Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, steht in einem Raum vor einer weißen Wand. Links von ihm eine Palme, rechts eine Glasfront, durch die der Stiftungsee zu sehen ist.
Jan Voth

Von Aart De Geus für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 4/2016.

Wenn die Europäische Union im kommenden Frühjahr 60 Jahre alt wird, ist das ein Grund zu feiern, aber auch ein Grund, die Ärmel hochzukrempeln, denn ein Kranz von Krisen liegt auf dem Geburtstagstisch. In der Flüchtlingssituation gibt es allenfalls eine Atempause, denn eine nachhaltige Flüchtlings- und Einwanderungspolitik fehlt noch. Die Beziehungen zu Russland sind zerrüttet wie seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Die Eurokrise hat die Währungsunion zwar zu dringenden Reformen gezwungen, aber der langfristige Bau einer nachhaltigen Wirtschaftsunion steht noch aus. Die Globalisierung erscheint vielen Menschen nicht mehr als Chance, sondern als Bedrohung. Doch zugleich lehnen die Bürger eine aktive Gestaltung der Globalisierung durch starke europäische Handelsabkommen wie TTIP ab. Mit Großbritannien will erstmals ein EU-Mitglied der Gemeinschaft den Rücken kehren, doch die Ablehnung der EU ist längst keine britische Eigenart mehr. In vielen EU-Staaten, ja selbst in Deutschland gewinnen populistische, europaskeptische an Boden.

Sicherlich, gerade in Zeiten von wachsendem Populismus und zunehmender Ängste müssen wir den Wert und die Werte Europas hochhalten. Denn die EU ist ein einzigartiges Projekt, essentiell für die Überwindung der kriegerischen Vergangenheit des Kontinents, ein unerlässlicher Rahmen für Deutschlands friedliche Rolle in Europa. Und es ist die einzige sinnvolle Zukunft, die die Nationalstaaten Europas im globalisierten 21. Jahrhundert haben.

Warum reden wir uns also schlechter, als wir sind? Wohlstand, Lebensqualität und Bildungsstand in Europa waren noch nie so hoch wie heute. Die EU ist derzeit die größte Wirtschaftsmacht der Welt, der größte Handelspartner, der größte Investor und der größte Investitionsempfänger und trotz aller Krisen einer der attraktivsten
Wirtschaftsstandorte der Welt. Als einziger Kontinent der Welt erhielt Europa den Friedensnobelpreis als Anerkennung für über 70 Jahre Frieden. Und letztlich ist Europa ein Ort der Hoffnung für Millionen Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten
und Asien, die sich hier ein besseres Leben aufbauen wollen.

Europa bleibt ein Erfolgskonzept, auch wenn es einer Dauerbaustelle gleicht: einer Brücke über die Schlachtfelder der Vergangenheit und einer Brücke, die Europa im unruhigen 21. Jahrhundert auf eine Höhe mit den anderen Großmächten wie USA, China und Russland hebt. Diese Brücke bröckelt an manchen Stellen, aber sie wird halten, wenn wir ihre Pfeiler von Frieden, Wohlstand und Freiheit immer wieder reparieren.

Doch letztlich wird Europa von seinen Bürgern getragen. Die Menschen machen Europa aus. Die EU soll für die Menschen da sein und nicht umgekehrt. In unserem aktuellen change Magazin zeigen wir, was Europa im Konkreten bedeutet und wie Menschen Europa mit Leben füllen. Interessanterweise glauben die Menschen trotz aller Krisen in großer Mehrheit weiter an die EU. Unsere "eupinions"-Umfragen zeigen, dass die Bürger sich europäische, nicht nationalstaatliche Lösungen wünschen. Dass sie für mehr Integration sind, nicht für weniger. Seit die Briten sich mit knapper Mehrheit für das Ausscheiden aus Europa ausgesprochen haben, hat die Zustimmung zu Europa überall zugenommen, selbst in Großbritannien.

Ja, die Europäische Union hat sehr viele Mängel, es gibt viel zu verbessern. Aber keine EU ist keine Alternative. Wir sollten also im nächsten Jahr, wenn auch bescheiden, das Projekt Europa feiern und dann weiter mit vollem Einsatz an einem besseren Europa
arbeiten.

Eine Übersicht über unsere bisherigen eupinions-Umfragen finden Sie untenstehend unter "Ähnliche Artikel".

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