Gunda Krauss und Stephanie Neumann sitzen zu Füßen eines Baumes im Englischen Garten in München und lächeln sich an.
Enno Kapitza

Text von Anna Butterbrod für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 4/2016 (gekürzte Fassung).

Das Leben dieser Frauen hätte unterschiedlicher nicht verlaufen können. Da ist Gunda Krauss (77), die auf ihrem Elektro-Dreirad zum Treffpunkt im Englischen Garten in München kommt. Sie wurde sechs Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Berlin geboren, wo sie aufwuchs, legte später die Prüfung zur Hauswirtschaftsleiterin ab, weil sie nicht studieren durfte. Und da ist Stephanie Neumann (30). Zu ihrem International-Management-Studium gehörten Aufenthalte in Frankreich und Schottland. Sie arbeitete schon in Spanien und Irland, hat 2015 ihre eigene Firma "Prelovee" gegründet, eine Suchmaschine für Vintage-Mode. So verschieden die zwei auch sind, sie entdecken schnell Gemeinsamkeiten – nicht nur die Liebe zu Europa.

Change: Was war Ihre erste Grenzerfahrung?

Stephanie Neumann: Eine Autoreise nach Italien mit fünf oder sechs. Da sind unsere Eltern mit uns jedes Jahr hin!

Gunda Krauss: Ich war acht – und es handelte sich um eine Zonengrenze. Mein kleiner Bruder und ich haben in den Schulferien auf dem Land Ähren gesammelt, damit wir Mehl zum Brotbacken hatten. Mein Vater holte uns ab, und wir nahmen Küken und Junghühner mit in die Stadt, um Eier zu haben. Wir fuhren Zug, natürlich Holzklasse. Die Hühner steckten oben im Gepäcknetz in einer Kiste. Die Züge waren nicht beleuchtet, es war spät und zappenduster. An der Zonengrenze leuchtete der Kontrolleur mit seiner Taschenlampe rein. Mein Vater hatte im Vorfeld gesagt: Wenn der kommt, müsst ihr furchtbar schreien. Das taten wir. Dadurch hat man das Gackern der Hühner nicht gehört, und der Beamte war ganz verschreckt. Er entschuldigte sich und ging ohne Inspektion wieder raus. Unsere Mitreisenden haben sich bedankt und uns beschenkt. Weil sie auch alles Mögliche im Gepäcknetz hatten, sogar kleine Ferkel.

Die Friedenssicherung ist eines der wichtigsten Ziele der EU. War Krieg in Deutschland jemals ein Thema für Sie, Frau Neumann?

Neumann: Als Kind oder Jugendliche überhaupt nicht – da war das sehr weit weg. Später habe ich mich schon gefragt: Wie wäre das?

Was war der Auslöser dafür?

Neumann: Durch die Berichterstattung aus Kriegsländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Wie fühlt sich das an, wenn ständig bewaffnete Menschen auf der Straße herumlaufen? Wenn Bomben fallen? Diese akute Bedrohung des eigenen Lebens. Ich habe versucht, mich da reinzufühlen, aber das schafft man nicht. Das ist, denke ich, unmöglich.

Frau Krauss, Sie haben genau das erlebt. Sie kamen 1939 zur Welt.

Neumann: Wie mein Opa.

Krauss: So alt bin ich schon!

Neumann: Wo sind Sie geboren?

Krauss: In Berlin.

Neumann: Mein Opa war Sudetendeutscher.

Krauss: Der hatte also noch einen weiteren Fluchtweg.

Neumann: Seine Familie wurde Ende des Krieges aus dem heutigen Tschechien vertrieben. Er ist in der Nacht mit Schneeschuhen durch den Wald nach Deutschland rüber. Mein Opa hat leider, außer einmal, nie viel erzählt.

Krauss: Genau das finde ich traurig. Ich spreche gerne über das, was ich erlebt habe. Denn ich denke, wenn junge Menschen das erfahren, können sie Entscheidungen anders abwägen. Es ist wichtig, dass die gelebte Geschichte weitergegeben wird, nicht nur die politische.

Weil sie dann begreifbar wird?

Krauss: Ja. Mich hat es sehr berührt, als letztes Jahr die Flüchtlinge zu uns kamen. Ich bin im Bezirksausschuss, und als die Stadt eine Flüchtlingsunterkunft plante, sind viele Bürger mit Fragen zu uns gekommen. Eine werdende Mutter sagte: "Ich kann mein Kind nicht in den Kindergarten schicken, wenn nebenan eine Flüchtlingsunterkunft ist." Da bin ich so was von zornig geworden und habe gesagt: "Vor 70 Jahren musste ich flüchten, ob ich wollte oder nicht. Ich bin auch nicht mit offenen Armen empfangen worden." Leider wiederholt sich vieles ...

Wie genau sah Ihre Flucht aus?

Krauss: Wir gingen nach Sachsen, als die Angriffe in Berlin zu heftig wurden. Wir stiegen jede Nacht angezogen ins Bett, daneben ein gepackter Koffer, den man mit in den Luftschutzkeller nahm. 1945 stand ein Panzer vor der Tür, das waren die Amerikaner. Wir mussten innerhalb weniger Stunden das Haus verlassen und durften nur mitnehmen, was wir tragen konnten.

Wie oft hatten Sie Angst vor dem Krieg?

Krauss: Bis heute. Immer, wenn die Feuerwehr-Sirenen getestet werden, habe ich das Gefühl, ich muss in den Keller rennen. Ich mag es auch nicht, wenn nachts ein Flugzeug übers Haus fliegt.

Hätten Sie damals gedacht, dass es so etwas wie die EU einmal geben könnte?

Krauss: Nein, das war unvorstellbar. Nach einem Schüleraustausch in England 1954 hat mir mein "Daddy" zum Abschied einen Brief in die Tasche gesteckt. Er schrieb, dass er mich für eine super Botschafterin meines Heimatlandes halte. Dass die Menschen keinen Krieg wollen. Dieser Brief ist in meinem Kopf drin und bewegt mich immer wieder, mich für den Frieden einzusetzen. Es macht mir zu schaffen, dass die Gesellschaft so auseinanderdriftet.

Neumann: Das geschieht, finde ich, vor allem aus Angst und gefährlichem Halbwissen.

Krauss: Viele denken: Die nehmen uns alles weg! So ein Unsinn! Innerhalb von Europa haben wir schon so viele Sprachen und Kulturen. Das ist doch lebendig! Das ist bunt!

Das EU-Motto lautet "In Vielfalt geeint".

Krauss: Ja, aber von wegen Frieden, Werte, Menschenrechte. Europa ist nur noch eine Wirtschaftsgemeinschaft. Mir schwebt vor, im nächsten Jahr durch Europa zu radeln und die Menschen zu fragen: Was soll Europa für euch sein? Nicht nur schimpfen, sondern mal klar sagen: Was will ich?

Frau Neumann, was wäre Ihre Antwort?

Neumann: Ich hab' grad schon überlegt. Ich find's total schade, dass Europa bröckelt. Das Gefühl, sich frei bewegen zu können – von einem Land ins andere –, das ist für mich so selbstverständlich geworden. Es war für mich beunruhigend, als jetzt einige Grenzen, wie zum Beispiel die von Österreich, geschlossen wurden. Mit Straßensperren, Polizei links und rechts. Ich bin auf einem bayerischen Bauernhof aufgewachsen, bayerischer geht's kaum. Ich bin stolz auf meine Herkunft, aber trotzdem finde ich den Zusammenhalt in Europa schön. Wir sind Europa! Der Brexit war für mich ein riesiger Schock.

Das komplette Gespräch können Sie im change Magazin, das Sie unter dem Link auf der rechten Seite (in mobiler Ansicht: unten) herunterladen können, ab Seite 34 nachlesen.

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