Eine fünfköpfige Familie - Eltern und drei Töchter - steht vor ihrem Wohnhaus.
Bernd Jonkmanns

Text von Steffi Kammerer für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 1/2016 (gekürzte Fassung).

Böttcherstraße in Münster, eine deutsche Reihenhaussiedlung. Die Zufahrt penibel gefegt, ein Klettergerüst im Garten, Blumen vor den Fenstern. Kaum vorstellbar, dass es wegen dieser Häuser vor über 13 Jahren mal Bürgerinitiativen gab, aufgeregte Versammlungen und Drohbriefe, selbst im liberalen Münster, der Studentenstadt. Sechs Häuser sind es – seit über zehn Jahren Heimat für Flüchtlinge aus aller Welt. Inzwischen sind die Häuser umgeben von anderen, ganz ähnlichen Reihenhäusern. Es sind Privatleute, die hier gebaut haben, und zwar nachdem die Flüchtlinge da waren, darauf sind sie hier stolz.

Die Sedighis aus Afghanistan leben seit dreieinhalb Jahren in der Böttcherstraße. Der Sohn hat in Münster die Hauptschule abgeschlossen, Tochter Maryam (13) ist nicht nur auf dem Gymnasium – sie ist Klassenbeste. Geige spielt sie auch, das Instrument wurde ihr von einer alten Dame aus der Nachbarschaft geschenkt. Gerade sitzt sie am Küchentisch und lernt für einen Englischtest am übernächsten Tag.

Die Familie hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Über den Irak und die Türkei sind sie in Griechenland gelandet, wurden getrennt. Der Vater blieb zunächst zurück, der damals 13-jährige Sohn schlug sich allein nach Österreich durch, die hochschwangere Mutter und ihre Töchter gelangten über Italien und Frankreich nach Deutschland und mit dem neugeborenen Baby schließlich nach Münster. Vor kurzem gab ein Gericht dem Asylantrag der Sedighis statt — die ersehnte Gewissheit, dass sie bleiben können. Vater Sedighi darf endlich arbeiten, ist jetzt bei einem türkischen Metzger angestellt. Jamila, die Mutter, hat hier schreiben gelernt, in Afghanistan konnte sie nur lesen. Eine Bilderbuchgeschichte.

Über den Mülltonnen steht ein Schild, darauf in allen Sprachen die Erklärung, was wo hineinkommt. Innen im Haus sind die Wände bunt gestrichen, im Gemeinschaftsraum hängt ein Kalender mit den Geburtstagen aller Kinder. 48 Menschen leben in den Häusern. Die Nachbarn der Sedighis kommen aus dem Kosovo, aus Albanien, aus Pakistan, zwei Sozialarbeiter kümmern sich um sie.

Der Wunsch nach Integration

Die Flüchtlingsunterkunft ist eine von bald 70, die es in Münster derzeit gibt, viele davon sind temporär. Jochen Köhnke, Dezernent für Migration und Interkulturelle Angelegenheiten, hat das Flüchtlingskonzept vor mehr als 15 Jahren entwickelt. Mit viel gesundem Menschenverstand: "Die Häuser müssen schön sein", sagt er. "Die Nachbarn sollen denken können, das ist okay, dass das da steht." Die Alternative wäre damals gewesen: eine Massenunterkunft mit hohem Zaun drum. Er verzieht das Gesicht – nicht mit ihm.

Im Großen und Ganzen hält man in Münster bis heute an der Planung von damals fest, trotz wechselnder Mehrheiten im Rat. Liest man die alten Beschlussvorlagen, sind sie behördenüblich trocken, machen aber auf ganzer Linie eine Haltung deutlich: den Wunsch nach Integration. Und die, so argumentierte Köhnke damals wie heute, geschieht nicht automatisch. Sondern dafür braucht es Faustregeln. Nicht mehr als 50 Menschen in einer Einrichtung. Aufgelockerte Bauweise. Kindergärten, Schulen, Sportvereine fußläufig erreichbar. Und mindestens ebenso wichtig: intakte Nachbarschaften. "Stadtteile mit einem hohen Anteil von sozial- und einkommensschwachen Einwohnern sind nicht geeignet zur Aufnahme entsprechender Einrichtungen", hieß es in Münster schon im Jahr 2000.

Jochen Köhnke ist stolz auf das, was sie hier erreicht haben. Als Pegida sich mal in Münster versuchte, standen da 10.000 Gegendemonstranten. Aber er ist auch besorgt. Denn selbst das beste Konzept geht nicht auf, wenn man von den Entwicklungen überrannt wird. Und für seine Vorstellungen braucht es physischen Platz und es braucht Zeit. Beides fehlt im Moment.

Es kommen so unendlich viele Menschen, 700 Flüchtlinge waren es allein im letzten Oktober. In diesem Jahr sollen es noch mehr werden. Auch wenn es im Januar dann doch nur 400 waren, hat das Land für Stoßzeiten bis zu 300 Flüchtlinge pro Woche angekündigt.

Eine syrische Flüchtlingsfamilie vor ihrem Haus im Gespräch mit dem Dezernenten für Migration der Stadt Münster. Haben gute Chancen auf eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt: Das syrische Flüchtlingspaar Jwan und Peyman Fatah (zweiter und dritte von links). Er arbeitete in seiner Heimat als Wirtschaftswissenschaftler, sie ist Bauingenieurin.

Wohin nur mit den vielen?

Erstmals nun wird Münster von der bewährten Regel abgehen, Flüchtlinge nicht in Unterschichtsgebieten anzusiedeln. Sie ringen hier um jeden freien Quadratmeter. Münster ist eine boomende und ständig wachsende Stadt, die auch ohne Flüchtlinge aus allen Nähten platzt.

Rund 3.800 Flüchtlinge leben derzeit in städtischen Einrichtungen, sagt Köhnke. Hinzu kommen 360 Flüchtlinge in regulären Wohnungen. Insgesamt etwa 4.200 Menschen. Jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte. Es gibt etliche Häuser ausschließlich für alleinstehende Männer, solche für allein reisende Frauen, eins für Schwerkranke.

Wo und wie ein Haus für Flüchtlinge gebaut wird, das ist ein langwieriger Prozess. Ist die Entscheidung einmal getroffen, sind Köhnke und seine Kollegen bald vor Ort, werben um Verständnis und Vertrauen, oft zwei Jahre bevor die ersten Menschen einziehen. So war es auch im Haus in der Böttcherstraße, das dann vom CVJM übernommen wurde. Es ist heute eins von einem knappen Dutzend Häusern in Münster, die von freien Trägern betrieben werden.

Eins haben sie in Münster trotz Krise bisher geschafft: keine Massenunterbringungen. Wenn, wie nun etwa in der Gronowskistraße, in Windeseile ein Fertighaus entsteht, dann hat das Platz für 100 Betten. Aber es steht zwischen Einfamilienhäusern in einem ruhigen Wohngebiet – und nicht irgendwo am Stadtrand. Jochen Köhnke weiß, dass er sich fürs Erste von seiner Idealvorstellung von maximal 50 Bewohnern pro Einrichtung verabschieden muss. Der Druck ist zu hoch. "Vielleicht werden wir bei 100 landen. Ganz klar jedenfalls nicht bei 1.000 Menschen wie in manch anderer Stadt."

Erste gemeinsame Schritte

Seit dem Sommer geschieht die Erstaufnahme der Flüchtlinge nicht mehr im Sozialamt von Münster, sondern in der Oxford-Kaserne, die einst den Briten gehörte. Hier bleiben die Flüchtlinge bis zu drei Wochen, dann werden sie auf die verschiedenen Häuser verteilt. Gerade fährt ein Taxi vor, eine Bosnierin mit ihren zwei kleinen Söhnen wird abgeholt. Schwere Koffer verschwinden im Kofferraum, ein halbes Dutzend Kinder winkt den Freunden der letzten Tage nach.

Viele der Flüchtlinge nutzen die Wochen des Wartens für den täglichen Deutschkurs. An der Tafel  steht eine der vielen Münsteraner Freiwilligen, Birgit. Sie erklärt den Unterschied zwischen "Du" und "Sie", erwachsene Männer in dicken Lederjacken sitzen auf Kinderstühlen und üben fremde Umlaute. Im Chor sprechen sie nach: "Münster." Sie lernen auch, wie ein "deutsches Haus" aussieht, die Lehrerin malt ein spitzes Dach an die Tafel.

Rund 800 Ehrenamtliche gibt es in Münster, ständig werden es mehr. "Das ist auch an eine Größenordnung gekoppelt", glaubt Köhnke. "Dass wir so viele Ehrenamtliche haben, liegt daran, dass wir kleine Einrichtungen haben." Wenn er so etwas sagt, hat er meist eine Studie parat, die etwa belegt: je mehr Menschen, desto größer die Hemmschwelle, sich zu engagieren.

Jochen Köhnke wollte im letzten Jahr Oberbürgermeister von Münster werden. Das hat nicht geklappt. Sein Engagement für seine Flüchtlinge aber ist ungebrochen. Für die Zukunft wünscht er sich, dass es bei der sozialverträglichen Verteilung über das gesamte Stadtgebiet bleibt. Seine Vision für Münster: "Dass wir auch bei größeren Einrichtungen weiter den Kontakt zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen haben. Und dass wir den Menschen eine faire Wohnsitznahme ermöglichen." Heißt: in guten Gegenden. "Da, wo die Kinder positiv mitgenommen werden." Wo man vielleicht einfach beim Grillfest der Nachbarn seinen zukünftigen Chef kennenlernt.

Leitartikel

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