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Enno Kapitza

Text von Anna Butterbrod für change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Gekürzte fassung des Beitrags aus change 4/2014.

Bürgermeisterin Annika Popp Leupoldsgrün – das Dorf als Familie

Grasgrün ist ihr Schlüsselband aus dickem Filz. In weißen Druckbuchstaben steht darauf: Heimat. Bei Annika Popp ist das keine Floskel. Dieser Begriff passt zu ihr wie kein anderer. Vor über 200 Jahren ließ sich ihre Familie im oberfränkischen Leupoldsgrün bei Hof nieder. Heute ein idyllisches kleines Örtchen mit Kirchenzwiebelturm, viel Grün drum herum und einem großen Problem: Die Einwohnerzahl nimmt stetig ab, liegt momentan bei 1.231. Die Grundschule wurde längst geschlossen, statt wie früher vier Gastwirtschaften gibt es nur noch eine.  

Genau darum ist Annika Popp das Beste, was Leupoldsgrün passieren konnte. Seit dem 1. Mai 2014 ist sie hier Bürgermeisterin, mit 27 Jahren die jüngste Bayerns – und zuständig für einen Jahreshaushalt von 2,9 Millionen Euro. Vorher unterrichtete sie an einer Realschule Deutsch und Geschichte. Im Wahlkampf setzte die hübsche Frau mit braunem Bob und blauen Augen unkonventionelle Waffen ein. Zum Beispiel 600 Gläser selbst eingemachte und eigenhändig verteilte „Bürgermeisterinnen-Marmelade“ (Geschmacksrichtung: Beeren-Mix). Ihre Zielsetzung: neue Einwohner anwerben und allen, die hier wohnen, das Leben so angenehm wie möglich machen, damit sie ja nicht wegziehen. Annika Popp hat schon viel erreicht. Ab nächstem Frühjahr gibt es das erste Mal seit 15 Jahren einen Allgemeinarzt in Leupoldsgrün. „Damit hatte niemand mehr gerechnet“, sagt ihre Großmutter Anneliese (76) stolz. „Aufs Land will ja eigentlich keiner mehr.“ Doch die neue Bürgermeisterin schaltete eine Zeitungsannonce und schrieb so lange Praxen im Umland an, bis sie eine Zusage hatte. Sie setzt sich außerdem dafür ein, dass neben dem neuen Feuerwehrhaus eine Skaterbahn entsteht, lässt für jeden frisch geborenen Leupoldsgrüner ein Namenskissen anfertigen und startete einen Fotowettbewerb, bei dem die Einwohner ihre Heimat zeigen sollen. Die Gewinnerbilder erscheinen 2016 in einem werbewirksamen Kalender.  

Ihren Bürgermeisterinnen-Job macht Annika Popp ehrenamtlich, in Bayern ist das bei den meisten Gemeinden unter 3.000 Einwohnern so. Für die durchschnittlich 35 Arbeitsstunden pro Woche erhält sie eine Aufwandsentschädigung. Zusätzlich hat Popp einen Halbtagsjob bei der Volkshochschule im Landkreis Hof: Als „Zukunftscoach“ kümmert sie sich um Projekte, die die Wirtschaft in der Region stärken. „Die Kontakte, die ich dort knüpfe, kann ich auch als Bürgermeisterin nutzen“, erklärt sie. In Leupoldsgrün duzt Annika Popp schon fast alle. „Das Dorf ist meine große Familie.“

Bürgermeister Michael Salomo Haßmersheim – Frischer Wind tut gut

Arbeiten war an seinem ersten Arbeitstag unmöglich: 133 Interviews gab Michael Salomo am 13. Januar 2014, zahlreiche Zeitungsjournalisten und sieben TV-Teams waren extra nach Haßmersheim gereist. Alle wollten den jüngsten Bürgermeister Deutschlands ins Verhör nehmen. Kann der diesen Job mit 25 überhaupt?  

Zehn Monate später hat sich diese Frage erübrigt. Wenn Salomo mit seinem schwarzen Mercedes durch das 5.000-Seelen-Dorf nördlich von Stuttgart kurvt, winken ihm die Einwohner höchst zufrieden zu. Bei vielen hält er an, für eine Spontan-Sprechstunde durchs geöffnete Autofenster. Der inzwischen 26-Jährige verrät seine Erfolgsmaxime: „Man muss sich im richtigen Moment Zeit nehmen und zuhören.“ Auch um zwei Uhr nachts. Einige Bürger klingelten bereits um diese Zeit an Salomos Haus Sturm – wegen eines Stromausfalls! Eigentlich nicht Bürgermeistersache. Trotzdem rief er sofort beim Energieversorger an und kümmerte sich darum, dass es wenig später wieder Licht wurde.  

Salomo besuchte jeden Haßmersheimer Haushalt persönlich und fragte, wo in der Gemeinde die Schuhe drücken. Seine stellte er dabei vor der Haustür ab. Das gab Sympathiepunkte, die der gebürtige Allgäuer dringend nötig hatte. Schließlich kandidierte er als Fremder in dem urigen Schifferort am Neckar. Salomo hatte vorher als Rettungssanitäter beim Verfassungsschutz und zuletzt als Zollbeamter in Stuttgart gearbeitet. Der dortige Bürgermeister und SPD-Kollege weckte Anfang 2013 die Wahlkampf-Idee in ihm, schließlich sei er „perfekt für den Job“. Dank Salomo wird im Januar 2015 ein Jugendgemeinderat gewählt, er spricht mit einem Investor über eine Pflegeeinrichtung mit 50 Betten und stößt gerade einen Gemeindeentwicklungsplan an. „Bei einer Versammlung können die Bürger ihre Wünsche äußern. Alle sollen aktiv an der Zukunftsplanung teilnehmen. Das gab’s noch nie!“, sagt Karin Ernst. Salomo hat viel vor mit Haßmersheim. Aber er weiß inzwischen auch, dass er nicht alles auf einmal schaffen kann. „Ich muss die Balance finden.“ Dabei hilft ihm sein Lebensgefährte Simon Kienzle (22), der eine Ausbildung zum Krankenpfleger macht und abends beim Kochen die Pfanne unter Kontrolle behält. „Zu Hause kann ich auch mal die Verantwortung abgeben“, erklärt Salomo lächelnd. Zumindest so lange, bis was anbrennt.

Bürgermeister Daniel Zimmermann Monheim – Anstrengend aber schön

Der Superheld von Monheim trägt Wollpulli und Jeans. Daniel Zimmermann ist 32 und hat gerade seine Heimatstadt am Rhein von 120 Millionen Euro Schulden befreit. Im Mai 2014 wurde er zum zweiten Mal ihr Bürgermeister – mit sagenhaften 94,6 Prozent der Stimmen! „Dabei fing alles mal als Jux an“, verrät Zimmermann. Im Alter von 16 gründete er zusammen mit vier Schulfreunden eine Partei. Dahinter steckten keine politischen Ambitionen, es war mehr ein Experiment. Die Partei nannten sie Peto (lat. „Ich fordere“). Über ihr Programm dachten sie erst gezwungenermaßen nach, als die Kommunalwahl näher rückte. Sie verlangten damals günstigere Bustickets für Jugendliche, einen Radweg durch die Fußgängerzone – und zogen gleich mit zwei Vertretern in den Stadtrat ein. „Damit hatten wir nie gerechnet“, so Zimmermann. Inzwischen kommen 26 der 40 Ratsmitglieder von der Peto. Ihr Durchschnittsalter: 25.

Die Peto gibt es nur im 41.000 Einwohner zählenden Monheim, nicht im Landes- oder Bundestag. „Wir identifizieren uns mit der Stadt“, betont Zimmermann, der in Monheim aufgewachsen ist. Als er 2009 zum ersten Mal gewählt wurde, war er der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Zimmermann hat erreicht, dass Monheimer Eltern seit Januar 2014 für die Betreuung von Kindern unter zehn Jahren keinen Cent mehr zahlen. Nächstes Jahr werden im gesamten Stadtgebiet Glasfaserkabel für eine blitzschnelle Internetverbindung gelegt, am Rheinufer entstehen terrassenartige Treppen und ein Anleger für Fähren, die mehr Touristen in den Ort bringen sollen. Damit das Rathaus-Team alle angeschobenen Projekte bewältigen kann, werden 34 weitere Mitarbeiter eingestellt.  

Finanziell ist das dank Zimmermanns größtem Coup möglich: 2012 senkte er die Gewerbesteuer in Monheim um ein Drittel und machte sie damit zur niedrigsten in Nordrhein-Westfalen. Die Stadt hatte eine Gewerbesteuernachzahlung von 40 Millionen Euro erhalten, mit der Zimmermann mögliche Verluste überbrücken wollte. Doch der niedrige Steuersatz lockte schnell neue Unternehmen an, die 1.500 Arbeitsplätze mitbrachten. Früher nahm Monheim jährlich rund 20 Millionen Euro Gewerbesteuer ein, heute sind es mehr als zehnmal so viel. Man habe eine „Steueroase“ geschaffen, schimpfte die SPD. Doch Zimmermann lässt sich nicht beirren, will die Gewerbesteuer sogar noch weiter senken. „Es gibt in Deutschland momentan 203 Kommunen, die uns unterbieten. Wir wollen bundesweit wettbewerbsfähig sein.“ 110 Millionen Euro an Rücklagen hat Zimmermann erwirtschaftet und kann in die Zukunft investieren. Einfacher wird sein Posten dadurch nicht. „Die Erwartungshaltung steigt. Man kann nicht mehr einfach Ideen mit dem Argument ablehnen: ,Wir haben kein Geld.‘ Der Job ist jetzt noch anspruchsvoller als vorher.“