Kraftfutter für Kinderköpfe
Hirnforscher Dr. Gerald Hüther untersucht die Wirkung von Musik auf das Gehirn
Musik klingt nicht nur wunderbar, sie vollbringt in den Köpfen unserer Kinder auch wahre Wunder - und macht sie stark fürs Leben. Warum das so ist, untersucht der Hirnforscher Dr. Gerald Hüther. Als Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung an der Psychiatrischen Klinik in Göttingen versucht er herauszufinden, was man tun kann, damit Menschen gar nicht erst dort landen. "Wir haben sehr lange darauf geschaut, was Menschen krank macht. Jetzt fängt es an, sich zu umzukehren. Wir fragen uns: Was brauchen Menschen, damit sie gesund bleiben?" Das Augenmerk des Wissenschaftlers gilt dabei unter anderem dem Einfluss von Musik auf das Gehirn, speziell auf das von Kindern. Hüther, Mitglied im Fachbeirat der Deutschen Stiftung Singen, ist überzeugt: Das gemeinsame Singen mit Kindern ist besser als jede Wissensvermittlung im Sinne einer sogenannten Frühförderung.
change: Das gemeinschaftliche Singen verschwindet immer mehr aus unserem Alltag, gilt vielen als altmodisch. Nun weisen Sie als Neurobiologe darauf hin, wie wichtig gerade für Kinder das Singen sein kann. Warum?
Dr. Gerald Hüther: Weil singen Kraftfutter für Kindergehirne ist. Und Balsam für ihre Seele. In einer von Effizienzdenken und Reizüberflutung geprägten Welt bedeutet das unbekümmerte Singen eine Sternstunde für die Gehirne von Kindern.
Wie muss man sich das vorstellen?
Kindergehirne entwickeln sich nicht von allein. Damit es unseren Kindern gelingt, all die vielen komplexen Netzwerke herauszuformen, die erforderlich sind, um sich im späteren Leben zurechtzufinden, brauchen sie unsere Hilfe. Alles, was die Beziehungsfähigkeit von Kindern - zu sich selbst, zu anderen Menschen, zu Natur und Kultur - verbessert, ist die wichtigste Entwicklungshilfe, die wir ihnen bieten können. Eine ideale Möglichkeit zur Herausbildung dieser Beziehungsfähigkeit ist das gemeinsame Singen.
Was passiert denn aus neurobiologischer Sicht beim Singen im Gehirn eines Kindes?
Es werden gleichzeitig sehr unterschiedliche Netzwerke aktiviert und miteinander verknüpft. Durch die Aktivierung emotionaler Zentren wird das Singen mit einem lustvollen, befreienden Zustand verkoppelt. Außerdem kommt es zu sehr komplexen Rückkopplungen zwischen erinnerten Mustern in Form von Melodie, Tempo, Takt und dem zum Singen erforderlichen Ausbau sensomotorischer Muster, also der Wahrnehmung und Korrektur der eigenen Stimme. Das ist für die Ausbildung von Feinmotorik eine intensivere Übung als zum Beispiel das Schreibenlernen, denn das Hirn muss das Ganze so steuern, dass die Stimmbänder mit Hilfe der motorischen Nerven genau die richtige Spannung bekommen. Singen ist insofern ein ideales Training für Selbststeuerung und Selbstkorrektur.
Welche Rolle spielt dabei das Singen mit anderen?
Beim gemeinsamen Singen machen Kinder die Erfahrung sozialer Resonanz, ihre Fähigkeit zur Einstimmung auf die anderen wird aktiviert. Gemeinsam erzeugt man etwas Größeres, das der Einzelne allein so nicht hinbekommt. Durch solche Erfahrungen erhalten Kinder eine emotional positiv besetzte Grundlage für den Erwerb sozialer Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme.
Braucht es dazu mehrere Kinder, oder funktioniert das auch, wenn eine Mutter mit ihrem Kind singt?
Gerade dann. Wir haben ja heute sehr viele Einzelkinder - und viele Eltern, die sich sehr um diese Einzelkinder kümmern. Was aber oft vergessen wird: Ganz wichtige Erfahrungen sind die, wo sich Mutter und Kind nicht nur auf den jeweils anderen konzentrieren, sondern gemeinsam etwas Drittes erleben. Wenn beide zum Beispiel aus dem Fenster schauen und eine Katze durch den Schnee laufen sehen. Wir nennen das "joint attention". So etwas ist eine unglaubliche Erfahrung für ein Kind, weil es merkt, dass es nicht unmittelbar in der Interaktion mit der Mutter sein muss und ihr trotzdem nahe sein kann. Und genau das passiert auch, wenn Mutter und Kind zusammen ein Lied singen.
Das heißt, man sollte allen Eltern raten, so oft wie möglich mit ihrem Kind zu singen?
Aus der rein nutzenorientierten Sichtweise einer Leistungsgesellschaft könnte man so denken. Aber die eben beschriebenen Vorgänge stellen sich nur ein, wenn Begeisterung im Spiel ist. Eltern werden ihre Kinder für nichts begeistern können, wovon sie nicht selbst begeistert sind. Vorsingen oder gemeinsames Singen ohne Lust und Freude bringt gar nichts. Es geht gerade nicht um vordergründige Effizienz. Es ist das unbekümmerte, absichtslose Singen, das den positivsten Effekt hat.
Wie kommt das?
Das hängt damit zusammen, dass wir im Hirn Netzwerke immer dann besonders gut verankern, wenn uns etwas berührt, wenn es unter die Haut geht. Dann kommt es zur Aktivierung der emotionalen Zentren im Mittelhirn. Es entstehen Eiweiße, die im Routinebetrieb nicht erzeugt werden, die man aber braucht, um neue Verbindungen zwischen Nervenzellen auszubilden. Begeisterung wirkt dann im Gehirn wie eine Gießkanne mit Nährstoffen.
Unter welchen Bedingungen ergeben sich solche Begeisterungsmomente am ehesten?
Kinder haben von sich aus ein sehr hohes Begeisterungspotenzial. Sie sind bis zum Alter von drei Jahren jeden Tag zwanzig bis dreißig Mal so begeistert, dass es ihren ganzen Körper erfasst. Diese Impulse gilt es aufzugreifen, das ist die erzieherische Kunst. Die schönsten Entwicklungsprozesse sind die, wo sich etwas aus sich selbst heraus entwickelt. Wo wir als Erwachsene nicht daneben stehen und es antreiben, sondern wo man sich fragt: Was braucht das Kind jetzt? Welches Fenster im Gehirn ist gerade auf und möchte jetzt aufblühen? Es geht um Einladen, Ermutigen, Inspirieren.
Also nicht, wie ja sonst oft beim Musizieren, um Perfektion.
Im gegenteil. Ich habe viele Kinder erlebt, die keine Weihnachtslieder mehr singen, weil sie ihnen immer wieder in perfekten Versionen von Tonträgern vorgespielt worden sind. Die singen dann lieber gar nicht, als dass sie sich blamieren.
Sind Sie Anhänger der Waldorf-Pädagogik, bei der mehr Wert auf das Musische gelegt wird als im herkömmlichen Schulsystem?
Ja, aber ich bin auch Anhänger der Montessori- oder der Reformpädagogik. Ich muss mich nicht für eine pädagogische Stilrichtung entscheiden, sondern schaue, wo und wie es einer Einrichtung gelungen ist, ein Klima aufzubauen, in dem Kinder ermutigt werden, ihre Potenziale zu entfalten. Das kann auch ein ganz banaler Dorfkindergarten sein.
Unter dem Namen "Canto elementar" gibt es ein bundesweites Projekt, bei dem Senioren in Kindergärten gehen, um mit den Kleinen zu singen. Ein guter Ansatz?
Es ist wahrscheinlich der einzige Ansatz, wie man das Singen noch retten kann. Wir haben ja die Situation, dass viele Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten selber kaum noch singen. Sie können nichts dafür, weil sie selbst nie dafür begeistert worden sind. Das führt dann dazu, dass einfach eine CD eingelegt wird. Das ist für Kinder aber etwas Totes im Vergleich zum Singen mit Menschen, die sie sehen und denen sie nah sind.
Die Alten kennen sicher noch viele Lieder. Aber wie finden Sie den Draht zu Kindern, die eigentlich nur auf ihr erstes Handy warten?
Über die Begeisterung, denn sie profitieren ja selbst auch davon. Sie erleben sich als jemand, der etwas zu verschenken hat, anderen eine Freude machen kann.
Wo andere vor allem von Leistung und Lernerfolg reden, betonen Sie immer wieder die Begriffe Freude und Begeisterung...
Wir befinden uns in der Übergangsphase von einer Ressourcen-Nutzungs- zu einer Potenzial-Entfaltungsgesellschaft. Wo man nur darauf schaut, dass Menschen funktionieren, macht man sie selbst zu Ressourcen. Wir haben ja leider die Vorstellung entwickelt, dass Kinder Fässer sind, die man mit Wissen abfüllen muss. Nach den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie ist das kompletter Blödsinn. Kinder konstruieren sich ihr Wissen selbst, sie können bestenfalls angeregt, ermutigt und inspiriert werden. Man muss Menschen in Bildung und Erziehung Möglichkeiten geben, ihre Potenziale zu entfalten. Früher hat man gedacht, dass es genetische Programme sind, die das Gehirn in einer bestimmten Weise sozusagen verkabeln. Wenn einem Kind das bis zur vierten Klasse nicht gelungen war, hat man es auf die Hauptschule abgeschoben. Heute wissen wir: Kinder, und zwar alle Kinder, kommen mit wesentlich mehr Potenzial auf die Welt als dem, was am Ende in Fähigkeiten und Fertigkeiten umgewandelt wird. Wir haben alle die Möglichkeit, unsere musikalischen Talente zu entfalten, wenn wir Erfahrungsräume dafür bekommen und begeistert werden.
Auch noch als Erwachsene?
Aber natürlich. Das geht ein ganzes Leben lang, von der Wiege bis zur Bahre.
Text: Uwe Rasche. Dieser Beitrag ist zuerst in "change" 4/2009 erschienen, dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.
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