Sabine Krink, Europabeauftragte für Hagen und die Märkische Region, sitzt an ihrem Schreibtisch und lächelt in die Kamera.
Axel Martens

Von Tanja Breukelchen für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 4/2016 (gekürzte Fassung).

Wie ein bunter Blumenstrauß stehen die Flaggen Europas bei Sabine Krink (59) auf dem Schreibtisch. Die Leiterin des "Europe Direct Büros" im westfälischen Hagen wirkt entschlossen: "Ich möchte die Menschen erreichen, die sich gar keine Gedanken über Europa machen oder die glauben, dass die in Brüssel eh nicht an sie denken." Als Europabeauftragte für Hagen und die Märkische Region ist sie in einem Gebiet mit rund einer Million Menschen ständig unterwegs, trifft im Jahr auf bis zu 55 unterschiedlichen Veranstaltungen einige Tausend Menschen. Zirka 3.000 direkte Kontakte verzeichnet ihre Statistik für 2016 bisher – "das sind die Teilnehmer der Veranstaltungen, die Laufkundschaft im Büro und einige Veranstaltungen on top noch nicht mitgezählt."

"Europe Direct" ist ein von der Europäischen Kommission ins Leben gerufenes Informationsnetzwerk, das Menschen kostenlos über die EU informiert. Krinks Mission ist eindeutig: Sie will Begeisterung wecken, Vorurteile abbauen, zum Mitmachen und Mitdenken auffordern. Auf Podiumsdiskussionen, bei Vortragsreihen oder Fahrten wie nach Brüssel oder zur Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main sucht sie den Kontakt zu Menschen, für die Europa ganz weit weg ist: "Wenn ich auf das Positive von Europa zu sprechen kommen will, müssen die Leute ihre Hemmung verlieren, wirklich zu sagen, was sie denken."

Dann sind es scheinbar lockere Veranstaltungen, mit denen sie europaferne Menschen erreicht: "Zum Beispiel wollte ich über europäische Fördermittel berichten und über die Wasserrahmenrichtlinie. Ich machte eine Wanderung um unsere Talsperre, mit Besuch der Lachsstation. Auf diesem Spaziergang erfuhren wir, welche Vorteile die EU-Wasserrahmenrichtlinie hat, da sie es ermöglicht hat, dass man wieder Lachse in Gewässer einsetzen kann. Das alles in einem Kontext, der für den Bürger so interessant ist, dass er mitkommt – und wenn es zunächst nur ist, weil er gerne mal zur Lachsstation will."

Besonders Veranstaltungen an Schulen sind ihr wichtig. Von Europarallyes bis zu Informationen über Auslandsaufenthalte. Das Erasmus-Programm zum Beispiel, mit dem seit den Achtzigerjahren Hunderttausende junger Menschen Schul- und Studienjahre im Ausland verbracht haben. Eine Errungenschaft der EU, die uns heute selbstverständlich ist. Und da, sagt Sabine Krink, die mit ihrem Mann gemeinsam vier Kinder hat, seien wir bei einem der Gründe für die Europamüdigkeit: "Die Leute sind satt. Darüber vergisst so mancher Dinge wie soziales Verhalten, Hilfsbereitschaft und die vielen positiven Veränderungen durch die EU."

Simon Flambard, Englischlehrer aus Bielefeld, sitzt in einem Ledersessel in einer Bibliothek und blickt in die Kamera. Simon Flambard, Englischlehrer aus Bielefeld. (Foto: Axel Martens)

Europa leben und fühlen

Für Simon Flambard (48) könnten die Vorzüge als EU-Bürger bald vorbei sein. Der Englischlehrer aus Bielefeld lebt seit Jahren in Deutschland. Bislang waren Dinge wie Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis nie ein Problem. Dank der EU. Durch den Brexit könnte sich das ändern: "Ich bin mit der EU großgeworden. Durch den Brexit wurde mir bewusst, was das eigentlich bedeutet." Er ist sicher, heute würden selbst die Brexit-Wähler anders entscheiden. Doch jetzt ist er es, der eine Entscheidung treffen wird: "So wie es aussieht, ist es besser für mich, bald die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen."

Grenzenlos reisen, in zahllosen Ländern zuhause sein, frei sein – das geht eben nur mit einem vereinten Europa, zu dem man gehört. Die Düsseldorfer Journalistin Anja Kühner (49) lebt diese Freiheit seit Jahren. Sie reist quer durch Europa und übernachtete schon in fast 20 Ländern bei den Menschen direkt im Wohnzimmer. Sie ist neugierig auf ihren Alltag, ihr Leben. "Man verbindet mit einem Land plötzlich persönliche Geschichten, taucht in die Probleme der Leute ein und hat nicht nur diese Hotelperspektive", erzählt sie.

Umgekehrt bezog Anja Kühner auch ihre eigene Besucher-Matratze, "denn Gäste bringen die Welt in deine Wohnung. Sie lassen dich an ihren Reisen teilhaben und bezahlen ihre Übernachtung mit Geschichten." Mit "(Fast) gratis reisen" schrieb Kühner sogar einen Guide durch die Gastfreundschaftsnetzwerke. Außerdem ist sie Vorsitzende von BeWelcome, einem kulturübergreifenden Netzwerk, das es Menschen in allen Ländern der Welt ermöglicht, eine Übernachtungsgelegenheit zu teilen und Menschen zu treffen. – Anja Kühner selbst hat so mehr als 150 Leute getroffen und findet, "ohne die EU wäre da vieles eher mühsam gewesen."

Angst vor dem, was passiert

In welche Richtung also treibt die EU? Welche Nachrichten über Krisen, nationale Tendenzen, Fremdenangst und Hass wird Linda Zervakis (41) künftig noch in der Tagesschau verkünden müssen? Die Tochter griechischer Einwanderer sitzt in einem Hamburger Café und schaut in den tristen Herbsthimmel. Dass sie immer wieder als erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund bezeichnet wurde, stört sie nicht. Komisch findet sie es dennoch. Denn eigentlich fühlt sie sich als Europäerin.

Doch bei ihrem letzten Besuch in Griechenland überkamen sie beim Anblick mancher Urlaubsorte zum ersten Mal Zweifel am Gedanken der Europäischen Union: "Es ist schon ziemlich trostlos dort. Irgendwie konnte ich verstehen, dass viele sauer auf das sind, was sich EU nennt – weil der Maßstab einfach extrem hoch ist, und für Länder wie Spanien, Portugal oder Griechenland ist es schwer, da mitzuhalten. Es ist einfach kein Geld da."

Und auch das, was sich zugleich in Deutschland und zahlreichen anderen EU-Ländern abspielt – nationale Tendenzen, Fremdenangst, Ausländerhass –, macht der zweifachen Mutter große Sorge: "Vielleicht sind wir zu lange auf diesem Plauschkurs unterwegs gewesen, vielleicht ist es aber auch eine Art Langeweile. Es gibt ja nichts anderes, auf das man in Deutschland sauer sein kann – die Wirtschaftszahlen stimmen, die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie nie zuvor. Vielleicht haben einfach viele Angst, dass die 'Fremden' das, was sich gerade so lauwarm temperiert anfühlt, wieder kaputt machen. Ich finde die Stimmung extrem – und offen gesagt: Ich weiß nicht, wie extrem es noch wird, aber mir macht es Angst."

Für eine NDR-Reportage machte Linda Zervakis kürzlich ein Experiment: "Wir wollten einen Test machen, wie Menschen auf Nähe und Distanz reagieren. Dafür setzte ich mich, aber auch ein weibliches Model, ein blonder junger Mann und ein seit einem halben Jahr in Deutschland lebender und sehr gepflegt aussehender Syrer nah neben Menschen. Bei dem Syrer standen die Leute entweder auf oder drehten sich demonstrativ weg. Später erzählte er mir, dass sie auch in der U-Bahn aufstehen und sich woanders hinsetzen." Sie selber sei nie angefeindet worden. Und doch hätten gerade ihre Eltern auch immer eine gewisse Kälte gespürt. Vielleicht sollten die Menschen einfach mal wieder mehr reisen, lächelt Zervakis: "Dann kommt man aus dieser Komfortzone heraus und kann sehen, was für ein toller Kontinent dieses Europa mit all seinen Errungenschaften ist."

Den kompletten Artikel können Sie im change Magazin, das Sie unter dem Link auf der rechten Seite (in mobiler Ansicht: unten) herunterladen können, ab Seite 16 nachlesen. Einige Aussagen der von uns Befragten finden Sie auch in der folgenden Bildergalerie:

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