Jan Philipp Albrecht sitzt auf einer Rasenfläche in Brüssel auf einem Campingtisch aus Holz und lächelt in die Kamera.
Arne Weychardt

Von Thomas Röbke für change – das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 4/2016.

Auf dem oberen Bildschirm läuft die Live-Übertragung zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Sachen Ceta, dem geplanten Freihandelsabkommen mit Kanada. Darunter leuchtet ein Computermonitor, unter dem wiederum ein aufgeklappter Laptop steht, an dem Jan Philipp Albrecht eine Pressemitteilung zum Treffen der europäischen Innen- und Justizminister formuliert und fordert, Mehrwertsteuerbetrug stärker zu verfolgen. Gleichzeitig kommentiert er die TV-Sendung wie andere ein Fußballspiel; den einen oder anderen Experten vor den Phoenix-Kameras kennt er noch aus seinem Jurastudium.

Bis der 34-Jährige wenigstens eine dieser Tätigkeiten beendet hat, nehmen die "change"-Reporter nach einer kurzen Begrüßung auf dem aus dem Einbauschrank geklappten Notbett links von Albrechts Schreibtisch Platz, unter ihnen stapelt sich der Mineralwasservorrat des Büros. Der Grünen-Abgeordnete teilt sich die wenigen Quadratmeter seines Büros im Brüsseler EU-Parlament mit seiner Mitarbeiterin Zora Siebert am Schreibtisch gegenüber.

Hinter ihm, gleich rechts von der Bürotür, lehnt ein City-Roller an der Wand, links hängt eine Fahne "St. Pauli gegen rechts". Die Tür zur Einbau-Dusche-WC-Waschbecken-Kombination aus Vollplastik schließt sich direkt an. Der Rest des Raums besteht aus übervollen Regalen und einem Fenster zum Parlamentsvorplatz. Ein bisschen glamouröser hätten wir uns so ein Parlamentarierbüro schon vorgestellt. "Die Abgeordnetenbüros sind ein wenig puritanisch gehalten", gibt Albrecht zu, als er wieder ansprechbar ist. "Ich finde das gar nicht so schlimm. Fürs Arbeiten reicht es, und außerdem wird das Vorurteil entkräftet, die EU-Parlamentarier würden sich hier dem Luxus hingeben."

Jan Philipp Albrecht sitzt in seinem Abgeordnetenbüro am Schreibtisch und arbeitet an seinem Laptop. Jan Philipp Albrecht in seinem Abgeordnetenbüro. (Foto: Arne Weychardt)

Termin folgt auf Termin

Es ist 10.30 Uhr, die Pressemitteilung ist geschrieben und wird im Nebenzimmer Korrektur gelesen, das sich die Büroleiterin Pia Kohorst und der wissenschaftliche Mitarbeiter Ralf Bendrath mit einem Kühlschrank und diversen Leergutkisten teilen. Albrecht checkt und tippt SMS auf dem Smartphone. Um 9.30 Uhr hatte er bereits eine Telefonkonferenz mit Bundestagsabgeordneten der Grünen: "Wir haben uns abgestimmt über Programmpunkte zur Bundestagswahl, die mit unseren Europathemen zu tun haben. Das braucht immer ein bisschen Vorlauf, sich da zu einigen." Ein kurzes Telefoninterview mit einem Journalisten aus England zum Thema Robotik schloss sich direkt an.

Und gleich wird Jan Philipp Albrecht im Innenausschuss erwartet, wo der Platz des stellvertretenden Vorsitzenden für ihn reserviert ist. Heute wird über die europäische Asylbehörde Easo und die Flüchtlingssituation in Griechenland diskutiert. Ein Nachklapp der gestrigen Debatte, bei der "das Wesentliche schon gesagt und beschlossen wurde", wie Albrecht uns verrät. Und weshalb die Sitzung bereits nach einer halben Stunde beendet ist.

Eine unverhoffte Verschnaufpause für den jungen EU-Abgeordneten und Gelegenheit, ihm ein paar Fragen zu stellen. Etwa, warum er in die Politik gegangen ist: "Weil ich einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe, der mich antreibt. Und wer etwas verändern möchte, muss sich nun mal politisch engagieren." Die derzeit vorherrschende Politikverdrossenheit, der Missmut über die EU, Brexit inklusive, bestärke und politisiere ihn nur noch mehr: "Auch wenn ich mich nicht gerade dabei erwische, freudig und positiv über die aktuelle Situation zu reden. Wir haben noch einen ganz schönen Batzen Arbeit vor uns."

"Politik wird von ganz normalen Menschen gemacht"

Als Albrecht 2009, mit gerade mal 26 Jahren, in Brüssel anfing, war er der jüngste deutsche Parlamentarier. Hatte er da irgendeine Vorstellung, was auf ihn zukommen würde? "Glücklicherweise ja. Ich war schon in meiner Schulzeit, angefangen bei der Schülerzeitung, politisch sehr engagiert. In meinem Studium hatte ich einen europapolitischen Schwerpunkt und war häufiger mal bei Sitzungen in Brüssel, ein Praktikum bei einer Abgeordneten inklusive." Seinen Einstieg in jungen Jahren habe er als Vorteil empfunden: "Weil ich nicht jahrelang in einem nationalen Parlament gesessen hatte oder sogar Minister war, konnte ich mir mit meinem jungen, freien Denken Europa selbst erobern. Und ich merkte: Politik wird von ganz normalen Menschen gemacht und nicht von irgendwelchen fremden Mächten."

Mit seinen Studienschwerpunkten Europarecht und IT-Recht gehört Albrecht heute der Minderheit von Parlamentariern an, die in der Materie firm sind, die die zunehmende Digitalisierung ihnen abverlangt: "Das bestärkt einen darin, mit so einem Mandat viel anzufangen und daraus etwas zu machen. Ich weiß jetzt, dass ich Dinge beeinflussen kann, die Menschen dabei mitnehmen und öffentlichen Druck erzeugen."

Es wird Zeit fürs Mittagessen. Am Abgeordneten-Restaurant lotst uns Albrecht großräumig vorbei: "Ich gehe da nie rein. Es ist teuer und elitär-anstrengend, weil da nur Abgeordnete sitzen. Außerdem gibt es für Vegetarier immer nur ein Gericht." Albrecht isst lieber in der Kantine im Untergeschoss des Parlamentsgebäudes für die rund 5.000 "normalen" EU-Mitarbeiter.

Dass die Arbeit des EU-Parlaments für die meisten seiner Bürger ein Buch mit sieben Siegeln ist, würde der Grüne nur zu gerne ändern. Das Problem sei nicht, dass zu wenig Informationen über die Arbeit der Abgeordneten zur Verfügung stünden – so ist etwa jede Sitzung live über die Internetseite der EU zu verfolgen –, "es ist nur keiner da, der das angemessen erklärt."

Es sei anachronistisch, findet er, dass die Medien einzelne Korrespondenten in Brüssel haben, die schauen müssten, mit besonderen Geschichten unterzukommen, "während die gut besetzten Hauptstadtredaktionen sich über die Krawatte von Bundestagspräsident Norbert Lammert auslassen." Auch aus dem Bundestag höre er immer wieder, dass EU-Dokumente direkt ins Altpapier wanderten und sich die Abgeordneten lieber mit scheinbar populäreren Themen zu profilieren versuchten. Während zeitgleich in Brüssel oder Straßburg wichtige Verfahren liefen, die alle EU-Bürger beträfen, ihnen aber nicht nahegebracht würden: "Und von deren Auswirkungen fühlen sie sich dann natürlich überrumpelt."

Jan Philipp Albrecht steht in einem Sitzungssaal des Europäischen Parlaments und liest in einer dicken Tagungsunterlage. Sitzungen gehören zum Arbeitsalltag des Abgeordneten – und die dazugehörige Lektüre. (Foto: Arne Weychardt)

Ein Job, der Spaß macht

Durch die große Halle gehen wir zurück in den Bürotrakt. Im 4. und 5. Stock liegen die Räume der Grünen-Fraktionen aus ganz Europa. Trotzdem sind Braun und Grau die vorherrschenden Farben auf den Fluren, die von Kisten und Kästen gesäumt sind wie mitten in einem Umzug. Albrecht holt sich Unterlagen aus seinem Büro für die gleich beginnende Sitzung der "TiSA Monitoring Group". Dabei geht es um die Verhandlungen über ein Abkommen für den Handel mit Dienstleistungen mit den USA. Streng geheim, die Presse muss draußen bleiben.

Danach bleibt ihm eine knappe Viertelstunde, um zusammen mit Ralf Bendrath zwei Straßen weiter zum Treffen mit einem Vertreter der Generaldirektion Justiz zu gehen. Thema ist die Implementierung der Datenschutzverordnung in Europa, der Vertreter ist neu im Amt, da will Albrecht lieber nicht gleich mit Journalisten im Schlepptau vorbeischauen.

Es ist fast 17 Uhr, als Jan Philipp Albrecht wieder zurück im Büro ist. Gerade rechtzeitig zum Telefoninterview mit dem Bayerischen Rundfunk zum Thema Facebook und WhatsApp. Danach hat er endlich Zeit für seine E-Mails und den aufgelaufenen Bürokram.

Das Erstaunliche: Albrecht wirkt kein bisschen müde. "Ich habe von Anfang an gesagt: Ich will den ganzen Job nur machen, wenn ich auch wirklich Spaß daran habe und das Gefühl, dass es vorangeht", erklärt er seine Motivation. "Mir ist es aber genauso wichtig, weiter Mensch zu bleiben. Dazu gehört es, dass ich mal sage: Hier ist eine Grenze erreicht, ich gehe jetzt nach Hause und mache morgen weiter." Um erfolgreich Politik zu gestalten, dürfe man nicht zur Maschine werden, sondern müsse auch mal zur Ruhe kommen und reflektieren: "Das sorgt für neue Erkenntnisse und schnellere Lösungen."

Der Alltag als EU-Parlamentarier zwischen Brüssel, Straßburg und Wahlkreis sowie Parteiterminen in der Heimat scheint so schon reichlich kompliziert – wie ist es dann erst mit Familie? "Eine Katastrophe", sagt Albrecht seufzend. "Wir haben zumindest das Glück, dass meine Frau auch einen Job in Brüssel gefunden hat – dadurch leben wir dort, wo ich am meisten bin."

Europa braucht die jungen Leute

Und wie versucht er, junge Leute für Europa zu begeistern? "Wenn sie keine Nähe zur Politik haben, dann weil sie keiner mitnimmt und ihnen nicht die Verantwortung gibt, mitzuentscheiden." Junge Menschen sollten immer die Möglichkeit haben, Verantwortung zu übernehmen, Ideen umsetzen und sich auch zutrauen, Positionen oder Einflussmöglichkeiten anzustreben, die sie im Moment noch nicht für realistisch hielten: "Es kann schneller gehen, als man denkt, an eine entscheidende Position zu gelangen."

Die Brexit-Entscheidung habe deutlich gezeigt, dass die populistischen Denkzettelreaktionen vor allem von denjenigen kommen, "die älter sind und sich von der heutigen Welt überrumpelt fühlen." Darum brauchten gerade Europa und die globalen demokratischen Prozesse junge Leute, die sich für ihre eigene Zukunft engagieren. "Die Populisten sagen: Mit der internationalen Ausrichtung geht uns die Souveränität verloren. Doch das Gegenteil ist der Fall", betont Albrecht. "Je mehr man darauf beharrt, dass man am liebsten in seinem eigenen Dorf bleibt und mit allen anderen nichts zu tun haben will, desto weniger wird man seine eigene Zukunft mitentscheiden können."

Was ihn antreibt, lässt sich am besten in diesen drei Sätzen zusammenfassen, die Albrecht irgendwann an diesem Nachmittag sagt: "Die Gründer Europas wollten, dass man Differenzen mit Worten statt mit Waffen austrägt. Ich bin sehr stolz darauf, dass das gelungen ist. Und erschrocken, wie leichtfertig einige Menschen das aufs Spiel setzen wollen."

"Es gibt ein Leben außerhalb der Blase EU-Brüssel"

Lebt es sich nach den Anschlägen anders in Brüssel? "Das ist sehr schwer zu beantworten. Einerseits erschreckt es mich, wie schnell man sich an den Gelben Alarm gewöhnt und daran, dass an unserer Lieblings-Pommesbude jetzt ein Militärfahrzeug steht. Ich habe mein Verhalten nicht groß geändert, und das ist ja auch gut. Aber unser Mantra 'Wir leben weiter wie bisher' stimmt insofern nicht, als wir neue Sicherheitsmaßnahmen eingeführt haben."

Letzte Frage. Warum steht auf seinem Schreibtisch ein Foto der Roten Flora, des autonomen Zentrums im Hamburger Schanzenviertel? Albrecht nimmt das Bild in die Hand: "Es steht für Hamburg und für Unangepasstheit und soll mich daran erinnern, dass es ein Leben außerhalb der Blase EU-Brüssel gibt."

Wir verabschieden uns. Zur Skype-Schalte in ein Kino in Konstanz um 21 Uhr – dort wird die Doku "Democracy – Im Rausch der Daten" gezeigt, in dem er eine wesentliche Rolle spielt – will Albrecht wieder zuhause sein. Das ist nur eine Viertelstunde zu Fuß entfernt und doch eine völlig andere Welt.

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