EM 2012: Eine Chance für Polen und Russen
Welche Fußballmannschaften im Finale der EM 2012 spielen werden, ist kaum zu sagen. Das politische Finale aber, ist sicher das Gruppenspiel Polen – Russland. Es findet am 12.6, einem russischen Nationalfeiertag statt, - im polnischen Nationalstadion in Warschau.
Das Vorspiel hat schon begonnen. Die russische Nationalmannschaft ist im „Hotel Bristol“, das neben dem ehemaligen Präsidentenpalast liegt, untergebracht. Dort, wo immer wieder Demonstrationen stattfinden. Für den Staatspräsidenten Lech Kaczynski, der bei einem Flugzeugabsturz verunglückte.
Beschuldigen doch die Demonstranten unter der Führung des Zwillingsbruders und Oppositionsführers Jaroslaw Kaczynski Russland am Absturz der Präsidentenmaschine beteiligt zu sein. Ausgerechnet vor dem Hotel der russischen Nationalmannschaft demonstrieren sie. Verschärft kommt die Warnung des russischen Sportministers an die Fans in Polen, keine Symbole der ehemaligen Sowjetunion zu tragen. Gelten doch Hammer und Sichel als ebenso verpönt wie das Hakenkreuz in Deutschland. Trotzdem oder gerade deswegen werden viele russische Fans die rote-sowjetische Fahne im Gepäck haben.
Die bisherige fußballerische Bilanz der polnisch-russischen Begegnungen ist ausgeglichen: einmal gewannen die Polen, einmal die Russen und einmal ging das Spiel unentschieden aus. Torverhältnis 5:5. Allerdings prägt in beiden Ländern die fußballerische Leistung der Sowjetunion die Gemüter. Insgesamt fällt die Bilanz der Spiele Sowjetunion – Polen zugunsten der ersten mit acht Siegen aus. Ein Spiel aus dem Jahre 1957 hat bis heute eine symbolische Bedeutung, weil die polnische Nationalmannschaft im „schlesischen Stadion“ in Chorzow (Königshütte) die Sowjetunion 2:1 bezwang. Das Rückgrat dieser Mannschaft bildeten acht Spieler aus Oberschlesien an der Spitze mit dem Torschützer Gerard Cieslik, - von ihnen kannten einige als Wehrmachtsoldaten die Sowjetunion - aus Kriegsgefangenschaft.
Heute besteht das polnische Nationalteam aus „drei Dortmundern“: Lewandowski, Blaszczykowski und Piszczek und drei weiteren „Deutschen“: Boenisch, Polanski und Matuszczyk – Kindern von „Spätaussiedlern“ aus Oberschlesiern. Hinzu kommen noch die Enkelkinder von den polnischen Emigranten aus Frankreich: Obraniak und Perquis. Das Bild der polnischen Nationalmannschaft rundet der Trainer Franz Smuda ab. Er spricht besser Deutsch als Polnisch und ist Bürger der Bundesrepublik. Eine wahrhaft europäische Mannschaft!
Und mit welchem Bild von Polen reisen die zahlreichen russischen Fans , 50.000 werden nach Schätzungen erwartet, an, um ihre “Sborna“ zu unterstützen?
Geringere Kenntnisse
Vor allem mit geringem Wissen über Polen. Die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema: „Wahrnehmung Polens und Deutschlands in Russland“, die vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten aus Warschau Ende 2011 durchgeführt wurde, zeigen deutlich, dass eine große Gruppe der Russen, wenig konkrete Vorstellung von Polen hat. Die Antwort „schwer zu sagen“ bei Fragen über die wirtschaftliche Lage oder Rolle Polens in Europa wurde von 30 bis 40 der Befragten geliefert.
Diejenigen, die eine Meinung zum Thema Polen haben, liefern entgegen der Erwartung kein schlechtes Bild von Polen ab. Obwohl das Bild Deutschlands wesentlich besser ist. So findet fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer aus Russland (47%), dass der polnische Staat sich um das Wohl der eigenen Bürger kümmert. Das ist viel weniger, als im Fall Deutschlands - 83% der russischen Befragten gaben an, dass sich der deutsche Staat um seine Bürger sorgt. Doppelt so viel, wie die Zahl der Russen, die meinen, Russland kümmere sich um sie (22%).
Auch die polnische Wirtschaft befindet sich den Befragten zufolge in einem besseren Zustand als die russische. Ein Drittel meint, dass sie sich gut entwickele (31%), während bei der russischen das nur ein Viertel denkt (25%). Immerhin am besten – und wesentlich besser als die polnischen oder russischen - wird den Stand der deutschen Wirtschaft beurteilt. Bis zu Dreiviertel (76%) von ihnen glauben an eine gute Entwicklung.
Stand der polnisch-russischen Beziehungen
Ist das Bild Polens in der russischen Gesellschaft nicht zu schlecht, schätzt man die Beziehung zum polnischen Staat als viel schlechter ein. Nur 18% der Befragten empfinden sie als positiv. Dies heißt jedoch nicht, dass die Befragten die polnisch-russischen Beziehungen als negativ wahrnehmen. Der größte Teil der Antwortenden (54%) gibt an, die Beziehungen mit Polen seien weder gut noch schlecht. Im Vergleich als gut werden die bilateralen Beziehungen mit Deutschland von 60% der Antwortgebenden befunden.
Nach der Meinung von fast der Hälfte der Befragten (43%) haben die Beziehungen mit Polen in den letzten drei Jahren keinen Wandel unterlaufen. Ein Viertel (25%) der Umfrageteilnehmer findet, dass sich die beiderseitigen Beziehungen in diesem Zeitraum verschlechtert haben, während nur jeder Zehnte (12%) der Auffassung ist, dass das zwischenstaatliche Verhältnis besser sei als früher.
Polen hilft nicht, aber stört auch nicht
Polen bemüht sich darum seine Position innerhalb der Europäischen Union zu stärken und die EU-Russlandpolitik zu gestalten. Darüber hinaus unterstützt es die Entwicklung guter Beziehungen zwischen der EU sowie den Nachfolgestaaten der Sowjetunion mit den USA. Als Initiator der Östlichen Partnerschaft bemüht es sich um eine fortschreitende Integration der sechs Nachfolgestaaten der Sowjet Union in die Europäische Union. Diese Länder werden jedoch weiterhin von Russland als Teil der eigenen Einflusssphäre angesehen.
Im Fall der Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU ist fast die Hälfte (45%) der Antwortgebenden der Auffassung, dass Polen hier „weder hilft, noch stört”. Fast ein Fünftel (19%) findet, dass Polen stört.
Ähnlich beurteilen die Befragten den Einfluss Polens auf den Aufbau einer engeren Zusammenarbeit Russlands mit der Ukraine und anderen GUS-Staaten sowie den USA. In beiden Fällen sind mehr als 45% nicht der Auffassung, dass Polen irgendeinen Einfluss auf die genannten Beziehungen habe.
Die verhältnismäßig häufige Angabe der neutralen Antwort, dass Polen beim Aufbau einer besseren Zusammenarbeit mit den Partnern „weder hilft noch stört” könnte, stärker als im Fall anderer Antworten, von der aktuellen Situation abhängig sein. Im Augenblick existieren keine bedeutenden Konfliktpunkte zwischen Polen und Russland im Bereich der EU-Russlandbeziehungen (solche wie z.B. eine Verhandlungsblockade eines Abkommens mit der EU). Deshalb haben die Befragten keine Grundlage für die Formulierung einer positiven genauso wenig wie einer negativen Meinung.
Das deutsche Handeln wird ebenfalls als neutral bewertet. Davon, dass das Land beim Aufbau engerer Beziehungen mit der EU, den USA oder den GUS-Staaten „weder hilft noch stört“ ist die größte Gruppe der Befragten überzeugt (entsprechend Antworten: 42%, 49% und 51%). Dennoch wird der deutsche Einfluss im Vergleich zum polnischen in einem positiveren Licht gesehen. Insbesondere im Fall der Beziehungen Russlands zur Europäischen Union wird Berlin als Verbündeter wahrgenommen, welcher in den Augen von 29% der Umfrageteilnehmer beim Aufbau engerer Beziehungen hilft.
Polen – kein wichtiger Staat
Die Meinung, dass Polen eher weder hilft noch stört bei verschiedenen Beziehungen zu dritten Partnern lässt sich mit den russischen Behauptungen erklären, dass Polen kein wichtiges Land in Europa sei. So glaubt jeder vierte Befragter (24%), dass Polen ein wichtiges Land in Europa sei. Die weiteren 27% der Befragten, die eine „neutrale” Antwort abgaben, bestätigen die These, dass Polen für die russischen Bürger zum europäischen „Mittelmaß” gehört, ohne einen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung der europäischen Politik zu haben. Das Ergebnis für Deutschland ist hier deutlich höher - 71% der Befragten gibt an, dass es sich um einen Staat mit großer Bedeutung in Europa handele. Das macht genau doppelt so viel, wie eine wichtige Rolle für Russland in Europa sehen (38%). Und das alles passiert, wenn die russische Regierung Russland gerne als Staat, dem eine Schlüsselrolle in der Europäischen sowie der Weltpolitik zukommt, präsentiert. Die russischen Bürger sind sich in der Mehrheit nicht der starken Position ihres Landes auf der internationalen Ebene bewusst. Umso weniger würden sie diese Rolle Polen zuschreiben.
„Das Spiel“
Ob sich die russische Wahrnehmung Polens nach der EM ändert, ist fraglich. Das Spiel am 12 . Juni prägt sicher die polnisch-russischen Beziehungen in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren. Viel mehr aber als die EM, werden die Ereignisse um das Spiel die Berichterstattung der Medien prägen. Neben den geplanten Demonstrationen wird sicherlich das Verhalten der Fans genau beobachtet. Die polnische Seite muss dafür sorgen, dass es nicht zu Auseinandersetzungen außerhalb des Fußballfeldes kommt. Es geht in diesem Fall um viel: Die Chance für eine Annäherung zwischen den beiden Gesellschaften. Nach dem Flugzeugabsturz von Smolensk wurde sie leider verpasst. Vom Spiel in Warschau könnten neue Impulse ausgehen.
Die Umfrage des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten aus Warschau wurde am Ende 2011 in Russland von Lewada-Zentrum durchgeführt. Das Projekt wurde in der Zusammenarbeit mit der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und mit der finanziellen Unterstützung des Polnischen Außenministeriums realisiert. Mehr unter: http://www.isp.org.pl/publikacje,1,517.html
Von Cornelius Ochmann, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh und
Agnieszka Lada, Institut für Öffentliche Angelegenheiten, Warschau













