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Gütersloh, 22.07.2011

Start zur Weltkarriere: Träume junger Opernsänger

Vorauswahlen zum internationalen Gesangswettbewerb "Neue Stimmen"

Elisabeth Schwarz (26), Sopranistin
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"Wettbewerbe sind wichtig, um sich zu präsentieren"
Foto: Michael Bergmann

Bei den Vorauswahlen zum internationalen Gesangswettbewerb "Neue Stimmen" der Bertelsmann Stiftung geht es um mehr als nur die Finalteilnahme. Im Mittelpunkt stehen große Träume, die Leidenschaft für Musik und der Einstieg in ein Netzwerk junger Sänger aus der ganzen Welt. Wir haben die Teilnehmer der Vorauswahl in der Staatsoper in Wien begleitet. Von Tanja Breukelchen.

Es ist nur ein schlichter, schmaler Bühneneingang, durch den die Sängerinnen und Sänger das Haus betreten, sich beim Pförtner melden und dann in einem engen Aufzug in die vierte Etage hinauffahren. Oben im Proberaum riecht es nach dem Holz der Kulissen. Ein paar Wasserflaschen stehen herum. Und durch die riesigen Fenster sieht man die Dächer Wiens. "Es gibt ein Reich, wo alles rein ist", tönt es aus dem Raum nebenan. Die Arie aus Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" wird immer mal wieder durch ein trockenes Husten unterbrochen, dem ein leises Fluchen folgt. Einsingen vor dem kleinen Auftritt, der ein ganz großer werden könnte. Die Vorauswahlen zum internationalen Gesangswettbewerb "Neue Stimmen" der Bertelsmann Stiftung sind nicht glamourös. Sie sind harte Arbeit für über 1.400 Teilnehmer in mehr als 20 Städten auf der Welt, die sich für die begehrte Teilnahme am Finale präsentieren. So auch in Wien. In einem Proberaum der Staatsoper.

Und allen ist bewusst: Genau durch diesen Nebeneingang sind auch schon viele Weltstars gekommen. All die großen Namen, die in Wien schon auf der Bühne gestanden haben: Maria Callas, Jessye Norman, Anna Netrebko, Luciano Pavarotti, Juan Diego Flórez, Eberhard Waechter, Plácido Domingo, Edita Gruberová… Und vielleicht ja auch irgendwann Caroline Philipp. Die 26-jährige österreichische Sopranistin ist aufgeregt und schaut erwartungsvoll auf die Uhr. Noch wenige Minuten, dann darf sie vor dem Mann singen, der die Bühne allein beobachtet: Dominique Meyer ist seit letztem September neuer Direktor der Wiener Staatsoper. Und damit einer der Nachfolger von Gustav Mahler, Richard Strauss, Karl Böhm, Herbert von Karajan oder Ioan Holender, die in über 200 Jahren das weltberühmte Opernhaus geleitet haben. Dieses Mal wird Meyer nicht in einer Loge, sondern neben einer kleinen Probebühne Platz nehmen. Auf einem Holzstuhl, den Stapel mit Informationen über die über 60 jungen Sängerinnen und Sänger vor sich. Da er nicht nur Direktor der Wiener Staatsoper, sondern zugleich auch der Vorsitzende der Jury der "Neuen Stimmen" ist, übernimmt er in Wien die Leitung der Vorauswahl. Eine Riesenchance, findet Caroline. Dann öffnet sich die Tür, Caroline stellt sich neben einen schwarzen Flügel, begrüßt die Jury - und singt ihre Arie. "Thy hand, Belinda" aus Purcells "Dido and Aeneas". Dominique Meyer hört zu. Schließt dabei die Augen. Lächelt. Er bedankt sich. Caroline verlässt den Raum, und schon geht die nächste Teilnehmerin durch die Tür. "Es war ein tolles Gefühl", sagt sie. "Dominique Meyer wirkte sehr offen, war gar nicht verunsichernd. Ob ich es geschafft habe oder nicht, kann ich aber nicht sagen."

Das wird Caroline einige Tage später erfahren. Eines weiß sie aber schon jetzt: "Mein Traum ist es, irgendwann einmal an der Wiener Staatsoper zu singen. Wien oder Bayreuth, das sind seit vielen Jahren schon meine großen Ziele." Der Wunsch, Sängerin zu werden, bestand bei Caroline, die in einem kleinen Dorf in Tirol aufgewachsen ist, schon früh. "Als ich fünf Jahre alt war, schenkten mir meine Eltern eine Kassette mit der Zauberflöte. Eine Aufnahme für Kinder. Mit acht Jahren durfte ich dann mit eine Aufführung des 'Parsifal'. Und nach dem Abitur bin ich direkt nach Wien gegangen, um Gesang zu studieren." Damit war Caroline wesentlich früher dran als die Serbin Gabrijela Ubavi´c. Sie ist schon 30 Jahre alt und hat erst spät mit dem Gesang begonnen. "Deshalb habe ich momentan kaum Zeit für ein Privatleben, sondern lebe an drei Orten", sagt sie. "Ich studiere in Wien, meine Eltern und mein Freund wohnen in Serbien, und an der Oper im tschechischen Pilsen habe ich ein Engagement. Ich versuche möglichst viele Wettbewerbe zu singen und möchte Routine bekommen." Lampenfieber habe sie kaum, sagt sie. Und nach dem Vorsingen plaudert sie ausgelassen in ihr Handy - "Das war meine Oma aus Serbien, die will immer sofort wissen, wie es war."

Als Gabrijela dann aber für Fotoaufnahmen noch ins Foyer der Staatsoper geht, wirkt sie nicht mehr ganz so locker und schaut ehrfürchtig auf die goldenen Säulen des Treppenhauses, auf schwere Teppiche, riesige Spiegel, Bogen und elegante Salons. Elisabeth Schwarz (26) betritt lächelnd das Parkett und hätte auch gut von einem Casting für die Rolle der neuen Sissy kommen können. Zum Vorsingen hatte sie sich extra noch ein schulterfreies rosafarbenes Abendkleid eingepackt. Eben standesgemäß für das erste Haus an der Wiener Ringstraße. Elisabeth stammt aus einer Musikerfamilie in Salzburg. Sie schloss 2009 ihr Gesangsstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz mit Auszeichnung ab und debütierte dann in der Saison 2008/09 an der Volksoper Wien, wo sie bis heute Ensemblemitglied ist. "Nein, so richtig aufgeregt bin ich nicht. Aber ein Wettbewerb ist immer wichtig, um sich zu präsentieren und die Vorsing-Arien zu polieren." Vom blutjungen Erstsemester bis zu routinierten Solisten; die Mischung der Teilnehmer ist bunt. Voraussetzungen sind, dass Sängerinnen nicht älter als 30 und Sänger nicht älter als 32 Jahre alt sind. Die Teilnehmer müssen aktuell oder in der Vergangenheit an einer Musikhochschule immatrikuliert gewesen sein oder bereits an einem Opernhaus Rollen einstudiert oder aufgeführt haben. Außerdem dürfen sie nicht schon einmal bei den "Neuen Stimmen" gewonnen haben.

Bei der Vorauswahl werden technisches Können, musikalische Gestaltung wie Rhythmik, Phrasierung und Ausdruck, die Stimmqualität und die künstlerische Präsenz zu gleichen Teilen bewertet. Insgesamt fünf Arien müssen vorbereitet werden: drei aus vorgegebenen Epochen, außerdem zwei Arien aus zwei unterschiedlichen Opern oder eine Opernarie, kombiniert mit einer Operettenarie. Ein bisschen sei das alles wie eine Lotterie, sagen manche der Teilnehmer. Die 30-jährige Astrid Kessler zum Beispiel, die sich in den vergangenen Jahren bereits zweimal um die Teilnahme beworben hat, es bislang aber noch nie bis ins Finale geschafft hat. Jetzt, beim dritten Versuch, durfte sie zusätzlich zu ihrer ausgesuchten Arie noch eine zweite singen. "Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen", hofft sie. Oder der Bariton Eunseok Choi (29) aus Südkorea, der auf die "Neuen Stimmen" über Facebook aufmerksam geworden ist, wo der Wettbewerb eine eigene Seite mit über 4.000 Freunden und Fans hat. Auch Eunseok Choi möchte die Chance unbedingt nutzen und meldete sich zum Vorsingen. Der Reiz der "Neuen Stimmen" ist eben nicht nur die Internationalität, sondern vor allem die ranghoch besetzte Jury, in der neben Dominique Meyer und Operndirektor Brian Dickie aus Chicago unter anderem Gustav Kuhn, der Intendant der Tiroler Festspiele Erl, oder die Kammersänger Francisco Araíza und Siegfried Jerusalem sind. Nicht zu vergessen die zahlreichen Intendanten und Direktoren großer europäischer Bühnen, die zum Finalkonzert anreisen. Ein kulturelles Netzwerk, das die ganze Opernwelt umspannt. "Für mich steht bei der Vorauswahl einiges auf dem Spiel", sagt Daichi Fujiki, der mit 31 Jahren nur noch diese eine Chance zur Teilnahme hat, da er beim nächsten Wettbewerb in zwei Jahren die Altersgrenze bereits überschritten haben wird. Der Countertenor aus Japan lebt seit 2008 in Wien und wartet auf den großen Durchbruch. "Wer in Europa sein Debüt haben will, der sollte bei den "Neuen Stimmen" teilnehmen, das ist eine der wichtigsten Plattformen." Das haben ihm vor allem viele Sänger aus Asien gesagt. Vor seinem Auftritt mit einer Händel-Arie steht er am Fenster der Staatsoper, schaut über Wien. Er lockert sich mit Gymnastikübungen, schlägt die Arme weit über dem Kopf zusammen und spreizt sie - in Hampelmannpose - auseinander.

Gleich nebenan auf der Dachterrasse steht Marcell Bakonyi (30). Ohne Gymnastik, sondern ganz ruhig und sehr konzentriert. Er geht in Gedanken noch einmal seine Arie durch. Der ungarische Bass-Bariton ist bereits Solist am Landestheater Salzburg und kennt von dort die Sopranistin Marina Rebeka, die 2007 die "Neuen Stimmen" gewann. Außerdem stand er vor Kurzem zusammen mit dem russischen Tenor Pavel Kolgatin auf der Bühne: "Er hat 2009 den vierten Platz gewonnen und riet mir, den Wettbewerb unbedingt mitzumachen. Einfach, weil er international sehr anerkannt ist. Aber auch, weil man dadurch sein Netzwerk erweitern kann." Wer am Ende durchkommt, ist noch ungewiss. Wien war nach dem Start in der Canadian Opera Company am 29. April in Toronto die zweite Etappe der Vorauswahlen. Sie gehen erst am 1. August in Mexiko City zu Ende. Bis dahin wird es immer wieder Absagen geben - aber auch immer wieder klare Favoriten der Jury. "Manchmal leidet man beim Vorsingen richtig mit den jungen Sängern", sagt Dominique Meyer nach dem anstrengenden Tag in Wien. Was dann hilft? "Ein aufmunternder Witz von mir am Anfang", sagt er. Und lächelt.


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