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Valeska Achenbach

Text von Dagmar Rosenfeld für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung.
Gekürzte Fassung des Beitrags aus change 3/2014.

Das wissenschaftliche Projekt von Heidi Keller steht unter königlichem Schutz. Zu ihrer ersten Audienz brachte die Professorin Gastgeschenke – Palmöl, Salz, Wein – und die richtigen Worte mit. Worte, mit denen sie Mbinglo II., Herrscher des kamerunischen Stammes der Nso, überzeugte: Er gab Prof. Dr. Heidi Keller die Erlaubnis, das Familienleben seines Volkes zu erforschen. 20 Jahre ist das nun her, seitdem ist Heidi Keller immer wieder nach Kamerun gereist, ist eingetaucht in die hierarchischen, großfamiliären Strukturen, hat beobachtet und gefilmt, wie die Nso ihre Säuglinge und Kleinkinder erziehen.

Kellers Forschungsansatz ist eine Symbiose aus Psychologie, Biologie und Kulturanthropologie. Es geht um den Einfluss von Kultur auf Erziehung, um die Vorstellung von Eltern aus verschiedenen kulturellen und sozialen Milieus, was eine gute Kinderstube ausmacht. Dazu hat die Professorin in Kinderstuben in aller Welt geblickt, sie war in Costa Rica, den USA, der Türkei, in Indien, Griechenland, Israel und in Kamerun.

Als Heidi Keller mit ihrer vergleichenden Kulturforschung bei Babys und Kleinkindern begann, spielte Migration im deutschen Bildungssystem noch keine Rolle. Mittlerweile aber sind Integration und Sprachförderung von Kindern aus Einwandererfamilien zu einer der größten bildungspolitischen Herausforderungen geworden. Die bisherigen Erfolge sind mäßig. Gründe hierfür sind sicherlich fehlende finanzielle Mittel, Personalmangel und die Qualität der pädagogischen Ausbildung, doch könnte die eigentliche Ursache tiefer liegen – in einem grundsätzlichen kulturellen Missverständnis beziehungsweise einem Missverstehen der Kulturen. An diesem Punkt setzen Kellers Studien an. Sie widerlegen den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Mainstream, menschliche Entwicklung sei ein Prozess, der überall auf der Welt mehr oder weniger gleich ablaufe, und Abweichungen als kulturelle Petitessen wertet.

Heidi Keller ist der kulturellen Natur des Menschen auf der Spur, dem Einfluss von Kultur auf Erziehung. Nur, was haben ein afrikanischer Stamm wie die Nso mit Einwandererfamilien in Deutschland, also Türken, Arabern und Russen, gemein?

Befreit man den Kulturbegriff von geografischen Grenzen, dann sind Alltag, Familienleben und Erziehungsideale der Nso so etwas wie ein kultureller Prototyp. Sie stehen für eine hierarchisch strukturierte, großfamiliäre, bäuerliche, formal gering gebildete Gesellschaftsschicht – eben das Milieu, aus dem ein Großteil der Migranten in Deutschland ursprünglich stammt.

Die Nso leben von der Landwirtschaft, der Alltag findet im Freien statt, auf den Feldern und Gehöften. Das Funktionieren der Gemeinschaft ist überlebenswichtig, weshalb ein Kind von klein auf dazu erzogen wird, sich einzufügen. Ein Nso-Sprichwort besagt: „Das Kind gehört der Mutter so lange es im Mutterleib ist, danach ist das ganze Dorf für seine Erziehung zuständig.“

Forschung in der Nso-Familie


 

„Als ich diese Bilder deutschen Müttern gezeigt habe, sind sie fast in Ohnmacht gefallen“, erzählt Heidi Keller. Das liegt nicht nur an dem scharfen Messer in Kinderhänden, sondern auch an den Idealen der westlichen Erziehung. In ihrem Buch „Kinderalltag“ stehen diese Familien für den kulturellen Prototyp des Westens: großstädtisch, formal hohe Bildung, maximal zwei Kinder. Ihr Erziehungsideal ist die Autonomie, denn in der westlichen Kultur steht das Individuum, nicht das Kollektiv im Zentrum. So basiert hier Erziehung vor allem auf kognitivem Training als Bewusstsein für das eigene Selbst. Kinder werden durch verbale Ansprache und durch Spielsachen gefördertDer Dialogcharakter der mütterlichen Ansprache ist typisch für den westlichen Erziehungsstil der psychologischen Autonomie. Schon im Säuglingsalter wird dem Kind die innere Welt erklärt, es geht um seine Gefühle, seinen Willen. Anders als bei den Nso, wo in der Erziehung Sprache der Handlung dient, wird sie im Westen zur Reflexion über Handlungen genutzt.

Während die Nso vor allem die Motorik ihrer Kinder trainieren, trainieren Berliner Mütter die Sprache: Sie benutzen ausschmückende Worte, stellen offene Fragen und animieren Kinder, möglichst viel über sich zu erzählen. Bemerkenswert ist, dass die westliche Erziehungskultur trotz ihrer Zentrierung auf das Kind deutlich weniger Körperkontakt kennt als die der Nso.

Die unterschiedlichen Erziehungsstile wirken sich auch auf die Selbstwahrnehmung aus: Nso-Kinder zeichnen ein anderes Bild von sich selbst als ihre Altersgenossen aus Berlin. Während Letztere sich groß in die Mitte des Blattes malen, mit Augen, Nase, Mund und einem Lächeln im Gesicht, malen sich die Nso deutlich kleiner und lassen ihr Gesicht leer. Plastischer lässt sich die Verschiedenheit der kulturellen Natur kaum darstellen. Das Selbstbewusstsein, die Hervorhebung des Ichs auf der einen Seite, Zurücknahme der eigenen Person und eigener Befindlichkeit auf der anderen.

Was bedeutet das alles nun für die deutsche Lernkultur? „In seiner jetzigen Ausrichtung schafft unser Bildungssystem keine Integration, sondern provoziert Konfrontation“, sagt Heidi Keller. Zwar werde in den Orientierungsplänen der Kitas und Schulen die Akzeptanz kultureller Vielfalt hervorgehoben, doch werde Kultur fälschlicherweise als kleines Extra zur Norm verstanden. Keller hat festgestellt, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, die aus einem ähnlichen Milieu wie die Nso stammen, in deutschen Kitas ständig gezwungen sind, ihre kulturellen Werte in Frage zu stellen. Sie hatten Pflichterfüllung, Bescheidenheit, sich im Hintergrund zu halten gelernt, nicht zu reden, wenn Erwachsene sich unterhalten, und plötzlich werden sie permanent nach ihren Wünschen gefragt, sollen wählen und entscheiden. Oft ziehen sich diese Kinder zurück und verstummen, hin- und hergerissen zwischen den Kulturen, dem Zuhause Gelernten und dem in der Kita Verlangten. Erzieher legen dieses Verhalten – aus Unwissen – meist als Widerwillen aus. Im Elterngespräch kritisieren sie dann, das Kind beteilige sich nicht, stelle keine Fragen, sei immer still. Das wiederum irritiert die Eltern, macht das Kind aus ihrer Sicht doch alles richtig. Eine auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ausgerichtete Pädagogik ist ihnen nun mal fremd.

Kritik am Bildungssystem


 

„Das deutsche Bildungssystem ist elitär, weil es auf die westliche Mittelschicht ausgerichtet ist“, kritisiert Heidi Keller. Es schließe Familien mit Migrationshintergrund ebenso aus wie deutsche Familien aus unteren sozialen Schichten. Denn folgt man der Definition von Kultur als alltägliches Verhalten, dann ist Kultur auch an das soziale Milieu gekoppelt. Deshalb fordert Keller eine Implementierung unterschiedlicher kultureller Modelle in das deutsche Erziehungssystem.

Einen solchen Weg hat Keller in der Osnabrücker Kita „Altes Wasserwerk“ erprobt. Hier ist der Anteil von Kleinkindern mit Migrationshintergrund hoch und sprachliche Bildung ein wichtiges Thema. So wichtig, dass es Extrazeiten und Extraräume für Sprachübungen gab. Doch Sprache lässt sich nicht separieren, sie ist Alltag und Alltag ist Kultur, weshalb Kellers Methode die unterschiedlichen Kulturen vernetzt. Die Kinder werden durch offene Fragen und ausschmückende Sprache animiert zu erzählen – und zwar nicht zu festgelegten Übungszeiten, sondern im Kita-Alltag. Gesprochen wird aber nicht über individuell Erlebtes, sondern über das soziale Umfeld. „Welche Wurst gab es heute Morgen zum Frühstück?“ anstatt „Wie hat dir die Wurst geschmeckt?“ So werden alle Kinder eingebunden und sprachliche Eloquenz sowie soziale Kompetenz gefördert. Die Kinder mit Migrationshintergrund beteiligen sich am Gespräch, weil sie nicht ihre Person zum Thema machen müssen, und die anderen lernen zu erzählen, ohne stets über sich selbst zu sprechen.

Multikulti in pädagogischen Leitlinien gutzuheißen ist nur Theorie, andere Kulturen zu verstehen und in den Kita-Alltag einzubauen gelebte Praxis. Die ist nicht kompliziert, vor allem nötig sind nur Information und Schulung der Fachkräfte. Heidi Kellers Forschung, in ihrer multikulturellen und zeitlichen Intensität in Deutschland bisher einzigartig, ist ein Anfang. Nicht mehr und nicht weniger.