Porträtfoto von Prof. Dr. Andreas Suchanek
David Ausserhofer

Interview von Jens Poggenpohl für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 2/2016.

Es ist für Unternehmen schwerer geworden, ethisch korrekt zu handeln, sagt der Ökonom Prof. Dr. Andreas Suchanek. Trotzdem gibt es viele gute Beispiele. Am liebsten sind ihm jene, die man kaum bemerkt.

CHANGE: Prof. Suchanek, welches Beispiel unternehmerischer Verantwortung hat Sie zuletzt besonders beeindruckt?

Prof. Dr. Andreas Suchanek: Das ist für mich eine schwierige Frage, denn mein Verständnis von Verantwortung ist stark an ganz gewöhnliche Situationen geknüpft – und an alltägliches Verhalten, das gerade nicht danach schreit, besonders hervorgehoben zu werden. In dieser Hinsicht bin ich von Unternehmen wie Bosch oder Henkel, aber auch von vielen Mittelständlern angenehm überrascht. Denn sie tun viel dafür, das in sie gesetzte Vertrauen zu erfüllen. "Wir haben heute wieder nicht bestochen" ist zwar keine Meldung, aber es ist eine Leistung.

Warum ist es eigentlich so schwer, verantwortungsvoll zu handeln?

Weil es permanent Versuchungen und nicht zuletzt viel Druck von außen gibt, kurzfristig Gewinne auf Kosten anderer zu machen. Dazu zähle ich übrigens auch, Kosten zu externalisieren. Unverantwortlich zu handeln, heißt für mich dabei vor allem, berechtigte Erwartungen anderer zu enttäuschen. Die Erwartung des Kunden, dass das Produkt funktioniert, die Erwartung des Mitarbeiters, dass er fair behandelt wird. Das hat mit der Einhaltung von Gesetzen zu tun, darüber hinaus aber mit dem Erfüllen von Versprechen. Jedes Unternehmen gibt ständig Versprechen ab: in der Werbung, in Stellenausschreibungen, Investoren und der Gesellschaft gegenüber. Verantwortlich handeln heißt, diese Versprechen auch zu erfüllen.

Ist das heute schwerer als früher?

Ja, und häufig fehlt es schlicht an Zeit. Der Druck, kurzfristig zu handeln, ist enorm gestiegen, die Komplexität ist deutlich größer, gleichzeitig gibt es immer weniger Möglichkeiten, über sein Handeln und mögliche Alternativen nachzudenken. Vor 25 Jahren kannten Sie als deutscher Mittelständler Ihre Kunden, Ihre Zulieferer und die örtlichen Gegebenheiten. Heute beschwert sich in der einen Sekunde ein Kunde aus China, und kaum haben Sie aufgelegt, meldet das Werk in Brasilien ein Problem. Zudem hat die Digitalisierung für eine rasante Beschleunigung des Alltags gesorgt. In dieser Lage allen Erwartungen nachzukommen, ist eine große Herausforderung und oft genug unmöglich.

Wenn Sie von Erwartungen sprechen – gibt es auch unberechtigte, überhöhte Erwartungen?

Heute mehr denn je. Zum Teil werden sie von den Unternehmen selbst geschürt. Denken Sie nur an Software-Anwendungen, die als "fast and easy" angeboten werden, obwohl das  oft nicht stimmt – aber es machen halt alle. Das Kernproblem ist jedoch, dass die Schere zwischen den Erwartungen und den Handlungsmöglichkeiten in einer globalisierten Welt mit all ihren Interdependenzen immer weiter auseinandergeht.

Müssen Unternehmen also in ihren Versprechungen bescheidener sein?

Sie sollten auf Konsistenz achten zwischen ihren Worten und Taten, und sie sollten nachvollziehbare und glaubwürdige Antworten auf die Forderungen geben, die NGOs, Politik oder Kirchen an sie richten. Mancher Dax-Konzern hat 100.000 Zulieferer, da können Sie nicht für jeden garantieren. Ebenso wenig können Sie eine rund um den Globus verstreute, fünfstufige Produktionskette zu vernünftigen Kosten überwachen. Die Antwort müsste in einem solchen Fall lauten: Wenn wir uns so verhalten wollen, wie Ihr wollt, brauchen wir Euch Kunden, um den Mehrwert zu bezahlen. Wir brauchen Euch Politiker, um entsprechende Regeln aufzustellen. Und wir brauchen Euch NGOs, um verantwortliches Verhalten zu unterstützen. Häufig fehlt aber neben der Zeit die Bereitschaft der anderen Seite, sich auf derart komplexe Antworten einzulassen. Erschwert wird das dadurch, dass viel Vertrauen verloren gegangen ist.

Wobei Unternehmen dazu kräftig beigetragen haben – siehe aktuell VW ...

Soweit ich diesen Fall überblicke, ist in den Anzeigen von VW zwar von Vertrauen die Rede, ich habe aber nicht den Eindruck, dass man bereits begriffen hat, dass sich dieses Problem allein mit technischen Lösungen plus guten Anwälten plus Pressearbeit nicht lösen lässt.

Sondern?

Zunächst muss man dem Kunden oder der Gesellschaft überzeugend vermitteln, dass man ernsthaft zuhört: Wie tickt der andere? Warum genau fühlt er sich durch mich geschädigt? Welche Vertrauenserwartungen bestehen? Darauf muss man sich einlassen. Der zweite Schritt wäre die sorgfältige Diagnose, warum es zum Fehlverhalten kam. Im dritten Schritt muss man die Ursachen des Fehlverhaltens, soweit man sie selbst beeinflussen kann, ändern, und zwar sichtbar. Dazu gehören personelle Konsequenzen, das können aber auch ein neues Monitoring oder veränderte Anreizsysteme sein. Entscheidend ist die Botschaft: Wir nehmen Eure Vertrauenserwartungen ernst und setzen das im Unternehmen auch organisatorisch um.

Kann man ethisches Verhalten trainieren?

Professionalismus kann man immer ausbilden. Das beginnt damit, dass ich es als Investition betrachte, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es ist zum Beispiel alles andere als einfach, sich gegenseitig Respekt zu erweisen, gerade unter Druck. Respekt aber ist die wichtigste Grundlage für den Aufbau von Vertrauen. Und weil Sie eingangs nach guten Beispielen fragten: BASF bietet Trainings dafür an, wie man Feedback gibt und nimmt. Es lohnt sich, in so etwas zu investieren.

Aber es bleibt dabei: Investieren heißt, kurzfristig auf Gewinne zu verzichten.

Absolut. Ich muss heute etwas tun, worauf ich keine Lust habe – mich dem lästigen Kunden widmen, dem schwierigen Mitarbeitergespräch stellen oder eben auf einen kurzfristigen Gewinn verzichten, der ethische Risiken hervorbringt. In der reinen Ethikbetrachtung stellt man nur diese Zumutung in den Mittelpunkt. Das ist nicht sehr attraktiv. Das, was ich als alltagstaugliche Ethik bezeichne, bietet über die Idee der Investition die Chance auf einen Perspektivwechsel: Ja, dieses Verhalten ist für mich jetzt eine Zumutung, aber es bringt mir künftige Gewinne.

Verfängt diese Botschaft denn bei Praktikern? Oder hält man Ihnen vor, Sonntagsreden zu halten?

Ich erlebe beides. Wenn Sie ein Mindset mitbringen, das sehr technisch oder sehr zahlenfixiert ist, mit wenig Gespür für die zwischenmenschliche, empathische Dimension, werden sie sagen: Das ist weltfremd, die Wirtschaft wird von Wettbewerb und Kennziffern dominiert, so wird das Spiel nun mal gespielt. Doch erlebe ich auch, dass verstanden wird, dass es im Leben um mehr geht und wir die Freiheit zur Investition in eine bessere Welt haben.

Wie ist es um die Verantwortung der Ökonomen bestellt? Ist das vorherrschende Denken in alltagsfernen Modellen nicht Teil des Problems?

Modelle an sich sind kein Problem, solange man weiß, dass sie die Wirklichkeit reduzieren. Was ich meiner Zunft jedoch anlaste, ist, dass wir lange und zum Teil noch heute zu sehr an diese Theorien glauben – so, als sei der Homo oeconomicus der ganze Mensch und Geld das Einzige, was zählt. Keine Frage: Geld ist wichtig, und Menschen handeln zweckrational und eigeninteressiert – aber das ist nicht alles. Ich möchte vom Arzt ja auch nicht auf meine Physiologie reduziert werden, auch wenn er sie kennen sollte.

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