Zwei Männer stehen hinter der Theke in einem Eiscafé. Im Vordergrund links steht eine mit Kugeln gefüllte Eiswaffel.
Achim Multhaupt

Text von Thomas Röbke für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 3/2016 (gekürzte Fassung).

Erdbeer, Schokolade und Vanille, na klar. Aber auch Cheesecake, Cherrymania und Sizilianische Pistazie. Und natürlich Kalte Schnauze, auch als Kalter Hund bekannt, ein Kuchen aus Butterkeksen und Kakaocreme. Der Syrer Fadi Friek zaubert aus dieser Spezialität eine köstliche Eiscreme, die die Auswahl unter den knapp 20 Sorten in seinem Eiscafé noch schwieriger macht. Und der das Geschäft in Hamburg-Rissen seinen Namen verdankt: "Kalte Schnauze".

Deutsch-syrisches Erfolgsprojekt

Seit November 2014 lebt Friek an der Elbe. Im April dieses Jahres eröffnete er das Eiscafé zusammen mit dem Eventmanager Ingo Hagemann. Die beiden kennen sich seit 2008. Damals arbeitete der Gastronom in Dubai und Hagemann plante den Ableger eines Dinner-Zirkus. Doch die Wirtschaftskrise versenkte das Projekt. Friek kehrte nach Syrien zurück und eröffnete mit seinem Bruder in Aleppo drei Eiscafés, ein arabisches und ein italienisches Restaurant sowie eine Bäckerei. Heute liegt alles in Trümmern. Er floh vor den Bomben nach Deutschland und Hagemann half ihm, hier Fuß zu fassen – Wohnung und Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre inklusive. Die beiden Freunde und gleichberechtigten Geschäftspartner entwickelten das Konzept für ihr Eiscafé, wo sie bereits 13 Saisonkräfte beschäftigen.

"Wenn ich hierherkomme, will ich auch etwas tun. Am liebsten das, was ich in meiner Heimat gemacht habe."

Fadi Friek, syrisch-stämmiger Besitzer eines Eiscafés

Neben Bewährtem setzen sie auf neue Sorten. Die Biomilch dafür wird täglich direkt vom Hof geliefert, in der Küche pasteurisiert und von Friek mit Zucker und frischem Obst vom türkischen Händler nebenan zu Eiscreme veredelt. Für die deutsche Kundschaft hat er seine Rezepturen umgestellt, denn die liebe es "weniger süß und weniger fett". Der Kaffee ist eine von Friek in Syrien entwickelte Spezialmischung. Eine kleine, traditionsreiche Hamburger Rösterei produziert sie exklusiv. Das kommt an: Trotz des regnerischen Wetters sind heute etliche Tische besetzt.

Der Start war nicht einfach: "Ohne Ingos Hilfe hätte ich das nicht geschafft", erzählt Friek, und Hagemann spielt den Ball zurück: "Auch für mich war es eine Bereicherung, das alles mit ihm gemeinsam zu machen." Friek: "Wir hatten tausend Dinge zu bedenken. Genehmigungen mussten eingeholt und die Finanzierung sichergestellt werden." Doch das stimmige Konzept überzeugte: Die Gründungskredite wurden bereitgestellt.

Wenn sich das Eiscafé trägt, wird er Filialen eröffnen, da gibt es für Fadi Friek keinen Zweifel. Das Unternehmertum scheint ihm in die Wiege gelegt: "Mein Vater importierte Lkw-Fahrerkabinen aus Deutschland", erzählt er in fließendem Deutsch, das er sich seit seiner Ankunft angeeignet hat.

Dass er sich um den Bruder, der Aleppo nicht verlassen will, und andere Familienmitglieder und Freunde große Sorgen macht, darüber spricht Friek nicht gern. Lieber freut er sich über die strahlenden Augen der Kinder im Eiscafé.

Einwanderer sind risikofreudiger

Fast jeder fünfte Gründungswillige in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Mit positiven Folgen für Deutschland: Unternehmen von Einwanderern sind ein Jobmotor, wie wir kürzlich in einer Studie zeigten. Sind Zuwanderer und ihre Kinder risikofreudiger als "alteingesessene" Deutsche? "Auf jeden Fall", ist Jasmin Taylor überzeugt. Sie war 17 als sie 1983 während des Iran-Irak-Krieges aus dem Iran flüchtete.

Die ersten Wochen in Deutschland verbrachte sie in einem Internat, "was meinem ohnehin damals schon ausgeprägten Bedürfnis nach Freiheit und Selbstständigkeit doch sehr widersprach", wie sie sagt. "Spätestens jetzt wollte ich Unternehmerin werden, denn mir war klar: Freiheit ist nur mit finanzieller Unabhängigkeit möglich." Von nun an tat sie alles dafür: Mit eisernem Willen lernte sie in Rekordzeit Deutsch, während sie neben der Schule als Zimmermädchen jobbte. In den USA studierte sie Psychologie und Personalwesen und lernte ihren Mann kennen, von dem sie mittlerweile geschieden ist.

2002 kehrte sie nach Deutschland zurück und machte sich mit einem Online-Reisebüro selbstständig. Nüchtern analysierte sie den Markt und spezialisierte sich auf Dubai, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten. Zum einen, weil sie mit der Mentalität und den Sitten der Region vertraut war, zum anderen, weil ihre Familie von dort keine zwei Flugstunden entfernt war und man sich so unkompliziert und ohne Visa treffen konnte. "Ich dachte immer nur: Wenn die Deutschen wüssten, was für tolle Hotels hier vorhanden sind und wie gut das Wetter ist, würden viel mehr von ihnen hierherkommen. Ich war so euphorisch, dass ich auch mit Begeisterung verkaufen konnte. Bei diesen Destinationen war ich in Deutschland Pionierin."

"Wer eine schwierige Reise nach Deutschland mit all ihren Hürden und Rückschlägen erlebt hat, traut sich sicherlich mehr zu als manch anderer. Der weiß, was er will, und bleibt am Ball."

Jasmin Taylor, iranisch-stämmige Geschäftsführerin eines Reiseveranstalters

Aus dem Reisebüro wurde 2009 der Reiseveranstalter JT Touristik. Heute hat er 150 Ziele im Angebot, 65 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von rund 170 Millionen Euro. Als Frau und Ausländerin sei sie bis heute vielen Vorurteilen ausgesetzt und müsse sich darum umso mehr beweisen sagt Taylor: "Ich höre immer noch: 'Mach das nicht, das bringt nichts.' Oder: 'So geht das aber nicht.' Mittlerweile habe ich so ein Selbstbewusstsein, dass diese Leute nicht mehr zu mir durchdringen. Nur so kann ich meine Sachen gut machen."

Als entscheidenden Schlüssel zur Integration sieht sie deutsche Sprachkenntnisse. Sind die vorhanden, sei eigentlich alles möglich. "Zuwanderer bringen völlig neue Ideen und Ansätze mit. Der Erfolg von JT Touristik liegt sicherlich auch daran, dass wir Dinge immer wieder anders machen als Mitbewerber – da spielt vielleicht die erhöhte Risikobereitschaft mit hinein." Einwanderer gründen anders, das weiß Taylor aus eigener Erfahrung: "Schon die Motivation ist von ganz anderer Qualität. Für mich war immer klar: Wenn ich hier schon mit Heimweh alleine lebe und auf die Geborgenheit meiner Familie und das Vertraute verzichte, dann will ich diesen Verlust kompensieren, indem ich zumindest in anderen Bereichen das Optimale heraushole." Sie habe sich immer gesagt: "Ich zahle einen hohen Preis, aber ich will dafür ein selbstbestimmtes Leben auf einem sehr hohen Niveau führen."

Zwei Heimaten, gemeinsame Werte

In der Zentrale der Altun Gleis- und Tiefbau GmbH in Duisburg gibt es kaum eine Wand oder Treppenstufe ohne Zitat oder Sinnspruch aus Bibel und Koran. "Wenn Muslime hereinkommen, stutzen sie, wenn ihr Blick auf einen Spruch von Jesus fällt und nicht von Mohammed – der natürlich auch vertreten ist. Aber wir haben gemeinsame Werte. Das möchte ich zum Ausdruck bringen", erklärt Firmeninhaber Abdullah Altun.

Der Chef über knapp 100 Mitarbeiter kam 1978 als Zwölfjähriger mit seinen beiden Brüdern und der Mutter aus der Türkei nach Deutschland, dem Vater folgend, der bei Krupp am Hochofen stand. Altuns Klassenlehrer engagierte sich sehr für die Kinder der „Gastarbeiter“ und gab ihnen in seiner Freizeit Deutschunterricht. Er war es auch, der Altun, als er sich zwischen einer Lehre als Radio- und Fernsehtechniker und einer als Gleisbauer entscheiden musste, riet: "Fang bei der Bahn an, das ist sicherer." Die Ausbildung schloss er mit Bestnote ab, die Beamtenlaufbahn blieb ihm ohne die deutsche Staatsbürgerschaft jedoch verwehrt. Zwar hatte er 1988 einen Einbürgerungsantrag gestellt. "Da kam auch ein Beamter und hat sich umgeschaut, ob ich ausreichend deutsch bin. Erst gefiel ihm das türkische Musikinstrument nicht, das im Wohnzimmer stand, dann wollte er mein Schlafzimmer besichtigen. Da habe ich ihn rausgeschmissen", erzählt Altun.

Im Zuge der Bahnprivatisierung wechselte er 1992 zu einer frisch gegründeten DB-Tochter: "Der Rat meines Chefs war: 'Wenn Sie weiterkommen wollen, dann müssen Sie sich selbstständig machen.' Am nächsten Tag gründete ich die Firma." Dank guter Vernetzung mit bester Perspektive auf Aufträge von der Bahn. Doch auf den erfolgreichen Start folgte kaum ein Jahr später der völlige Einbruch: "Im Expo-Jahr 2000 hatte die Bahn keine einzige Baustelle geplant. Somit gab es keine Aufträge für uns." Altun musste die fünf Mitarbeiter entlassen und verkaufte am Wochenende auf dem Trödelmarkt, um über die Runden zu kommen. "Nach den Sommerferien lief es wieder an mit den Aufträgen, und ich konnte wieder einstellen."

Menschen mit Migrationshintergrund haben es oft schwer, eine Lehrstelle zu finden

60 Prozent der Betriebe in Deutschland haben noch nie einen Lehrling mit ausländischen Wurzeln eingestellt, zeigte eine 2015 veröffentlichte Studie von uns. Abdullah Altun will dagegen ein Zeichen setzen: Er nimmt sich Jugendlicher an, die andere längst abgeschrieben haben, die einen schlechten oder gar keinen Schulabschluss haben. Die meisten mit Migrationshintergrund. Ungefähr zehn pro Jahr kann er einen Ausbildungsvertrag geben. "Man muss den Menschen eine Chance geben. Durch gute Taten kann man glücklicher werden als mit mehr Geld. Darum ist anderen zu helfen ein Teil meines Lebens", begründet er sein Engagement.

"Ich habe viel von diesem Land bekommen und darum möchte ich auch etwas für dieses Land tun. Dazu beitragen, dass es immer besser wird."

Abdullah Altun, türkisch-stämmiger Geschäftsführer eines Gleis- und Tiefbauunternehmens

Altun ist ein Kümmerer: "Fehlt einer meiner Azubis in der Berufsschule, gehe ich zu ihm und frage nach dem Grund. Und suche mit ihm zusammen nach einer Lösung für sein Problem." Doch manche kann er plötzlich nicht mehr erreichen, nicht verhindern, dass sie die Ausbildung abbrechen. Die anderen werden Fachleute – die sonst dem deutschen Arbeitsmarkt verlorengegangen wären. Sie stellen Altuns Belegschaft oder werden von Kunden und Konkurrenten abgeworben.

Wer sich mit der neuen Heimat identifiziert, kann auch erfolgreich sein

Abdullah Altun engagiert sich auch in der 2012 gegründeten Ruhr Business Plattform. Hier haben sich deutsch-türkische Akademiker und Unternehmer aus dem Ruhrgebiet zusammengeschlossen, um Gründungswillige auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten. Die Risikobereitschaft der Einwanderer sei zwar sehr hoch, "doch leider machen viele ein Geschäft aus dem Bauch heraus auf, ohne Marktanalyse. Sie sehen einen Döner-Laden, der gut läuft, und machen direkt daneben auch einen auf. Und unterbieten den ersten im Preis. Nach einigen Monaten sind beide kaputt", sagt Altun. Mit entsprechenden Schulungen will der Verein für überlegteres Handeln sensibilisieren. "Denn wenn man die Spielregeln des Geschäftslebens einhält, kann man auch erfolgreich werden", ist Altuns Erfahrung.

Wie lassen sich noch schlummernde Potenziale der Einwanderer wecken, fragten wir Altun? "Man muss die langfristige Perspektive aufzeigen. Viele Migranten denken zu kurzfristig. Die Menschen, die in Deutschland ihre Heimat gefunden haben, sind eine tragende Säule der Gesellschaft. Glücklich werden kann ich nur, wenn ich mich mit dem Ort, an dem ich wohne, auch identifiziere. Leider leben viele Türken in Deutschland in einer Parallelgesellschaft, für die sie keine Deutschkenntnisse benötigen. Das muss sich ändern."

Den kompletten Artikel und weitere spannende Geschichten finden Sie in unserem aktuellen change Magazin.

Ähnliche Artikel


 

Studie

Migrantenunternehmen sind Jobmotor für Deutschland

Unternehmer mit Migrationshintergrund schaffen viele Jobs in vielfältigen Branchen. Aber es gibt große Unterschiede zwischen den Bundesländern. weiterlesen

Umfrage

Migrationshintergrund erschwert Suche nach Ausbildungsplatz

60 Prozent der Betriebe haben noch nie einen Azubi mit ausländischen Wurzeln eingestellt. weiterlesen