Dr. Brigitte Mohn im Interview über die Online-Arztsuche
„Wir möchten Patienten unterstützen, den passenden Arzt zu finden“
Ab sofort können 30 Millionen Versicherte von AOK und BARMER GEK an einer Befragung zu ihren Ärzten teilnehmen. Die Ergebnisse fließen ein in die Arztsuche des Internet-Portals „Weisse Liste“, einem gemeinsamen Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen. Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, erläutert im Interview die Hintergründe des Projekts.
Frau Dr. Mohn, was ist das Ziel der Online-Arztsuche?
Mit dem neuen Angebot möchten wir Patienten unterstützen, einen Arzt zu finden, der ihren individuellen Bedürfnissen entspricht. In der Weissen Liste kann künftig jeder Verbraucher nicht nur Kliniken vergleichen, sondern auch ganz einfach nach Haus- und Fachärzten in seiner Um-gebung suchen. Dabei können sich die Suchenden daran orientieren, welche Erfahrungen an-dere Patienten mit den jeweiligen Ärzten gemacht haben. Diese Erfahrungen erheben wir in einer wissenschaftlich fundierten Befragung, an der von heute an 30 Millionen Versicherte der AOK und der BARMER GEK teilnehmen können.
Wie kam es zu dem Projekt?
Wir wissen schon seit längerem, dass der Bedarf an Orientierung für die Arztsuche groß ist. So sagen mehr als 80 Prozent der Befragten unseres Gesundheitsmonitors, dass sie sich Informa-tionen über die Qualität von Haus- und Fachärzten wünschen. Fast täglich erreichen uns ent-sprechende Anfragen über die Weisse Liste. Bisher gab es aber nur sehr wenige verlässliche Informationsquellen, auf die Patienten zurückgreifen konnten. Mit den beiden großen Kranken-kassen haben wir Partner gefunden, mit denen wir gemeinsam daran arbeiten können, diese Lücke zu füllen. Sie fordern ihre Versicherten aktiv auf, an der Befragung teilzunehmen.
Um welche Aspekte geht es in der Befragung?
Bei der Entwicklung des Fragebogens haben wir genau geschaut, was Patienten bei der Suche nach einem Arzt interessiert. Wir haben umfangreiche Studien durchgeführt und die Fragen mit über 1.500 Versicherten getestet. Entstanden ist ein Bogen mit rund 30 Fragen zur Praxis und zum Personal, zur Kommunikation mit dem Arzt und zur Behandlung. Die Versicherten können zum Beispiel angeben, ob sie der Arzt in Entscheidungen einbezieht, ob er Diagnosen, Ursachen und Therapien verständlich erklärt oder ob sie den Arzt an andere weiterempfehlen würden. Patienten orientieren sich schon heute an den Urteilen anderer; zum Beispiel aus dem Familienkreis. Ziel der Befragung ist es, die Erfahrungen von Patienten belastbar abbilden zu können – so dass sich jedermann daran orientieren kann.
Was müssen Versicherte tun, die teilnehmen möchten?
Die Versicherten können sich mit den Angaben auf ihrer Versichertenkarte auf den Internetsei-ten ihrer Kasse für die Teilnahme registrieren. Sie können sich im Anschluss mit selbst gewähl-ten Zugangsdaten jederzeit für die Online-Befragung anmelden. Die Befragung erfolgt anonym, weder die Kasse noch wir als Portalbetreiber erfahren, wer daran teilgenommen hat. Das be-sondere an unserem Verfahren – auch im Vergleich zu bereits existierenden Portalen – ist die Registrierung mit der Versichertennummer. Sie sorgt dafür, dass das Portal vor Manipulationen wie Mehrfachbewertungen eines Arztes bestmöglich geschützt ist. Übrigens sollen sich nach der Entwicklungsphase des Projekts – ab Anfang 2012 – weitere Kassen und deren Versicherte an dem Projekt beteiligen können.
Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die Ärzte ein, die verzeichnet sind?
Es gibt bereits eine Reihe von Arztbewertungsportalen im Internet. Bei unserem Projekt profitie-ren die Ärzte von einem Verfahren mit hoher methodischer Güte – einem Verfahren ganz neuer Qualität. Unser Anspruch war es von Anfang an, das Portal fair für Ärzte zu gestalten. Wir ver-zichten auf Freitextfelder bei der Befragung, um unsachgemäße Äußerungen und Diffamierun-gen zu vermeiden. Ärzte können die Befragungsergebnisse kommentieren, so dass die Kom-mentare für jedermann sichtbar sind. Bei der Entwicklung des Portals standen wir im Dialog mit der Ärzteschaft.
Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?
Die Pilotphase in Berlin, Hamburg und Thüringen ist abgeschlossen. Dort haben die Versicherten in den vergangenen Monaten etwa 45.000 Fragebögen ausgefüllt. Es lässt sich erkennen, dass Teilnehmer insgesamt sehr zufrieden mit ihren Ärzten sind. So sagen etwa 90 Prozent, dass sie ihren Arzt weiterempfehlen würden. Trotzdem lassen sich Unterschiede in einzelnen Kriterien erkennen. Und darum geht es in der Arztsuche: Die Nutzer sollen nach Aspekten schauen können, die ihnen persönlich wichtig sind. Denn bei dem Portal handelt es sich nicht etwa um eine Rangliste, sondern um eine individuelle Unterstützung.
Wie geht es weiter?
Bislang sind die Ergebnisse aus den Pilotregionen in das Arztsuchportal eingeflossen. Es wird noch einige Zeit brauchen, bis es bundesweit mit Ergebnissen aus der Befragung befüllt ist. Jetzt sind die Versicherten gefragt: Sie können mit ihrer Stimme dafür sorgen, dass nach und nach eine echte Orientierungshilfe für alle Patienten in Deutschland entsteht. Sie können anderen Patienten helfen, einen für sich passenden Arzt zu finden.
Das Interview führte die Redaktion.














