Drei junge Mädchen schälen lachend Obst in einer KiTa
Bernd Jonkmanns/laif

Text von Maren Langenbach für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung.
Gekürzte Fassung des Beitrags aus change 3/2014.

„Orangen haben viele Vitamine“, sagt Anna. „Und die Kerne von Wassermelonen sind so klein, die kann man mitessen“, weiß Ben. Es ist 12 Uhr und die Kinder der Schildkröten-Gruppe der Hamburger Kita „Lada 18“ sind gerade für den Mittagskreis zusammengekommen. Gemeinsam mit Erzieherin Denisé Haertel und Kitaleiterin Renate Tollkühn sitzen sie auf dem Spielteppich. An den Wänden hängen bunte Bilder, auf denen sich die Kinder selber gemalt haben. Sie gehören zum Thema „Mein Körper“, dem aktuellen Projekt der Einrichtung. „Heute wollen wir noch etwas über unseren Körper lernen“, erklärt Erzieherin Denisé, während sie einen Plastikkoffer mit bunten Karten öffnet. Nach und nach ordnen die Mädchen und Jungen Karten mit Würstchen, Fisch, Gummibärchen, Äpfeln, Müsli oder Karotten einem lachenden oder einem grimmigen Smiley zu. Und rasch wird klar, dass gesunde Ernährung für sie längst „ein alter Hut“ ist. „Das Elternhaus prägt das Essverhalten der Kinder“, sagt Renate Tollkühn, Leiterin des „Früchtchen e. V.

Einmal Fisch, einmal Fleisch, sonst vegetarisch lautet der wöchentliche Menüplan. Dazu gibt es Reis, Kartoffeln oder Nudeln plus Gemüse oder Salat. Und zum Nachtisch Joghurt, Rohkost oder Obst. Die Gerichte sind saisonal, die Zutaten kommen von regionalen Anbietern. Gerade hat Stefan von nebenan das Essen geliefert. Gemüseeintopf. Stefan Herrmann ist Fahrer bei der „Kinderküche Hamburg“, einer Kochschule für Kinder, in der die Diplom-Ökotrophologinnen Miriam Lucke-Hoffmeier und Simone Johanning themenbezogene Kochkurse anbieten.

Nur in jeder dritten Kita werden anerkannte Qualitätsstandards berücksichtigt

Geliefert wird das Essen im so genannten „Cook and hold“-System, also kochen und warmhalten. Laut der aktuellen repräsentativen Studie „Is(s)t KiTa gut?“ der Bertelsmann Stiftung nutzen über die Hälfte der befragten Kitas diese Art der Verpflegung. Die Studie stellt die aktuelle Verpflegungssituation in deutschen Kindertagesstätten dar. Bundesweit beantworteten 1.082 Kitas Fragen wie: „Wo essen die Kinder?“, „Wie sieht das Speisenangebot aus?“ oder „Kocht die Kita selber oder wird das Essen geliefert?“. Das Ergebnis: Nur in jeder dritten Kita werden anerkannte Qualitätsstandards, wie zum Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE), berücksichtigt. Die Empfehlung der DGE: An 20 Verpflegungstagen  sollte Gemüse auf dem Speiseplan stehen, davon an mindestens acht Tagen in Form von Rohkost oder Salat. Genauso Obst, das ebenfalls achtmal in 20 Tagen auf den Tisch kommen sollte. Fleisch oder Wurst hingegen, so die Forderung der DGE, sollten die Kinder höchstens achtmal in dieser Zeitspanne angeboten bekommen. Die Auswertung der Fragebögen zeigte jedoch, dass Obst und Gemüse viel zu selten angeboten wird, Fleisch oder Wurst dafür aber häufig auf dem Speiseplan steht.

Dass ihr Eintopf vegetarisch ist, stört niemanden. Im Gegenteil – die Kinder hauen ordentlich rein. Die Eltern schätzen das Ernährungskonzept: „Als ehemaliger Leistungssportler weiß ich, wie elementar eine vollwertige Ernährung ist“, sagt Jens Klug, Vater der dreijährigen Fritzi. 2,86 Euro kostet die Einrichtung das Essen pro Kind. Damit liegt sie etwas über dem bundesweiten Mittelwert von 2,40 Euro.

Auch die Krippenkinder der „Sillem 36“ essen alle gemeinsam. Fleisch oder Wurst stehen mittags bei ihnen aber nie auf dem Menüplan. Einmal die Woche Fisch, sonst bekommen die 15 Mädchen und Jungen vegetarische Kost. „Curryfisch mit Eisbergsalat und Wildreis“ gab es heute – ein Essen für die Kleinen, die zwischen einem und zweieinhalb Jahren sind? „Ja, denn wir kochen ausschließlich Essen für Kinder und achten daher sehr darauf, dass Gewürze sparsam eingesetzt werden. Daher ist unser Essen auch für Krippenkinder gut geeignet“, sagt Angela Groß, Vertriebsleiterin bei der „Porschke GmbH“, die die „Sillem 36“ mit Essen beliefert.

Aber darf man kleine Kinder überhaupt schon vegetarisch ernähren? Fehlen ihnen damit nicht Nährstoffe, die für ihre Entwicklung wichtig sind? „Grundsätzlich ist eine vegetarische Ernährung kein Problem für kleine Kinder, wenn auf die Zusammensetzung der Gerichte geachtet wird“, betont Prof. Dr. Ulrike Arens-Azevêdo, Ernährungswissenschaftlerin, Vizepräsidentin der DGE und eine der drei Autorinnen der Studie. „So sind etwa Hülsenfrüchte wie Linsen sehr gut geeignet, auch Tofu liefert nennenswerte Mengen an Mineralstoffen. Die Fettmengen bei dieser Verpflegung sind vermutlich geringer als bei üblicher Kost, die Fettqualität aber in jedem Fall besser, als wenn es häufiger Fleisch gäbe.“

Kinderküche in der KiTa, wo die Kinder Ihr Mittag essen selbst zubereiten - im Vordergrund rechts Jannis, links Deniz Can In der Kinderküche der KiTa Löwenherz machen Jannis (rechts) und Deniz Can (links) ihr Mittagessen selbst. Heute gibt es Gnocchi!

Gesunde Ernährung muss gelebt werden

Auf die Qualität der Gerichte achtet auch das Team der Kita „Löwenherz“ in Schnelsen. Geleitet von Annette Höser, geht die Einrichtung aber noch einen Schritt weiter: Die Kinder kochen selbst. Seit Anfang des Jahres leistet sich die Kita den Luxus einer eigenen Kinderküche, in der Ernährungsberaterin Anja Küver täglich mit einer der fünf Gruppen kocht. Denn gesunde Ernährung muss gelebt und erlebt werden. Die Vorschulkinder Jannis, Deniz, Sofia, Lina und Aleyna sind eifrig bei der Sache. Spinatgnocchi mit Tomatensoße und Obstspießen soll es geben. Dafür müssen sie erst einmal Kartoffeln schälen. Jannis und Deniz schneiden mit dem Sparschäler, während die Mädchen kleine Küchenmesser zur Hand nehmen. Die Rechnung geht auf, betont Kitaleitung Annette Höser: „Die Kinderküche ist fest etabliert, und alle haben Freude an ihr und den Lebensmitteln. Viele Kinder sind freier im Umgang mit den Utensilien geworden, die Eltern empfinden es genauso.“

Und wie bewertet die Expertin die Speisepläne der drei Hamburger Kindertagesstätten? Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Arens-Azevêdo zieht für alle drei ein positives Fazit. „Verglichen mit dem Rest der Republik sieht es hier doch recht gut aus.“ Gemüse, Salat und Obst könnten noch öfter in den Menüplan integriert werden. Auch beim Thema Fisch sieht die Expertin noch Verbesserungspotenzial. Dass in der Kita „Löwenherz“ die Kinder zum Teil selber kochen, sieht sie als „durchaus innovativ“. „Hierbei sollte aber nicht nur das Erlernen einfacher Kochvorgänge, sondern auch einschlägiger Hygienemaßnahmen eingeübt werden“, betont Arens-Azevêdo.

In allen Punkten erfüllt das Essen der „Porschke GmbH“, die die Krippe „Sillem 36“ mit vegetarischer Kost beliefert, die Vorgaben der DGE. Es gibt täglich Rohkost oder Salat, einmal die Woche Fisch und täglich eine Kohlenhydratkomponente, die abwechselt zwischen Reis, Nudeln oder Kartoffeln. Noch in diesem Jahr wird es eine Neuerung in der Darstellung der Speisepläne geben, an die sich alle Caterer halten müssen: „Ab Dezember ist die Kennzeichnung der 14 Hauptallergene verpflichtend, das sollte dann auch auf allen Speiseplänen vorhanden sein.“