change Magazin der Bertelsmann Stiftung: Digitales Lernen

Text von Jens Poggenpol für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung.
Gekürzte Fassung des Beitrags aus change 3/2014.

Dass er in wenigen Jahren mit Menschen aus aller Welt Apollo 13 retten würde, konnte Jörn Loviscach nicht ahnen, als er im Frühjahr 2009 an der FH Bielefeld seine erste Vorlesung als Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik hielt. Einige Studenten beklagten Terminkonflikte mit anderen Vorlesungen, der Stundenplan ließ eigentlich keine Lücke. Gab es trotzdem einen Weg, ihnen den Stoff nahezubringen?

Loviscach recherchierte einen Tag lang, dann kaufte er sich für 200 Euro einen gebrauchten Tablet-PC, richtete sich auf der Online-Plattform „YouTube“ einen Video-Kanal ein und begann seine Vorlesung aufzunehmen. „Begeisterungsstürme unter den Studenten habe ich dafür nicht geerntet“, erinnert sich Loviscach mit einem Schmunzeln. Umso euphorischer reagierte die Netzgemeinde. Und er antwortete mit immer mehr Videos. Um die 2.600 sind es bis heute, knapp 38.000 Menschen haben seinen Kanal abonniert, über 14 Millionen Mal wurden die Videos angeklickt.

Kein Wunder, dass 2012 die US-amerikanische Online-Akademie Udacity auf die „German Math Teaching Sensation“ aufmerksam wurde und Loviscach ein professionelleres Umfeld bot. Insbesondere in den USA glauben viele, dass man mit solchen Methoden auch die Hochschulbildung retten kann. Das Zauberwort lautet MOOC. Die Abkürzung steht für „Massive Open Online Course“, und was der Begriff verspricht, ist nicht weniger als eine Demokratisierung der Bildung:

Eine Utopie aus dem technikoptimistischen Geist Kaliforniens, mag man denken, und tatsächlich waren zwei Institutionen aus und rund um das Silicon Valley am publikumswirksamen Durchbruch der MOOCs beteiligt. 2011 nämlich bot Sebastian Thrun, Professor an der Universität Stanford und Leiter der Forschungsabteilung von Google, einen Kurs über Künstliche Intelligenz als MOOC an. 160.000 Teilnehmer meldeten sich an – bald darauf gründete Thrun Udacity. Weitere Ivy-League-Universitäten zogen nach, die New York Times erkor 2012 zum „Year of the Mooc“, und ein Jahr später brachte „Die Zeit“ das Bildungsversprechen so auf den Punkt: „Harvard für alle Welt“.

"Wer hat, dem wird gegeben"

Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik

Quantitativ ist an dieser Behauptung durchaus etwas dran. Coursera, der weltweit größte MOOC-Anbieter, meldet mehr als neun Millionen eingetragene Studenten aus 190 Ländern, und jeder dritte Student in den USA soll schon einmal einen Online-Kurs belegt haben. Gleichzeitig aber ist der Hype einem differenzierteren Blick gerade auf die amerikanischen Verhältnisse gewichen. Denn die Kehrseite der Kostenlos-Kultur ist der horrende Schuldenberg in Höhe von mehr als einer Billion US-Dollar, zu dem sich die Studienkredite von US-Studenten auftürmen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Online-Kurse weniger als Luxusgut denn als Notlösung. Zumindest eines können sie nicht ersetzen: den Zugang zu exklusiven Netzwerken – und gerade der ist es schließlich, der die horrenden Gebühren an den Eliteuniversitäten dennoch als lohnende Investition erscheinen lässt. Die wohl schwerwiegendste Kritik indes betrifft die behauptete Demokratisierung. Denn die Fälle indischer Computergenies, die nur mit Laptop und Internetanschluss Top-Abschlüsse erreichen, mögen publicitywirksam sein, die Mehrheit der Online-Absolventen jedoch stammt aus Kreisen, die materiell, finanziell und kulturell schon einen Zugang zu Bildung haben.

Gleichwohl: Ein Zurück zum analogen Zeitalter wird es nicht geben. Die daran anschließende Frage ist nur, wie sich technische Möglichkeiten am sinnvollsten einbinden lassen, wie Hans Pongratz, Geschäftsführender Vizepräsident IT-Systeme & Dienstleistungen der TU München, betont: „Digitale Lernangebote nehmen bereits heute einen wichtigen Stellenwert ein, vor allem das ‚Blended Learning‘, also die Kombination von Online- und Präsenzphasen. MOOCs sehen wir als spannende Ergänzung, digitale Visitenkarte und Lehrbuch der Zukunft – als neuer Kanal zu unseren Studierenden, aber auch, um neue Zielgruppen und neue Formate zu testen.“

Niedrige Abbrecherquoten

Goldene Zeiten für Experimentierfreude und Neugierige, sollte man meinen. Doch genau an den neuen Formaten hapert es derzeit noch. Stattdessen beschränken sich viele Online-Angebote auf abgefilmte Vorlesungen. Doch auch in Deutschland gibt es andere, mutige Wege. Wie zeitgemäße MOOCs aussehen, zeigt zum Beispiel das Hasso-Plattner-Institut (HPI) aus Potsdam. Zu Wochenbeginn wird den Teilnehmern ein eigens produziertes Lehrvideo angeboten, das mit weiterführendem Lesestoff, interaktiven Selbsttests und Hausaufgaben ergänzt wird. Kombiniert sind die Angebote mit einer sozialen Diskussionsplattform. Im besten Fall schafft es jeder Vierte bis zum Zertifikat – für MOOCs ein enorm hoher Wert.

Chance für Unternehmen

Nur logisch, dass die digitalen Möglichkeiten immer mehr für eine stärkere Individualisierung der Lehrangebote genutzt werden.Doch zeitgemäße Technik, individuelle Angebote und eine intensive Betreuung haben ihren Preis: Selbst ein einfacher Online-Kurs ist kaum unter 15.000 Euro zu realisieren, auch 50.000 Euro sind schnell ausgegeben. So eindrucksvoll die akademischen Leistungsschauen auch sind – welches Geschäftsmodell sich am Ende durchsetzen wird, ist völlig offen. Und vor allem: Wer wird bereit sein, dafür zu zahlen?

Eine Antwort darauf lautet: Unternehmen. Jedenfalls in Deutschland ist zu beobachten, dass vor dem Hintergrund des demographischen Wandels vor allem die betriebliche Aus- und Weiterbildung durch die Digitalisierung einen zusätzlichen Schub erlebt. Schöne neue digitale Welt? Jörn Loviscach bleibt skeptisch. „Wir müssten nicht nur großartige Dinge bauen, sondern uns über den Sinn klar werden“, findet er. Und der Sinn, der stecke in der Antwort auf eine ganz einfache, ganz große Frage: „Was ist das: Bildung?“ Klingt wie der Titel eines MOOCs.