Gruppenfoto der Azubis und Werkstudenten der Krones AG im Ausbildungszentrum in Neutraubling (Oberpfalz)
Enno Kapitza

Text von Georg Dahm für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 3/2016 (gekürzte Fassung).

Autogramme muss Franz Jungbauer inzwischen nicht mehr geben, wenn er in China ist. Sich nicht mehr fotografieren lassen von ganzen Schulklassen, die aus ihren Reisebussen stürmen, um ihn aus der Nähe zu sehen, ihn, den kräftigen Bayern, der da plötzlich wie ein Außerirdischer in der chinesischen Landschaft steht. "Es war der Wahnsinn", sagt Jungbauer, der schier platzt vor Anekdoten von seinen Reisen – ohne Sprachkenntnisse mit der Bahn quer durchs Land, bizarrste Flugverbindungen mit zehn Stunden Zwischenaufenthalt – und es immer noch nicht fassen kann, wie sehr sich dieses Land verändert hat, seit er 2000 zum ersten Mal da war in Sachen Bier.

Und das klingt jetzt natürlich nach Klischee, ein Bayer in China, klar muss da Bier im Spiel sein. Aber mit Gemütlichkeit und Frohsinn hat das erst mal nichts zu tun, sondern mit Geschäft, Globalisierung und viel harter Arbeit. Arbeit, die man bei Jungbauer von der Pike auf lernt, denn nur wer Metall und Elektronik sicher beherrscht, darf ran an die stahlglänzenden High-Tech-Giganten, die sie zusammenbauen in den Werkshallen der Krones AG.

Draußen brennt die Sonne über der Oberpfalz, drinnen entwirft, montiert und testet die Belegschaft Getränke-Abfüllanlagen für jeden Winkel dieser Erde, von der Kompaktanlage für die Brauerei in der benachbarten Weltkulturerbe-Altstadt Regensburg bis zum Maschinenpark für einen asiatischen Großbetrieb. Die Welt trinkt Krones: Myanmar, Honduras, Uganda steht auf den Projekt-Infotafeln zwischen Kesseln und Rohren, Schaltschränken und Gerüsten. Irak, Neuseeland, Niederlande, USA. Und immer wieder: China.

Michaela Sperl und Franz Jungbauer, Ausbildungsleiter bei Krones, stehen an einer Werkbank und lächeln in die Kamera. Langweilig wird's nie: Vier Jahre lang haben Michaela Sperl und Franz Jungbauer an dem Ausbildungsprogramm gearbeitet, noch immer sind sie regelmäßig in China. (Foto: Enno Kapitza)

Schlüsselmarkt China

Das Land ist ein Schlüsselmarkt für Krones. So wichtig und so speziell, dass auch ein Weltmarktführer an den Punkt kommt, an dem er nicht weitermachen kann wie gewohnt. Deshalb liefert Krones jetzt nicht nur deutsche Maschinen nach China, sondern auch die deutsche Berufsausbildung.

Seit 2011 schult der Konzern junge Chinesen zu Mechatronikern und Zerspanungsmechanikern. Nach den Regeln des deutschen dualen Systems aus Berufsschule und Betriebspraxis – ein völlig neues Konzept für China, wo es nichts Vergleichbares gibt.

Anders als viele andere deutsche Firmen betreibt Krones in China kein Joint Venture, sondern eine komplett eigenständige Tochter. "Wir wollten unabhängig sein, daher haben wir 2004 eine eigene Niederlassung gegründet", sagt Klaus Gerlach, der die Konzernniederlassung im chinesischen Taicang leitet. Das neue Unternehmen sollte die Krones-Kunden mit Ersatzteilen versorgen, die aus Europa nicht schnell und günstig genug herangeschafft werden konnten. Also mussten auch Servicetechniker her. Und der Bedarf wächst: Auf 500 Mitarbeiter ist der Standort gewachsen, "und jetzt nehmen wir nochmal einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die Hand um den Standort zu erweitern", sagt Gerlach.

Hohe Hürden vor dem Start

Es brauchte jahrelange harte Arbeit, bis 2011 die ersten 60 Azubis in China an den Start gehen konnten. "Du musst die Schulleiter überzeugen und die Lehrer für das duale System ausbilden, es ist ein ganz anderer Bildungsstandard", sagt Krones-Ausbildungsleiterin Michaela Sperl. "Du musst das Werk, deine Kollegen, die Verantwortlichen in Taicang mit ins Boot nehmen, die müssen ja alle mitziehen, das ist auch nicht so einfach. Das dauert."

Auch die Brauereischule in Wuhan, mit der Krones kooperiert, musste neu ausgestattet werden: "Das Equipment entsprach nicht europäischen Standards", sagt Jungbauer. "Programmierbare Steuerungen zum Beispiel gab es dort nicht, das haben wir alles runtergeschickt und die Lehrer daran ausgebildet." Dass ein Anlagenbauer nicht nach "Schema F" fertigt, sondern nach den individuellen Anforderungen jedes Kunden, war den Kollegen ebenfalls neu: "Projektorientierte Aufträge kannte man nicht, wir haben die chinesischen Lehrer für sechs Wochen zu uns eingeladen, damit sie das System kennenlernen."

Nächste Hürde: Alle Ausbildungsmaterialien ins Chinesische übersetzen. "'Ausbildungsrahmenplan', das klingt so einfach", sagt Michaela Sperl. "Aber das ist eine Lektüre von 1.250 Seiten, und jeder einzelne Satz musste vor Ort durchgesprochen werden." 1.250 Seiten detaillierte Schilderungen dessen, was ein Mechatroniker können, wissen und bauen muss. Anleitungen und technische Zeichnungen, vor denen der Laie sofort in die Knie geht, erst recht, wenn er sieht, wie die Krones-Azubis sie in filigrane Metallgebilde umsetzen.

Ein Krones-Mitarbeiter steuert über eine Fernbedienung eine tonnenschwere Abfüllanlage, die in der Fabrikhalle von der Decke hängt. Trockenübung: In den tonnenschweren Abfüllanlagen, die in Neutraubling für die ganze Welt produziert werden, steckt anspruchsvolle Prozesstechnik, an die sich die Azubis in Modellversuchen langsam annähern. (Foto: Enno Kapitza)

"Der Ehrgeiz dort ist unheimlich groß"

Besuch in Franz Jungbauers Reich, des firmeneigenen Ausbildungszentrums in Neutraubling, wo überall junge Menschen über Laptops, Schalttafeln und Werkbänken brüten. Azubis neben den Studenten aus den dualen Studiengängen, in Jungbauers Augen die beste Neuerung des deutschen Ausbildungswesens überhaupt. Es herrscht gespannte, konzentrierte Ruhe.

Krones ist ein begehrter Ausbilder in der Region. Nach dem Krieg gegründet als Kleinunternehmen auf dem Gelände der Messerschmitt-Flugzeugwerke, hat der Konzern inzwischen das gesamte Areal übernommen. Rund 800 Bewerber kommen auf die 150 Stellen, die Krones jedes Jahr ausschreibt. Der Konzern bildet immer über Bedarf aus, allein schon, weil sich erst mit der Zeit und in der Praxis herausstellt, ob ein junger Mensch ins Unternehmen passt und welche Fachabteilung die richtige für ihn ist.

"Das ist in China nicht anders", sagt Sperl, "da sind die jungen Leute am ersten Tag auch verschüchtert und müssen erst einmal auftauen." Also gar keine Unterschiede im Klassenzimmer? Wenn ein deutscher Azubi Chinesisch spricht, kann er in Wuhan genauso lernen wie in Neutraubling? "Er müsste wahrscheinlich disziplinierter sein", sagt Klaus Gerlach und lacht. "Aber im Ernst: Der Ehrgeiz dort ist unheimlich groß, die Eltern haben ja nicht viele Möglichkeiten, ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen."

Ein deutscher Ausbilder erlebt in China Ungeahntes, sagt Jungbauer, der immer wieder wochenweise vor Ort ist: "Im Winter geben wir im Parka Unterricht, weil die Schule keine Heizung hat, und im Sommer ist es unfassbar heiß bei fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Schulmöbel, das sind Holzbänke wie bei uns vor 30 Jahren. Das kümmert aber niemanden, die chinesischen Auszubildenden sind immer voll dabei. Und von Feierabend spricht da auch niemand – für sie dreht sich alles um ihr Wissen und ihre Arbeit."

Nachwuchsförderung auch nach der Ausbildung

Duale Ausbildung, das heißt in China auch: Wohnen in riesigen Gemeinschaftsunterkünften. 1.000 Kilometer Distanz zwischen dem Schulort und dem Ausbildungsbetrieb. "Und das ist schwer für diese jungen Leute, die sehr heimatverbunden sind und meist noch bei ihren Eltern wohnen", sagt Gerlach. "Da verlieren wir einige, das müssen wir akzeptieren." Mit allerlei Programmen versucht Krones, die Azubis zu unterstützen, hilft bei der Wohnungssuche und sucht nach neuen Partnerschulen, die näher an der Betriebs-Niederlassung liegen.

Auch nach der Ausbildung investiert der Konzern in die Nachwuchskräfte mit praktischer Hilfe und weiteren Schulungen. Nicht nur, um die für chinesische Verhältnisse sehr jungen Absolventen besser in die Teams zu integrieren und ihnen den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt zu erleichtern, in dem sie auf einmal auf sich gestellt sind. Sondern auch, um möglichst viele der jungen Fachkräfte zu halten.

Neben den Vergünstigungen und Personalentwicklungsmaßnahmen sind es auch die Ausbildungsverträge, mit denen Krones die Absolventen nach der Ausbildung zumindest für ein bis zwei Jahre an sich bindet. Wichtig sei für Krones bei der Ausbildung der soziale Aspekt, sagt Gerlach: "Wir bilden auch in China über Bedarf aus."

Ein Vertreter von Krones prostet vier Geschäftspartnern aus Taiwan in dem firmeneigenen traditionell-bayerisch gestalteten Casino am Esstisch mit Bier zu. So geht Bayern: Im Casino empfängt Krones bei gehobener Regionalküche Geschäftspartner wie diese Delegation aus Taiwan. (Foto: Enno Kapitza)

Markenpflege in doppelter Hinsicht

Was in doppelter Hinsicht eine Investition in die Markenpflege ist: Wer die duale Ausbildung durchlaufen hat, der ist "Krones-minded", wie sie hier sagen. Hat auf Krones-Equipment gelernt, ist in von Krones gestalteten Schuletagen ausgebildet worden – und wird auch in anderen Unternehmen eher ein Botschafter seines Ausbildungsbetriebs sein, was für die Markterschließung nicht verkehrt sein kann.

Und die Investition in die Ausbildung vor Ort wirke als sichtbares Bekenntnis zum Standort, sagt Gerlach: "Wir haben in diesem Land einen hohen Stellenwert auch aufgrund dieser Aktivitäten."

Die starke Marke und das Personal sind wichtig, um gegen den Wettbewerb zu bestehen. Es seien weniger mögliche Plagiatoren, mit denen sie in China zu tun haben, sagt Gerlach. Es ist ein Preiskampf, in dem Krones steht – "vor allem im mittleren Leistungssegment", sagt Gerlach, "da ist die Konkurrenz unheimlich stark. Und darum müssen wir jetzt auch anfangen, solche Anlagen direkt in China zu fertigen, anders werden wir im Markt nicht bestehen können."

Sätze, die an einem deutschen Produktionsstandort schnell für Unruhe sorgen. Produktionsverlagerung nach China? "Wir verlagern nichts, das sind Umsätze, die zum bestehenden Geschäft dazukommen", sagt Gerlach. "Das Engineering und die Produktion der High-End-Anlagen wird weiterhin in Deutschland stattfinden."

Hinter dem Zusatzgeschäft steht der wachsende Wohlstand in China, erläutert Gerlach. "Wo immer sich der Lebensstandard entwickelt, wollen die Kunden hoch qualitativ verpackte Lebensmittel kaufen." Wasser zum Beispiel, ein klassisches Produkt für Anlagen des mittleren Leistungssegments: "Das hat vor ein paar Jahren in China noch nicht diese Rolle gespielt."

Neues Ziel: Kenia

Über das hauseigene Austauschprogramm Cross Border können Krones-Mitarbeiter für ein halbes Jahr zu ihren Fachkollegen ins Ausland gehen, um dort die Abläufe und Systeme kennenzulernen. Auch auf den Fluren der Zentrale in Neutraubling sieht man viele internationale Gesichter, von der vietnamesischen Werkstudentin Thuy Pam, die in Regensburg ihren Logistik-Master macht, bis zu Ting Ting Lu aus der Taicanger Personalabteilung, die hier ein Projekt zur Einführung eines neuen Dienstreise-Systems leitet.

Es wird ja auch nicht weniger mit der Reisetätigkeit: "Wir sind regelmäßig unten, unsere Mitarbeiter halten in Taicang Schulungen, über Lerninhalte, über Module" sagt Sperl. "Wir kontrollieren, ob alles eingehalten wird, und suchen neue Kooperationspartner."

Inzwischen haben sie auch schon das nächste Ausbildungsprojekt in Arbeit: Krones ist dabei, duale Ausbildungsberufe in Kenia einzuführen. Die Anekdoten werden Franz Jungbauer und Michaela Sperl so schnell nicht ausgehen.