Sänger bei Atemübungen stehend und verteilt in einem Raum.
Valeska Achenbach

Text von Tanja Breukelchen für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Beitrag aus change 4/2014.

Der Sänger macht seine Karriere, nicht der Agent. Aber ein guter  Agent ist jemand, der Ihre Probleme löst“, sagt Boris Orlob und lächelt in die Runde. Vor dem Geschäftsführer der Berliner Künstler-Agentur „Boris Orlob Management“ sitzen zwölf junge Menschen. Sie kommen aus Mexiko und Rumänien, aus Deutschland und den USA, aus Kanada und Italien, aus Georgien und Korea, aus der Slowakei, Brasilien und Litauen. Und sie alle haben einen Traum: den Traum von einer großen Gesangskarriere. 

Die wichtigsten Schritte dahin haben sie bereits getan. Gesangsstudium, große Wettbewerbe, Opernstudio, erste Engagements. Über den internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ der Bertelsmann Stiftung, den sie zwar alle nicht gewonnen haben, bei dem sie aber als äußerst begabte Nachwuchssänger aufgefallen sind, haben sie es zum diesjährigen Meisterkurs nach Gütersloh geschafft. Eine ganze Woche lang bekamen sie die Möglichkeit, mit internationalen Größen der Oper zu arbeiten: der amerikanischen Sopranistin Cheryl Studer, dem mexikanischen Tenor Francisco Araiza, dem Dirigenten und Opernregisseur Gustav Kuhn, dem Bewegungstrainer John Norris und dem Agenten Boris Orlob.  

„Wie soll man damit umgehen, wenn Kritiker mehr über meine Schuhe als über meine Stimme schreiben?“, fragt Rihab  Chaieb. Die 27-jährige Mezzo-Sopranistin hat in Montreal, am Franz-Schubert-Institut in Baden bei Wien, in Edmonton und Tel Aviv studiert, war dann Mitglied des Canadian Opera Company Ensemble Studio in Toronto und stand diesen Sommer auch beim Glyndebourne Festival auf der Bühne. „Und wie stehen die Chancen für ausländische Sänger in Deutschland?“, möchte sie noch wissen. Boris Orlob holt aus, erzählt davon, wie Opernsänger in der Öffentlichkeit und von den Medien wahrgenommen werden. Vom Opernbetrieb, von der Schnelllebigkeit, die immer extremer wird. Von kleinen Budgets. Und vom Internet, das so vieles verändert hat: „Stellen Sie nur die besten Filme von sich auf YouTube, denn was einmal im Netz ist, das bleibt – und die Leute an den Opernhäusern sind gut darin, die schlechtesten Informationen zu finden“, sagt er. Und außerdem: „Seien Sie vorsichtig mit sozialen Netzwerken. Es soll schon Leute gegeben haben, die in Bayreuth saßen und twitterten: ‚Doofe Stimmen, das kann ich besser‘ und nicht darüber nachgedacht haben, fünf Jahre später selber bei Katharina Wagner im Vorstellungsgespräch zu sitzen …“

Tipps für den Berufsstart

Doch nicht nur das Internet verändert die Opernwelt. Auch knappe Budgets sind ein Thema. Ganz besonders dann, wenn es um die ersten Engagements junger Sänger geht. „Da gibt es große Unterschiede an den Opernstudios, auch was die Bezahlung betrifft.“ Was Rihab Chaiebs Frage nach den Chancen betrifft, ist er sich sicher, dass die für internationale Sänger in Deutschland exzellent sind, aber: „Lernt Deutsch, gerade an kleinen Häusern kann man nicht verlangen, dass jeder fließend Englisch spricht.“

Die vielen Ratschläge sind wichtig, denn die jungen Künstler werden beim Start ins Berufsleben mit der Realität auf dem Sängermarkt konfrontiert. Allein im Wintersemester 2012/13 waren in Studiengängen für Musikberufe an deutschen Hochschulen laut Berechnungen des Deutschen Musikinformationszentrums für den Fachbereich Musik rund 32.000 Studierende eingeschrieben, über die Hälfte davon an einer der 24 staatlichen Musikhochschulen. Die Zahl der Studierenden im Bereich Gesang hatte sich mit 1.537 Studierenden im Vergleich der letzten zehn Jahre um mehr als 50 Prozent gesteigert. Gleichzeitig hatte es einen deutlichen Zuwachs an erwerbstätigen Sängern gegeben, die bei den freiberuflichen Sängern mit einer Steigerung von 107 Prozent besonders hoch war. Allerdings: Auch die Zahl der Arbeitssuchenden ist laut Bundesagentur für Arbeit im Bereich der Musik-, Gesang- und Dirigententätigkeiten im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, die Anzahl von freien Arbeitsstellen aber um 32 Prozent gesunken.

Das Wesen des Sängers

Wer es also im Opern-Business schaffen möchte, muss die richtigen Entscheidungen treffen, die richtigen Kontakte knüpfen und den richtigen Menschen vertrauen. "Ein Sänger, der von einer Hochschule in den Opernbetrieb kommt, wird da häufig alleingelassen. Er hat zwar eine Ahnung vom Singen und womöglich auch schon ein paar Hochschulproduktionen gemacht, aber das richtig professionelle Arbeiten konnte er noch gar nicht lernen. Nur: Das kann er am Theater auch nicht lernen, denn das möchte auf Anhieb jemanden haben, der, überspitzt gesagt, 25 Jahre ist und 15 Jahre Berufserfahrung hat", erklärt der Regisseur Andreas Leisner, der bei den diesjährigen Tiroler Winterfestspielen Erl erstmalig auch am Dirigentenpult des Orchesters stehen wird und die Neuproduktion von Verdis "Nabucco" inszenierte. "Eigentlich bräuchte jeder Sänger einen brutalen Realitätscheck. Aber das ist ja nicht das Wesen des Sängers, denn der Sänger ist Sänger, weil er eine Stimme hat. Und er hat eine Seele. Und die muss mit der Stimme im Einklang sein.."  

Ein guter Manager kann helfen, damit sich Sänger weiterhin ganz auf diese Seele, diese Stimme konzentrieren können, denn "unser Beruf darf nie nur Business werden", betont Cheryl Studer. Die Preisträgerin unter anderem des Furtwängler-Preises, des Prix Maria Callas, des Franz-Schubert-Institut-Preises für Liedgestaltung und zweifache Grammy-Gewinnerin wirkte an über 100 Platten-/CD-Einspielungen und Videoproduktionen mit, ist auch als Regisseurin tätig und hat seit 2003 eine Professur an der Hochschule für Musik Würzburg im Hauptfach Gesang inne. "Man muss als Künstler lernen, mit diesem Business umzugehen. Aber man darf die Werte, die schon jahrhundertelang Tradition waren, nie vergessen oder liegen lassen. Sonst wäre man verloren. Sonst gäbe es eigentlich auch gar keinen Grund, Opernsänger zu werden."

Wenn ein junger Sänger zu früh zu schwere Rollen annimmt, kann das seiner Stimme schaden. Es kann aber auch der einzige Weg sein, die Miete bezahlen zu können. Und wenn ein junges Talent sich irgendwann sehr über das Aussehen definiert, kann das eine Antwort auf den Jugendwahn sein, der an manch einem Haus herrscht."Egal, welche Entscheidung ein junger Sänger trifft, wichtig ist, dass er um die Konsequenzen weiß und damit leben kann", erklärt Studer. "Alle gesunden Sänger denken nicht an Business. Sie singen, weil sie den Gesang lieben. Für sie ist es eine Berufung, sonst würde man auch gar nicht freiwillig so viele Opfer bringen. Die Sensibilität, die Verwundbarkeit, ist genau das, was sie interessant macht."

Cheryl Studer hebt zum Singen die Arme. Cheryl Studer trainierte die jungen Operntalente beim Meisterkurs NEUE STIMMEN 2014.

Sie selber habe ganz am Anfang ihrer Karriere eine junge Kollegin getroffen, die ihr dazu geraten habe, sich eine dickere Haut zuzulegen. Und immer wieder habe sie sich später die Frage gestellt, ob das besser gewesen wäre: "Und immer war meine Antwort: Sie hat Unrecht. Denn wenn ich mir eine dickere Haut anschaffe und auf der Bühne stehe, dann bin ich nicht mehr die Liebende und auch nicht mehr die Leidende. Ich hätte diese Verletzbarkeit verloren. Und gerade im Sopranfach muss ich freiwillig verletzbar sein. Sonst wäre ich kein Sopran mehr." Ihren Studenten sei es vielfach gar nicht bewusst, was später auf sie zukomme. "Sie müssen dann 'schlauen' Menschen vertrauen."  

Einem wie Boris Orlob zum Beispiel, der auch nach seinem Vortrag viel Zeit findet, die jungen Talente in Einzelgesprächen zu beraten. Etwa den US-amerikanischen Tenor Jonathan Winell (30), der 2013 an den Vorauswahlen der "Neuen Stimmen" teilnahm und seit der Spielzeit 2013/14 Stipendiat der Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung am Internationalen Opernstudio der Staatsoper Berlin ist: "Für mich war das sehr aufschlussreich. Natürlich sucht man immer nach guten Ideen für die eigene Karriere. Ich möchte in den nächsten Jahren möglichst viele Erfahrungen sammeln. In Deutschland zu singen ist ein guter Weg, denn hier ist Oper ein wichtiger Teil der Kultur. Nirgendwo sonst gibt es so viele Opernhäuser." Und die deutsche Sopranistin Raffaela Lintl (25), die es im vergangenen Jahr bei den "Neuen Stimmen" bis in die Endrunde nach Gütersloh schaffte, erklärt: "Ich hab Herrn Orlob ganz persönlich gefragt, welches Repertoire für meine Stimme jetzt gerade gut wäre, wie ich mich am besten entwickle und wie und mit welchem Repertoire ich an Theatern anfangen kann. Er riet mir natürlich erst einmal zu den kleinen Rollen und sagte, wenn man an großen Häusern die kleinen Rollen singt, kann man bei den Stars zuschauen, von ihnen lernen und sich nach und nach weiterentwickeln."

Eine Flut von Anfragen

Bevor er zurück nach Berlin fährt, erkundigt sich Boris Orlob beim Team der "Neuen Stimmen" noch, wo er Mitschnitte von Auftritten der jungen Talente sehen kann. Echtes Interesse also, denn eines ist ihm bewusst: Wer es zum Meisterkurs der "Neuen Stimmen" schafft, an den kann man glauben. "Ich bekomme jeden Tag rund fünf Blindbewerbungen. Aus diesem Haufen muss man als Sänger irgendwie rauskommen. Ich hab ja nicht die Zeit, alle diese Leute zu sichten, denn ich muss mich in erster Linie um die Künstler kümmern, die ich als Agent bereits betreue", erklärt Orlob. "Wenn mir jemand, den ich kenne und dem ich vertraue, schreibt, sie oder er findet jemanden gut, dann gehe ich dieser Sache natürlich eher nach."