und die neue US-Regierung für Programme einsetzen werden, die die Menschen mit den heute am Markt gefragten Kompetenzen ausstatten. Die Markle Foundation, bei der McDonough jetzt arbeitet, befragte vor kurzem Arbeiter mit mittleren Qualifikationen, die über weniger als zwei Jahre Ausbildung nach der Highschool verfügten. Dabei stellte sie fest, dass 80 Prozent dieser Beschäftigten erwarten, ein Leben lang als Arbeiter tätig sein zu müssen. Außerdem verstünden 64 Prozent der Befragten, selbst dafür verantwortlich zu sein, ihre Kompetenzen regelmäßig zu erneuern.

Es gebe einige Lichtblicke bei der Zusammenarbeit zwischen Ausbildung und Wirtschaft – IBM zum Beispiel kooperiere mit einer Highschool in New York City, um die Schüler auf Arbeitsplätze im Hightech-Bereich vorzubereiten. Länder wie die Schweiz, Deutschland und Japan seien den USA beim Herstellen dieser Verknüpfungen jedoch voraus. "Wir müssen dafür sorgen, dass eine gute Verbindung besteht zwischen dem, was sich Arbeitgeber wünschen, und dem, was die Community Colleges anbieten", sagte er.

Amerika könne nicht einfach davon ausgehen, dass es auch weiterhin eine Führungsrolle in der Technologie spielen werde. "Wir müssen Menschen ausbilden, die einen ähnlich starken Antrieb verspüren und ähnliche Erwartungen haben", sagte er. "Wir müssen den globalen Wettbewerb in Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften wieder stärker im Blick haben." Schlüsselpersonen in der Politik müssten auch die Logistik und die ethischen Fragestellungen rund um selbstfahrende Autos in der Öffentlichkeit diskutieren, vernünftige rechtliche Rahmenbedingungen und Standards entwickeln und die bundesstaatlichen Gesetzgeber beraten.

Technologien entstehen, die früher noch Science-Fiction waren

In der Diskussion, die auf das Gespräch mit McDonough folgte, sprachen die Podiumsgäste über das Zusammenlaufen von Automatisierung, künstlicher Intelligenz, datengestützter Wissenschaft und dem Internet der Dinge. Diese Faktoren haben das Potenzial, eine technologiegetriebene Revolution der Produktivität auszulösen, was mit den richtigen Maßnahmen die soziale Inklusion erhöhen und die Ungleichheit verringern könnte.

"Bis 2020 sollen unsere Taxis durch die Luft fliegen. Wir haben es hier mit sagenhaften Fortschritten zu tun", sagte Evan Burfield, Mitbegründer von 1776, einem Start-up-Zentrum in Washington. "Diese Phase hat gefühlsmäßig erst in den letzten drei oder vier Jahren begonnen. Echte Start-ups arbeiten an den Technologien, die in meiner Jugend noch Science-Fiction waren."

Die Technologiebranche stehe an der Schwelle zu massiven Produktivitätssteigerungen ähnlich denen der 1990er Jahre, als sich die IT-Investitionen der 1970er Jahre bezahlt machten. Burfield sagte eine "Phase des raschen Wandels in der Art, wie wir leben" voraus.

Cecilia Muñoz, Vizepräsidentin für Politik und Technologie bei New America, stimmte dem zu und wies darauf hin, dass diese enormen Veränderungen die Ungleichverteilung von Vermögen entweder verringern oder verschärfen könnten. "Wir haben eine Chance, diesen Entwicklungen einen Schritt voraus zu sein, aber dafür müssen wir jetzt bewusst handeln und unsere Fortschritte mit den richtigen Kennzahlen bewerten", erklärte Muñoz, die unter Barack Obama als Direktorin des innenpolitischen Beirats im Weißen Haus tätig war. "Es ist möglich, die Indikatoren sozialer Ungleichheit in die richtige Richtung zu bewegen."

Die Vorstände der Bertelsmann Stiftung Aart De Geus, Liz Mohn und Jörg Dräger posieren am Rande der Jahreskonferenz mit der Leiterin der Bertelsmann Foundation, Irene Braam, für ein Foto. Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung Aart De Geus (rechts), die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Liz Mohn (2. von rechts) und Vorstand Jörg Dräger (links) mit der Leiterin der Bertelsmann Foundation, Irene Braam (2. von links). (Foto: Kaveh Sardari)

220 Millionen Inder konnten erstmals ein Konto eröffnen

Der Moderator Edward Luce, Chef-Kolumnist der Financial Times, fragte den Podiumsgast Arvind Gupta, Gründer der Digital India Foundation, wie sich der technologische Wandel in Indien bemerkbar mache.

"Indien ist ein großartiges Beispiel für ein Land, in dem Technologie zu drastischen Änderungen führt", sagte Gupta und wies darauf hin, dass in einem einzigen Jahr 220 Millionen Menschen erstmals ein Bankkonto eröffneten. "Das sind mehr Menschen als die Erwerbsbevölkerung vieler Länder. Und alle diese Menschen haben völlig reibungslos in weniger als einem Jahr ein Konto eröffnet."

So erhalten nicht nur mehr arme Menschen Zugang zum Finanzsystem, es wurden auch Arbeitsplätze im Bankensektor geschaffen, da sich die Nachfrage nach Kundenservice und digitalen Zahlungen verdoppelte.

"Was geschieht mit dem 45 Jahre alten LKW-Fahrer?"

"Geht es um den künftigen Wohlstand, brauchen wir Strategien, die sich sowohl mit Wachstum als auch gesellschaftlicher Integration auseinandersetzen", sagte der Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, Ambroise Fayolle. Als wichtiges Beispiel verwies er dabei auf die Investitionen der EIB, mit denen eine Breitbandinfrastruktur in Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte aufgebaut werden sollen.

Laut Luce ist trotz des technologiegetriebenen Wachstums auf der ganzen Welt die soziale Ungleichheit an ihrem höchsten Punkt seit den 1920er Jahren angelangt. "Dieses Phänomen ist bereits seit Jahrzehnten zu beobachten", bestätigte Muñoz. "Die Regierungen haben aufgehört, in die Menschen zu investieren, und das hat zu Ungleichheiten im Bildungssystem und bei der Art der Ergebnisse geführt, die wir erhalten. Die große Frage für uns ist jetzt, in diesem Moment des transformativen Wandels: Haben wir den Willen, die notwendigen Maßnahmen zu treffen?"

Innerhalb von fünf Jahren könnten die LKW-Flotten in den USA vollständig automatisiert sein. Das wird zu enormen Einschnitten am Arbeitsmarkt führen, insbesondere angesichts der Tatsache, dass LKW-Fahren in der Hälfte der US-Bundesstaaten die führende Berufskategorie ist. "Was geschieht dann mit dem 45 Jahre alten LKW-Fahrer?", fragte Burfield: "Was ist unser langfristiges Ziel, nachdem sich die Lage stabilisiert hat?"

"Wir werden eine außerordentlich faszinierende Welt gestalten"

Luce stellte die Frage, ob Schwellenländer wie Indien das Potenzial hätten, einige dieser Herausforderungen rasch zu überwinden und als Pilot- oder Testprojekt zu dienen. Burfield und Gupta beantworteten dies mit "Ja", wiesen jedoch auf die zusätzlichen Herausforderungen hin, etwa bei Verkehr und Umweltverschmutzung.

"Vieles läuft auf die Verkehrspolitik hinaus. Dort liegen die Lösungen zu einigen der derzeit dringendsten Herausforderungen", erklärte Muñoz. Dabei wies sie unter anderem auf das Missverhältnis der Immobilienpreise in San Francisco und Schwierigkeiten der Beschäftigten im Niedriglohnsektor hin.

"Ich denke, wir werden eine außerordentlich faszinierende Welt gestalten", sagte Burfield. "Wir haben noch höchst chaotische 20 bis 25 Jahre vor uns, bis wir es zur (Tech-)Utopie geschafft haben."