Wege aus der Bildungskrise
Interview mit Dr. Jörg Dräger über sein Buch "Dichter, Denker, Schulversager"
Aktuell erschienen ist das Buch "Dichter, Denker, Schulversager: Gute Schulen sind machbar - Wege aus der Bildungskrise. Der Autor Jörg Dräger ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung und verantwortet den Bereich Bildung. Mit einer politischen Gebrauchsanweisung von Klaus von Dohnanyi" bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Der promovierte Physiker spricht im Interview über Kita-Finanzierung, Studiengebühren, fehlende Lehrer mit Migrationshintergrund und die Schulen von morgen.
Dr. Dräger, die Regale in den Büchereien und Bibliotheken sind voll von Büchern über Bildung. Was unterscheidet Ihr neues Buch "Dichter, Denker, Schulversager" von diesen Titeln?
Jörg Dräger: Gute Bildung entscheidet über die Zukunft unseres Landes - da gibt es natürlich mehr als ein Buch über die andauernde Bildungskrise. Aber "Dichter, Denker, Schulversager" zeigt nicht nur die Probleme unseres Bildungssystems auf, sondern bietet auch konkrete und umsetzbare Lösungen. Zudem verbindet dieses Buch die gesellschaftlichen Herausforderungen, wie beispielsweise den demographischen Wandel, den Umbau des Arbeitsmarktes oder die Migration mit den notwendigen Veränderungen im Bildungssystem. Es gibt aber keine Kapitel über Kitas, Schulen oder Ausbildung. Stattdessen orientiert sich "Dichter, Denker, Schulversager" an dem, was unser Bildungssystem angesichts dieser gesellschaftlichen Veränderungen leisten muss, d. h., die verschiedenen Aspekte werden zusammengeführt: Was müssen unsere Kinder in Zukunft lernen, wie und wo? Wie machen Eltern und Lehrer es ihnen leicht, und wie kann die Politik auf kommunaler, Länder- und Bundesebene helfen? Und schließlich: Wer soll das bezahlen? Auf diese Fragen gebe ich Antworten. Klar: Jede davon könnte ein eigenes Buch füllen. Ich wollte aber diese Themen auf das Wesentliche reduzieren, um einen wirklich breiten Blick auf unser Bildungssystem zu ermöglichen.
"Dichter, Denker, Schulversager" ist aber auch im Stil anders. Es gibt zum Bildungssystem zwar viele wissenschaftliche Studien, die aber für Nicht-Fachleute unverständlich sind. Es gibt viele Zeitungsartikel zu einzelnen Aspekten, denen aber die Breite und Tiefe fehlt. Dazwischen gibt es nichts: Nichts, was so anschaulich ist wie ein Zeitungsartikel und doch so umfassend wie eine wissenschaftliche Studie. Das ist der Mittelweg, den dieses Buch beschreiten will: flüssig geschrieben mit entsprechenden Fallbeispielen.
Sie sprechen in Ihrem Buch von einer Bildungskrise. Doch eigentlich hat Deutschland doch im letzten PISA-Test zugelegt. Was ist das also für eine Krise?
Jörg Dräger: Es stimmt: Deutschland hat Fortschritte gemacht. Unsere Schüler sind im Durchschnitt besser geworden. Das ist erfreulich. Aber am unteren Ende des Bildungssystems erleben wir weiterhin eine Katastrophe; denn unser Bildungssystem produziert immer noch viel zu viele Verlierer. Viel zu viele verlassen die Schule ohne Abschluss. Viel zu viele haben keinen Berufsabschluss. Jeder fünfte Jugendliche kann kaum rechnen, schreiben oder lesen.
Um diese Bildungsverlierer kümmern wir uns zu wenig - obwohl sie uns alle angehen: nicht nur, weil sie eine Chance verdienen, sondern vor allem auch, weil Unbildung unsere Gesellschaft insgesamt bedroht. Wir bezahlen dafür mit explodierenden Sozialkassen und einem Mangel an qualifizierten Fachkräften. Was wir brauchen, sind grundlegende Veränderungen in unserem Bildungswesen. "Dichter, Denker, Schulversager" benennt die Ursachen dieser Krise und ihre Folgen. Und das Buch zeigt Wege auf, wie wir es in Zukunft besser machen können.
Was läuft falsch in unserem Bildungssystem?
Jörg Dräger: Deutschland repariert zu viel und investiert zu wenig. Unsere Ausgabenpolitik ist rückwärtsgerichtet: Mehr als die Hälfte der Finanzen von Bund, Ländern und Kommunen steckt in den Sozialetats und soll über Transferleistungen ausgleichen, was unzureichende Ausbildung, was mangelnde Bildungschancen in der Vergangenheit an Schaden und Ungerechtigkeit verursacht haben. In die Bildung, in die Zukunft des Landes und seiner Menschen, fließen hingegen gerade einmal 9 Prozent der Staatsausgaben.
Zudem transferiert Deutschland zu viel Geld direkt an die Familien, statt die Bildungsinstitutionen angemessen auszustatten. Kindergelderhöhungen, Elterngeld, Betreuungsgeld, Steuervorteile für kinderlose Paare: Das alles mag Wählerstimmen bringen. Nennenswerte Effekte hin zu höheren Geburtenraten, sinkender Kinderarmut oder mehr Chancengerechtigkeit werden so allerdings nicht erzielt. Und da wir so viel Geld "mit der Gießkanne" an alle verteilen, bleibt eben relativ wenig für Kitas, Schulen und Hochschulen über. Das müssen wir ändern: weniger Transferleistungen, dafür aber mehr Investitionen in die Kitas und Schulen!
Gibt es europäische Länder, in denen das anders gehandhabt wird?
Jörg Dräger: Dänemark ist so ein Beispiel. Dort erhalten die Bildungseinrichtungen mehr als die Hälfte der - übrigens auch höheren - staatlichen Ausgaben für Familien, nur ein kleinerer Teil geht direkt an die Familien. Mit guten Ergebnissen: Die Dänen haben mehr Kinder als die Deutschen und die geringste Kinderarmut in der OECD.
In welchem Bereich zahlen sich Ihrer Meinung nach denn Bildungsinvestitionen am meisten aus?
Jörg Dräger: Investitionen in die frühkindliche Bildung lohnen sich aus volkswirtschaftlicher Sicht am meisten. In den Kitas wird der Grundstein gelegt für ein chancengerechtes Bildungssystem. Das belegen auch einschlägige Studien, da hier insbesondere Sprach- und Sozialkompetenz frühzeitig gefördert werden können: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nur noch mit viel Mühe.
Doch bei uns steht die Bildungsfinanzierung auf dem Kopf: Ausgerechnet für die frühkindliche Bildung gibt der Staat vergleichsweise wenig aus, während er die Hochschulen hoch subventioniert. Wir schaffen Studiengebühren von 83 Euro pro Monat wieder ab und akzeptieren gleichzeitig, dass der staatliche Kita-Platz in manchen Kommunen mehr als 600 Euro monatlich kostet und für staatliche Ganztagsschulen Schulgelder von 150 Euro und mehr pro Monat fällig werden. Es ist allemal gescheiter, Studierende mit einem kleinen Anteil - abgesichert durch Darlehen und Stipendien - an den Kosten ihres Studiums zu beteiligen als einem Kind durch hohe Gebühren oder fehlende Plätze den Kitabesuch zu erschweren.
Insgesamt müssen wir übrigens auch darauf achten, dass die Gelder dorthin gehen, wo man sie am dringendsten braucht. Nicht alle Kindergärten, nicht alle Schulen müssen gleich ausgestattet werden: In sozialen Brennpunkten beispielsweise brauchen wir mehr Mittel als anderswo.
Was sind denn Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen für das Schulsystem?
Jörg Dräger: Ganz eindeutig die wachsende Vielfalt in den Klassenzimmern. In den Großstädten nimmt die Zahl der Schüler aus Zuwandererfamilien zu, in ländlichen Gebieten müssen aus Schülermangel Schulen unterschiedlicher Art zusammengelegt werden, in bürgerlichen Gegenden schicken fast alle Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium und machen sie damit zur Gesamtschule der Mittelschicht. All dies führt dazu, dass in den Klassen die Bandbreite an Leistungsniveaus, Lernfähigkeiten und Lerngeschwindigkeiten der Schüler ständig wächst.
Die Lösung dafür lautet "Individuelle Förderung". Diese Art der Pädagogik holt jedes Kind dort ab, wo es steht. So kann es seine Fähigkeiten bestmöglich entwickeln. Lernen lernen wird wichtiger als Fakten pauken. Nur so kann ein Lehrer mit der wachsenden Unterschiedlichkeit umgehen. Allerdings hat sich die Individuelle Förderung noch nicht flächendeckend in Deutschland durchgesetzt. Wir brauchen daher ein umfassendes Lehrerfortbildungsprogramm. Zugleich müssen wir unsere Schulen Schritt für Schritt zu Ganztagsschulen ausbauen - auch das trägt zur Chancengerechtigkeit bei und hilft darüber hinaus bei der Vereinbarkeit von Familien und Beruf.
Steht einem umfassenden Umbau des Bildungssystems nicht der deutsche Föderalismus im Weg? Wie wollen Sie die Länder dazu kriegen, an einem Strang zu ziehen?
Jörg Dräger: Wenn wir Föderalismus als Wettbewerb um die beste Lösung verstehen, dann kann unser föderales Prinzip Teil der Lösung sein statt Teil des Problems. Unser System krankt daran, dass in der Kultusministerkonferenz das Konsensprinzip gilt. So bestimmt der Langsamste das Tempo. Gäbe es hingegen einen echten Wettbewerb unter den Ländern, würden sich am Ende die besten Lösungen durchsetzen.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass alle Länder bei der Bildung verlässliche Mindeststandards erfüllen und dies auch kontrolliert wird - und zwar nicht von den Bundesländern selbst, wie das bisher der Fall ist. Während in anderen Staaten der Bildungserfolg auf der Ebene jeder Schule im Internet nachgelesen werden kann, verhindern die Bundesländer bei uns echte Transparenz: Der durch die OECD bisher unabhängig durchgeführte Bundesländervergleich PISA-E wurde abgeschafft; bei Hauptschülern, wo eine Analyse am dringlichsten wäre, wollte man zuletzt angesichts schlechter Ergebnisse die Überprüfung der Bildungsstandards ganz aussetzen; und die Förderschulen, die für mehr als die Hälfte der Schüler ohne Hauptschulabschluss verantwortlich sind, nehmen nur sporadisch an Vergleichsstudien teil. Wollen wir hier mehr Transparenz schaffen, müssen wir dem Bund das Recht zugestehen, international anerkannte Bildungsstandards in Deutschland zu messen und die Ergebnisse - auch im Vergleich der Bundesländer - zu veröffentlichen. Nur wenn die für Bildung verantwortlichen Länder sich nicht selbst kontrollieren, werden wir zu einem deutlich besseren Bildungssystem kommen.
Kurzinformation zum Buch: Dr. Jörg Dräger beschreibt die Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft, die Probleme unseres Bildungswesens und die in Teilen dramatischen Konsequenzen. Darüber hinaus entwickelt er machbare Lösungen. In einer "politischen Gebrauchsanweisung" ordnet anschließend der frühere Bundesbildungsminister und Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi die Vorschläge gesellschaftspolitisch ein. Das Buch ist im Verlag DVA erschienen.
Ansprechpartner
Weblink
Projekte und Programme zum Thema
Integration und Bildung Wirksame Bildungsinvestitionen Alle Kids sind VIPs Zukunft der Integration
Publikation
Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2011
Der »Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2011« hat das Schwerpunktthema »pädagogisches Personal«. Er gibt Auskunft darüber, wie viele Kinder von einer Erzieherin betreut werden, wie das pädagogische Personal qualifiziert ist und was die Bundesländer gegen den drohenden Fachkräftemangel unternehmen.
weiter













