Zwei Euroscheine wechseln an einer Kasse den Besitzer.
Robert Kneschke/Fotolia

Die Lohneinkommen der Beschäftigten in Deutschland werden bis 2020 steigen. Allerdings wird parallel die Lohnungleichheit zunehmen, denn Geringverdiener, Sozialberufe, Dienstleister und Haushalte mit Kindern profitieren erheblich weniger. An dieser Entwicklung ändert auch das aktuelle staatliche Umverteilungssystem nichts. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit der Prognos AG.

Steigende Löhne heben das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen der Deutschen im Jahr 2020 gegenüber 2012 inflationsbereinigt um 2.200 Euro. Zu dieser Prognose kommen die Studienautoren in einer aufwändigen Simulationsberechnung künftiger Arbeitseinkommen. Grundlage dieser Berechnung sind Vorausschätzungen zu Wirtschafts-, Produktivitäts- und Lohnentwicklungen in Deutschland und eine Analyse der aktuellen Ausgangslage. So wird sich das jährlich verfügbare Einkommen von Beschäftigten, deren Verdienst im oberen Fünftel liegt, im Durchschnitt um real 5.300 Euro erhöhen. Die unteren 20 Prozent können nur mit einem Zuwachs von etwa 750 Euro rechnen.

Lohnzuwächse der Berufsbranchen weichen erheblich voneinander ab

Neu ist das Ende der Lohnzurückhaltung nicht: Schon seit 2010 werden Wachstumsgewinne wieder stärker an die Arbeitnehmer weitergegeben. Die Studie geht davon aus, dass dieser Trend in den kommenden Jahren anhält. Ursachen sind der demographische Wandel und der Fachkräftemangel. Dies hebt die Löhne allerdings nicht in allen Wirtschaftszweigen gleichermaßen, denn entscheidend für die konkrete Lohnentwicklung sind die jeweiligen Produktivitätszuwächse – und die fallen von Branche zu Branche unterschiedlich aus.

Deshalb weichen auch die zu erwartenden Lohnzuwächse in den einzelnen Branchen zum Teil erheblich voneinander ab. So wird das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen im Gesundheits- und Sozialwesen im Jahr 2020 lediglich um 1.050 Euro höher sein als 2012. Die Beschäftigten der chemischen und pharmazeutischen Industrie hingegen können in diesem Zeitraum von einem Anstieg um 6.200 Euro ausgehen.

"Deutschland braucht Wachstum und muss international wettbewerbsfähig sein. Aber gleichzeitig dürfen nicht ganze Einkommensgruppen immer weiter abgehängt werden."

Aart De Geus, Vorsitzender des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung
Während sich einige Branchen künftig über satte Lohnzugewinne freuen dürfen, werden andere weitaus weniger profitieren.

Paare mit Kindern und Alleinerziehende profitieren weniger

Überdurchschnittlich steigen werden die Einkommen in kinderlosen Haushalten: Ein-Personen-Haushalte könnten im Schnitt 2.000 Euro mehr im Jahr zur Verfügung haben als noch 2012, Paare ohne Kinder sogar 2.100 Euro. Paare mit Kindern haben dagegen nur einen Zuwachs von 1.650 Euro und Alleinerziehende von lediglich 1.300 Euro zu erwarten. Eine der Ursachen: Alleinerziehende sind häufig im Einzelhandel sowie im Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigt – Branchen mit langsamer wachsenden Löhnen. Bei den fünf Sektoren mit den höchsten Zuwächsen handelt es sich ausschließlich um solche aus dem verarbeitenden Gewerbe. Die Branchen mit den geringsten prozentualen Anstiegen sind überwiegend im Dienstleistungssektor angesiedelt.

Die Bertelsmann Stiftung sieht in ihrer aktuellen Analyse frühere Studien bestätigt, nach denen sich der Trend zu wachsender Lohnungleichheit in Deutschland in den kommenden Jahren fortsetzen wird.

"Diese Entwicklung ist bedenklich,denn wachsende Ungleichheit beeinträchtigt die Zukunftschancen sowohl der Menschen als auch unserer Wirtschaft und Gesellschaft als ganzes."

Aart De Geus, Vorsitzender des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung

Die große Herausforderung der kommenden Jahre für Politik, Sozialpartner und die gesamte Gesellschaft sei es deshalb, Wege für ein inklusives Wachstum zu finden und die steigende Ungleichheit zu bremsen oder zu verringern, so Aart De Geus, Vorsitzender des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung.

Die komplette Studie finden Sie untenstehend. Zusätzlich gibt es einen Policy Brief, der rechts abrufbar ist.

Publikation

Studie

Einkommensschere wird durch Tarifflucht größer

Die nachlassende Tarifbindung ist Hauptursache der seit Mitte der 1990er Jahre gestiegenen Lohnungleichheit in Deutschland. weiterlesen

Studie

Arbeitsmarkt braucht künftig mehr Einwanderung aus Nicht-EU-Staaten

Deutschland benötigt künftig mehr Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten, um Lücken im Arbeitsmarkt schließen zu können. weiterlesen