Teilnehmer des Bürgerdialoges in Bielefeld sitzen in Stuhlkreisen und diskutieren.
Veit Mette

Mehr Freiheit und Verantwortung, Technologieführerschaft, Meinungsfreiheit, gute Arbeit, Chancengleichheit und Abbau sprachlicher Barrieren: Die Anliegen, die die Teilnehmer der drei Bürgerdialoge in OWL vortrugen, waren so vielfältig wie die Teilnehmer selbst. Ein gutes Leben für alle in Deutschland setzt sich also aus vielen Mosaiksteinen zusammen, einheitliche Antworten und Konzepte nach Schema F kann es da nicht geben. Die Bürgerdialoge 2015 geben der Bundesregierung also schon jetzt einiges an Arbeit auf den Weg.

Im Mai und Juni hatten die Bertelsmann Stiftung und die Initiative für Beschäftigung OWL e.V. auf Bitte des Bundeskanzleramtes Menschen aus unterschiedlichen Gruppen der Region an drei Orte eingeladen, um gemeinsam über ein noch lebenswerteres Deutschland nachzudenken. Die Einladung ging dabei an Gruppen, die sich eher selten an politischen oder gesellschaftlichen Diskursen beteiligen oder beteiligen können. Dazu gehörten Migranten und Menschen mit Behinderung genauso wie Unternehmensrepräsentanten der Region OWL.

Die Ergebnisse der drei Bürgerdialoge werden an die Bundesregierung gegeben. Hier führt eine Expertenkommission alle Ergebnisse der bundesweit 200 Veranstaltungen zusammen und wertet sie aus. Dies fließt in einen Bericht zur Lebensqualität in Deutschland ein. Außerdem will die Bundesregierung noch in dieser Legislaturperiode ein Indikatorensystem und ein Aktionsprogramm zur Verbesserung der Lebensqualität auflegen.

Mehrere Unternehmer sitzen beim ersten Bürgerdialog im Gebäude der Bertelsmann Stiftung in einem Stuhlkreis und diskutieren. Der erste von drei Bürgerdialogen, am 8. Mai 2015 im Gebäude der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. (Foto: Veit Mette)

Unternehmer fordern kulturelle Grundsicherung

Zum Auftakt der Bürgerdialoge in der Region kamen 18 Vertreter ostwestfälischer Unternehmen am 8. Mai in die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Schon hier zeigte sich Vielfalt: Mitinhaber mittelständischer familiengeführter Unternehmen aus dem Einzelhandel und dem Elektronikbereich zählten ebenso zu den Teilnehmern wir Gründer von Internet- und Digitalisierungs-Start-ups und Vertreter des in OWL traditionell starken Maschinen- und Anlagenbaus.

"Wir wissen, dass die Wirtschaft in OWL zu den vielfältigsten, innovativsten und leistungsstärksten im ganzen Land zählt", sagte dann auch Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, in seinen Begrüßungsworten. "Die Wirtschaft ist aber nicht irgendeine anonyme Größe. Nein, es sind konkrete Menschen wie Sie, die diese Wirtschaft ausmachen. Und genau um die geht es in diesem Prozess: um Menschen und ihre Lebenswirklichkeit."

Neben den erwähnten selbstgewählten Themenfeldern Freiheit und Verantwortung, Technologieführerschaft und Meinungsfreiheit konzentrierten sich die teilnehmenden Unternehmer in der Diskussion auf die Bereiche Soziale Sicherheit, Infrastruktur und Kultur und Umwelt.

Als konkrete Maßnahmen forderten die Teilnehmer unter anderem eine bessere Sicherung der Bildungsteilhabe unabhängig vom Einkommen der Eltern, ein soziales Sicherungssystem, das auch Selbständigkeit mitdenkt sowie eine kulturelle Grundsicherung, denn – so einer der Teilnehmer – "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gut sein würde, wenn es in Deutschland nur noch Ingenieure wie uns, aber keine Theater gäbe. Nur durch Vielfalt und im Dialog miteinander können wir Lebensqualität in Deutschland sicher stellen."

Ein Teilnehmer des zweiten Bürgerdialoges in Bielefeld diskutiert mit einigen anderen Teilnehmern. Teilnehmer des zweiten Bürgerdialoges am 13. Juni 2015 in Bielefeld im Gespräch. (Foto: Veit Mette)

Gute Ausbildung soll in gute Arbeit münden

Für die Teilnehmer des zweiten Bürgerdialogs am 13. Juni in Bielefeld standen die Themen Bildung, gute Arbeit, Chancengleichheit und Sprache im Mittelpunkt. Die Bertelsmann Stiftung und die Initiative für Beschäftigung hatten gemeinsam mit dem Verein BAJ Menschen aus OWL eingeladen, die selbst entweder einen Migrationshintergrund haben oder in ihren Berufen mit Migrations- und Integrationsfragen befasst sind: Studierende aus Afrika und China, Vertreter muslimischer Gemeinden, Dozenten für Deutsch als Fremdsprache aus Südosteuropa, die Leiterin einer Bielefelder Berufsschule und den Leiter des International Office einer Universität der Region.

Auch diese Runde trat für eine bessere Sicherung der Bildungsteilhabe ein, in diesem Fall unabhängig von der Herkunft. Zudem müsse das grundsätzliche Bildungsversprechen wieder stark gemacht werden. Eine gute Ausbildung – egal ob beruflich oder akademisch – müsse auch in eine gute Arbeit münden. Dies sei sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft als Ganze wichtig, die ja durch die Ausbildung in die Menschen investiere. In jeder Art von Bildung müsse immer auch ein Praxisbezug klar hergestellt sein. Und der Staat müsse die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stellen. "Gute und individuelle Bildung ist teuer", waren sich die Teilnehmer einig.

Mit Blick auf den Bereich "Arbeit" machte ein Teilnehmer gleich klar: "Es geht dezidiert nicht einfach nur um Arbeit, sondern um gute Arbeit." Gemeinsam konkretisierten die Diskussionsteilnehmer diese Forderung: familienfreundliche Arbeitszeiten, Angebote und Möglichkeiten der Weiterbildung, Wertschätzung jeder Arbeit, Wertschätzung und Nutzung der Diversität, Anerkennung auch nicht formaler Qualifikationen und Vergütungssysteme, die ohne Anschauung der Herkunft und des Geschlechtes sind.

Gruppenbild der Teilnehmer des dritten Bürgerdialoges vor dem Gebäude des Netzwerkes Lippe in Detmold Die Teilnehmer des dritten Bürgerdialoges am 16. Juni 2015 beim Netzwerk Lippe in Detmold. (Foto: Veit Mette)

Chancengerechtigkeit in Beruf, Bildung und Alltag

Beim Netzwerk Lippe in Detmold trafen sich am 16. Juni die Teilnehmer des dritten und letzten Bürgerdialoges. 20 Vertreter und Kunden verschiedener sozialer Träger aus der Region – die AWO, das lippische Haus der Kirche, der Wittekindshof aus Bad Oeynhausen und der Arbeitskreis Recycling aus dem Kreis Herford – waren der Einladung gefolgt.

"Alle Menschen, die arbeiten wollen, sollten Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten – und dies flexibel!" So brachte einer der Teilnehmer das zentrale Anliegen der Runde auf den Punkt – die Verbindung von guter Arbeit und Chancengerechtigkeit. Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmer darüber, wie gerechter und inklusiver Zugang zu Bildungschancen gestaltet werden kann und wie eine funktionierende und verlässliche Verwaltung soziale Träger und ihre Kunden unterstützen kann – auch dies ein Aspekt von Lebensqualität aus Sicht sozialer Träger.

Dass Chancengerechtigkeit auch grundlegende Zugangsmöglichkeiten für alle bedeutet, brachte ein Kunde des Wittekindshofes auf den Punkt: "Wenn ich versuche mit einem Rollstuhl über Kopfstein-Pflaster durch die schöne Altstadt zu fahren, wird es schwierig."

Bis in den Herbst hinein finden in der ganzen Bundesrepublik noch zahlreiche Dialoge statt, an denen sich Bürger beteiligen können. Auch online ist eine Beteiligung am Dialogprozess der Bundesregierung möglich.